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Mit Trainer Vahid Halilhodzic (r.) schaffte es Algerien erstmals in ein WM-Achtelfinale © getty

Der muslimische Fastenmonat könnte für den deutschen Achtelfinal-Gegner Algerien zum Nachteil werden. Mediziner sind sich uneinig.

Von Christoph Lother

München - Die algerische Nationalmannschaft steht vor dem größten Spiel ihrer Geschichte - doch in die Vorfreude mischt sich mancherorts auch die Sorge.

Wird die Kraft reichen? Kann den schwierigen Umständen getrotzt werden? Was tun, wenn die Konzentration nachlässt?

Der Grund für die offenen Fragen und Bedenken vor dem WM-Achtelfinale gegen Deutschland am kommenden Montag (ab 21.30 Uhr im LIVE-TICKER) in Porto Alegre ist klar: Am Samstag hat für die weltweit 1,6 Milliarden Muslime der Fastenmonat Ramadan begonnen.

Und damit auch für nahezu das komplette Team der Algerier.

29 Tage fasten

An den insgesamt 29 Tagen dieses neunten Monats des islamischen Mondkalenders, der erstmals seit 28 Jahren wieder in den Zeitraum einer Fußball-WM fällt, dürfen die Gläubigen vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang nichts essen und nichts trinken.

So will es das Heilige Buch des Islam, der Koran.

Eine erhebliche körperliche Schwächung für die Spieler von Trainer Vahid Halilhodzic, zumal die Partie gegen die DFB-Elf erst um 17 Uhr Ortszeit und damit elf Stunden nach der Morgendämmerung beginnt (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014).

FIFA fürchtet "kein gesundheitliches Risiko"

Ohne einen einzigen Tropfen getrunken zu haben, Leistungssport betreiben? Und das möglicherweise auch noch bei drückender Hitze?

Was bei vielen Beobachtern Bedenken hervorruft, sieht die FIFA erstaunlich gelassen.

"Wir haben umfangreiche Untersuchungen über Spieler während des Ramadan gemacht. Wenn er adäquat befolgt wird, gibt es keine Abschwächung der physischen Leistung von Spielern", sagte der Chefmediziner des Weltverbands, Jiri Dvorak, und versicherte:

"Die Ärzte, mit denen wir gesprochen haben, fürchten kein gesundheitliches Risiko."

Kölner Sportmediziner schlägt Alarm

Ganz anders bewertet Sportmediziner Markus de Marees die Situation.

"Während eines Fußballspiels kann der Aktive individuell unterschiedlich bis zu sechs Liter Flüssigkeit über die Haut verlieren", erklärte der Leiter des Bereichs Leistungsphysiologie an der Deutschen Sporthochschule Köln zuletzt und fügte hinzu:

"Es ist mehr als unwahrscheinlich, eine 90-minütige Belastung innerhalb einer zwölfstündigen Fastenperiode bei 30 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von über 80 Prozent ohne Leistungseinbuße - wenn überhaupt - ohne gesundheitliche Schäden zu absolvieren."

Sonderregelung für Reisende

Auch unter den Algeriern selbst sorgt der Ramadan für Diskussionen.

Immerhin ist der Islam in dem 32-Millionen-Einwohner-Land Staatsreligion und das Fasten eine der obersten Pflichten.

Doch es gibt Ausnahmen. Reisende könnten das Fasten nachholen, heißt es in der Heiligen Schrift.

Darüber, ob diese Sonderregelung auch auf die in Brasilien weilenden Fußballer zutrifft, konnten sich die algerischen Religionsführer bislang allerdings noch nicht einigen.

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Abwehrchef Bougherra will fasten

Bei Nationaltrainer Halilhodzic sorgt die Problematik indes für spürbar schlechte Laune.

"Wir reden nicht über Religion und Politik, ist das klar?", entfuhr es dem Bosnier bei einer Medienrunde im algerischen WM-Quartier.

Er sei "nicht hier, um über den Islam oder sonst etwas zu sprechen".

Dafür äußerte sich sein Kapitän Madjid Bougherra.

"Ich entscheide nach meiner körperlichen Verfassung, aber ich glaube, ich werde es machen", sagte der Abwehrchef der Nordafrikaner.

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Nicht nur Algerier betroffen

Doch nicht nur im Kader der Algerier stehen muslimische Spieler.

Auch für Frankreichs Karim Benzema und Paul Pogba oder die Belgier Marouane Fellaini, Mousa Dembele und Nacer Chadli könnte der Fastenmonat während der WM zu einem ernsthaften Problem werden - sofern sie sich denn daran beteiligen sollten.

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Özil und Khedira fasten nicht

Für Deutschlands Offensivmann Mesut Özil kommt das Fasten "leider nicht infrage".

"Ich kann da nicht mitmachen, weil ich arbeite", erklärte der in Gelsenkirchen geborene Sohn türkischer Eltern unter der Woche.

Sein Teamkollege Shkodran Mustafi, ebenfalls Anhänger des muslimischen Glaubens, meldete sich bislang noch nicht zu Wort.

Der Deutsch-Tunesier Sami Khedira hingegen hatte bereits vor einigen Jahren erklärt, aus beruflichen Gründen auf das Fasten zu verzichten.

Eine Entscheidung, die nun auch der eine oder andere Profi im Team der Algerier erwägen dürfte.

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