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Radamel Falcao (l.) und Luis Suarez (r.) fehlen ihren Teams im WM-Achtelfinale. ZUM DURCHKLICKEN: Die Tops und Flops der Vorrunde © getty

Ohne die Stürmerstars Radamel Falcao und Luis Suarez sind Kolumbien und Uruguay vor dem WM-Achtelfinale in ihrem Trotz vereint.

Von Patrick Mayer

München/Rio de Janeiro ? Es war eine traurige Nacht. Für Radamel Falcao. Für ganz Kolumbien. Und für Trainer Jose Pekerman.

Der Argentinier musste am 3. Juni verkünden, dass Superstar Falcao vom AS Monaco nach seinem Kreuzbandriss im Januar nicht rechtzeitig fit für die WM in Brasilien werden würde (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014).

Es folgte die große Trotzreaktion auf dem Platz. Griechenland? 3:0 aus dem Weg geräumt. Elfenbeinküste? 2:1 niedergekämpft. Japan? 4:1 vorgeführt. Und jetzt soll das Viertelfinale her ? zum ersten Mal.

Achtelfinal-Gegner Uruguay (ab 21.30 Uhr im LIVE-TICKER) will das verhindern. "La Celeste", wie die Fans ihr Team rufen, reist nach der Sperre für Beißer und Torjäger Luis Suarez (BERICHT: Kannibale mit Karriereknick) mit mächtig Wut im Bauch nach Rio de Janeiro.

Im altehrwürdigen Maracana treffen also zwei Teams aufeinander, die von einer Jetzt-erst-recht-Mentalität getragen werden.

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Karriereknick in Deutschland

Da ist auf der einen Seite der 64 Jahre alte Pekerman.

Deutschland war sein Karriereknick. Seit acht Jahren plagt ihn, was am 30. Juni 2006 im Berliner Olympiastadion geschah. Pekerman kehrte als Staatsfeind Nummer eins nach Argentinien zurück.

Weil er, der gewiefte Taktiker, der dreimalige U20-Weltmeister, sich dieses eine Mal verzockt hatte. Im Viertelfinale gegen das DFB-Team stand es 1:0 für die "Albiceleste", als er seine beiden letzten Wechsel vornahm.

Rücktritt in Pressekonferenz

Die argentinischen Fans erinnern sich noch heute daran, wen er tatenlos auf der Bank sitzen ließ: einen 19-Jährigen namens Lionel Messi.

Deutschland glich aus, Argentinien verlor im Elfmeterschießen. Pekerman wurde als Trottel verspottet, der das größte Talent des Weltfußballs nicht brachte. Er verkündete direkt im Anschluss auf der Pressekonferenz seinen Rücktritt.

Pekerman flüchtete in die Abgeschiedenheit Mexikos, bis er im Dezember 2011 einen Anruf des kolumbianischen Verbandes erhielt.

Tochter überredete ihn

Er zweifelte. Das Fußballgeschäft hatte ihm zugesetzt. Doch Tochter Vanessa überredete ihn. "Papa", sagte sie demnach, "so oder so: du musst wieder zur WM." Pekerman unterschrieb, die Presse begrüßte ihn als "überbezahlten Argentinier".

Doch Pekerman, dem überragende psychologische Fähigkeiten nachgesagt werden, führte die Mannschaft um den torgefährlichen Spielmacher James Rodriguez als Dritter der Südamerika-Gruppe zur WM.

Am Tag nach der Qualifikation erhielt er die kolumbianische Staatsbürgerschaft ehrenhalber. Doch dann der große Rückschlag.

"Ich muss schmerzvoll erklären, dass Falcao und Luis Perea wegen ihrer Verletzungen nicht an der WM teilnehmen können. Ich wollte Falcao um jeden Preis dabei haben, denn manchmal kann ein Mann Berge versetzen", sagte der Trainer am 3. Juni.

