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Brasiliens Superstar Neymar (l.) hatte die Partie auf der Bank mitverfolgt. Die Bilder des Spiels ZUM DURCHKLICKEN
Brasiliens Superstar Neymar (l.) hatte die Partie auf der Bank mitverfolgt. Die Bilder des Spiels ZUM DURCHKLICKEN © getty

Die Selecao leckt nach der Pleite gegen die Niederlande die Wunden, Superstar Neymar überrascht Scolari mit einer Geste.

Brasilia - Der verletzte Superstar Neymar starrte nach der 0:3-Pleite gegen die Niederlande (Bericht) traurig ins Leere, Trainer Luiz Felipe Scolari saß wie ein Häufchen Elend auf der Bank: Die einst so ruhmreiche Selecao bot nur noch ein Bild des Jammers.

Nach der zweiten Demütigung innerhalb von fünf Tagen verließen die brasilianischen Spieler unter Pfiffen und Buhrufen den Rasen des Estadio Nacional.

Statt eines rauschenden Festes endete die WM für den Gastgeber mit einem fürchterlichen Kater (DATENCENTER: WM-Spielplan).

"Wir müssen beim Volk um Entschuldigung bitten", sagte ein sichtlich mitgenommener Kapitän Thiago Silva nach der Schlappe im Spiel um Platz drei in Brasilia.

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Außenverteidiger Maicon nannte die Weltmeisterschaft nach dem historischen 1:7 im Halbfinale gegen Deutschland und der bitteren Pleite am Samstag "eine Schande, ein Desaster."

Scolari sollte den Rekordchampion zum sechsten Titel führen, jetzt liegt der brasilianische Fußball am Boden.

"Fußball-Armut wurde deutlich"

Nach den Gegentoren von Robin van Persie (3./Foulelfmeter), Daley Blind (17.) und Georginio Wijnaldum (90.+1) empfand Thiago Silva nur noch "Frust". Die Trauer, betonte er, sei riesengroß: "Du musst jetzt nach Hause fahren und deiner Familie sagen, dass es nicht geklappt hat."

"Erneut ein Fiasko", schrieb die Zeitung "Folha", während "Correio Braziliense" titelte: "Die Fußball-Armut des Teams von Scolari wurde einmal mehr deutlich."

Insgesamt 14 Gegentore hat die Selecao kassiert - so viele wie noch kein WM-Gastgeber zuvor. Die Offensive präsentierte sich nach Neymars Ausfall hilf- und harmlos.

Zwei WM-Pleiten in Folge hatte es zudem zuletzt vor 40 Jahren in Deutschland gegeben.

Angesichts dieser ernüchternden Bilanz scheint eine Trennung von Scolari die logische Konsequenz.

Flirt mit Mourinho

Felipao, der Brasilien 2002 zum fünften WM-Titel geführt hatte, legte sein Schicksal in die Hände des Verbandes.

"Der Präsident", so der 65-Jährige, "muss die Entscheidung treffen." Das brasilianische Volk hat bereits entschieden. Schon vor der Partie gegen die Niederländer bedachten sie den Nationaltrainer mit einem Pfeifkonzert, nach dem Spiel folgten Beschimpfungen.

Die Nachfolge-Suche im Verband läuft schon auf Hochtouren. Laut "Marca" hätte der brasilianische Verband CBF gerne Jose Mourinho als Nachfolger verpflichtet und nach dem Halbfinal-Aus die Fühler nach ihm ausgestreckt.

Der Agent des Portugiesen habe allerdings klargestellt, dass der Coach im Moment einen Weggang vom FC Chelsea ausschließe.

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Cesar tritt zurück

Indes kündigte Nationaltorwart Julio Cesar seinen Abschied aus der Selecao an.

"Die Zeit ist gekommen für andere Torhüter, und ich denke, Brasilien hat sieben oder acht, die bereit sind, sich das Nationaltrikot überzustreifen", sagte Cesar.

"Das ist wahrscheinlich meine letzte WM. 2015 die Copa America mit 35 Jahren zu spielen, wäre ziemlich kompliziert."

Robben mit verhaltener Freude

Doch auch bei den siegreichen Holländern war die Stimmung nicht überschäumend.

"Wir haben den Kater wegspielen können", stellte Robben zwar fest, "aber die Enttäuschung überwiegt."

Der 30-Jährige vom deutschen Rekordmeister Bayern München war sich im Moment des Sieges noch einmal bewusst, welch große Möglichkeit Oranje und er selber durch die bittere Halbfinal-Niederlage im Elfmeterschießen gegen Argentinien verpasst hatten: "Vielleicht haben wir diese Chance nie mehr".

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Neymar herzt Trainer

Brasiliens Star Neymar nahm gleich nach dem Spiel Abschied. Der 22-Jährige tauchte plötzlich in der Pressekonferenz auf und drückte Scolari herzlich.

Ob es ein Dank an einen scheidenden Trainer war? Diese Frage müssen nun die Verantwortlichen beantworten. Auch wenn Scolari herausstellte, dass man erstmals seit zwölf Jahren wieder zu den besten vier Mannschaften der Welt gehöre, war die WM ein böser Albtraum.

"Ein schreckliches Gefühl, das kann man gar nicht in Worten beschreiben", sagte Oscar, der einzige Brasilianer, der an einem tristen Abend für Lichtblicke sorgte.

David Luiz macht Mut

Der 22-Jährige vom FC Chelsea ist einer der Akteure, an die Scolari dachte, wenn er erklärte: "Die jungen Spieler haben sehr viel gelernt. Davon werden sie in der Zukunft profitieren." Auch David Luiz richtete den Blick in der schweren Stunde voraus.

"Wir müssen weitermachen, denn es kommen andere Gelegenheiten für uns", sagte der Innenverteidiger. Doch die Gelegenheit, sich im eigenen Land bei der WM unsterblich zu machen, haben die Brasilianer kläglich verpasst.

"Brasilien hat bewiesen, dass es fähig ist, eine wunderschöne WM zu organisieren", sagte der Wolfsburger Luiz Gustavo. Die Mannschaft war es nicht.

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