Valderrama lobt Pekerman

Jetzt lag es an ihm, Berge zu versetzen. Mit neun Toren stürmte sein Team, das in überfallartigen Kontern seine Stärke hat, ins Achtelfinale. Nur die Niederlande traf häufiger. "Er hat unserem Fußball wieder eine Identität gegeben", meinte Kolumbiens Idol Valderrama.

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"Wir wollen weitergehen, alles für dieses Land zu geben. Immer weiter, Schritt für Schritt", schrieb Regisseur Rodriguez auf Facebook. Seine Mannschaft hat Pekermans' Jetzt-erst-recht-Mentalität verstanden.

Uruguay wittert Verschwörung

Es ist eine Haltung, die auch in Uruguay Hochkonjunktur hat.

"Lynchjustiz!", "Hinrichtung!", "Skandal!", tobte die dortige Presse. Nach dem WM-Ausschluss von Torjäger Luis Suarez ist Uruguay wütend.

"Nichts kann uns stoppen", brüllte Kapitän Diego Lugano den "Verschwörern" entgegen - völlig außer sich über das Urteil der Disziplinarkommission der FIFA, die Fanliebling Suarez nach dessen Beiß-Attacke gegen den Italiener Giorgio Chiellini für neun Spiele und vier Monate gesperrt hatte.

Lugano traf damit den Nerv des Drei-Millionen-Volkes am Rio de la Plata. Seine Mitspieler wetterten ebenfalls.

"Eine Lynchjustiz im 21. Jahrhundert", schimpfte Horacio Yanes. "Es fehlt nur der elektrische Stuhl. Eine Sache ist eine Strafe, die andere eine Hinrichtung", meinte Sergio Abreu.

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Trainer hofft auf Trotzreaktion

Unterstützung kommt ausgerechnet vom Gegner.

Pekerman riet Uruguay, sich Kolumbien als Vorbild zu nehmen. Schließlich müsse sein Team ja auch auf Falcao verzichten.

"Es ist immer schwierig, wichtige Spieler zu verlieren, aber du musst nach vorne schauen. Wenn so etwas passiert, muss man den Kopf oben halten, weitergehen", sagte er. "Unser Respekt ist sehr groß, ob Uruguay jetzt mit oder ohne Suarez spielt."

Sein Gegenüber Oscar Tabarez hofft auf eine Trotzreaktion. So wie 1950, als Uruguay just im Maracana Brasilien den schon bereitgestellten WM-Pokal entriss. "Wir sind jetzt alle Suarez!", schreiben die Fans bei Twitter. Uruguay eint der Frust über die Sperre des Stürmers vom FC Liverpool.

Und die beiden Kontrahenten verbinden drei Worte: Jetzt erst recht.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

KOLUMBIEN: 1 Ospina/OGC Nizza (25/47/0) - 18 Zuniga/SSC Neapel (28/54/1), 2 Zapata/AC Mailand (27/26/0), 3 Yepes/Atalanta Bergamo (38/100/6), 7 Armero/West Ham United (27/56/2) -13 Guarin/Inter Mailand (27/50/4), 8 Aguilar/FC Toulouse (29/51/5) - 11 Cuadrado/AC Florenz (26/31/5), 10 Rodriguez/AS Monaco (22/25/8) - 9 Gutierrez/River Plate (29/32/13), 21 Martinez/FC Porto (27/29/10)

URUGUAY: 1 Muslera/Galatasaray (28/610) - 16 Maxi Pereira/Benfica Lissabon (30/92/3), 3 Godin/Atletico Madrid (28/80/4), 13 Gimenez/Atletico Madrid (19/8/0), 22 Caceres/Juventus Turin (27/60/1) - 14 Lodeiro/Botafogo FR (25/29/3), 17 Arevalo/Monarcas Morelia (32/58/0), 20 Gonzalez/Lazio Rom (29/46/2), 7 Rodriguez/Atletico Madrid (28/76/8) - 10 Forlan/Cerezo Osaka (35/111/36), 21 Cavani/Paris Saint-Germain (27/65/22)

SCHIEDSRICHTER: Björn Kuipers (Niederlande)

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