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Vahid Halilhodzic trainierte die algerische Nationalmannschaft seit 2011
Vahid Halilhodzic führte die Algerier erstmals in ein WM-Achtelfinale © getty

Algeriens Trainer Vahid Halilhodzic hat eine bewegte Vergangenheit. Achtelfinal-Gegner Deutschland begegnet er ohne Furcht.

Porto Alegre - Es waren diese Tage im Jahr 1992, die aus Vahid Halilhodzic, mittlerweile Trainer des deutschen WM-Achtelfinal-Gegners Algerien (Mo., ab 21.30 Uhr im LIVE-TICKER), einen anderen Mann machten.

Der Bosnienkrieg stand kurz vor dem Ausbruch, da sahen kroatische Separatisten in ihm und seiner Familie schon die perfekte Zielscheibe.

Der Starcoach des beliebten Fußball-Klubs Velez Mostar als Kriegsgefangener, als Trophäe? Ein verlockender Gedanke.

Halilhodzic handelte instinktiv. Er brachte seine Liebsten in Sicherheit, besorgte sich eine Waffe und kämpfte fortan um sein Hab und Gut:

Ein Haus sowie eine Bäckerei und ein Restaurant, die der Trainer Halilhodzic nebenbei betrieb.

Und er verlor alles, nachdem ihn ein Heckenschütze außer Gefecht gesetzt hatte.

"Aus Menschen Tiere gemacht"

"Ich war der erste Verletzte in Mostar", sagt der heute 61-Jährige rückblickend.

Über diese Zeit spricht er auch mehr als 20 Jahre danach nur ungerne: "Ich habe Gräueltaten erleben müssen, eineinhalb Jahre lang. Sie haben aus Menschen Tiere gemacht."

Halilhodzic, der schon vor jenen unseligen Tagen wegen seiner Vergangenheit als erfolgreicher Velez-Stürmer ein bosnisches Idol war, genoss bei seinen Landsleuten danach ein noch höheres Ansehen.

Rund 5.000 Menschen sollen nach der Operation vor dem Krankenhaus gestanden und ihn angefleht haben, in Bosnien zu bleiben.

Bis 1993 hielt es Halilhodzic in seiner Heimat aus, dann unterschrieb er beim französischen Klub AS Beauvais und startete eine erfolgreiche Trainer-Karriere.

Torjäger, aber kein Topstar

Als Spieler war dem heutigen Coach der algerischen Nationalmannschaft der ganz große Erfolg zuvor noch verwehrt geblieben.

Der ehemalige Stürmer traf zwar am laufenden Band, vor allem für Mostar (1971 bis 1981) und den FC Nantes (1981 bis 1986).

Er spielte auch 15-mal für die jugoslawische Nationalmannschaft, aber der große Durchbruch wollte ihm nicht gelingen.

"Wahrscheinlich war mein Name einfach zu lang für die Anzeigetafeln in Belgrad", sagt Halilhodzic.

Erfolgreiche Zeit in Frankreich

Dass er als Trainer ein exzellenter Fachmann ist, bewies er vor allem in Frankreich.

Den OSC Lille führte Halilhodzic 2000 in die erste Liga, ein Jahr später wurde er als Trainer des Jahres ausgezeichnet.

Nach einer Saison bei Stade Rennes wechselte er 2003 zu Paris St. Germain und feierte 2004 den Pokalsieg und die Vizemeisterschaft.

Sein Verhältnis zu den Medien war überall gestört und ist es noch heute, egal, wo er gerade arbeitet.

Auch in Brasilien verging während der Endrunde kaum ein Tag, an dem er nicht mit Journalisten aneinander geriet (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014).

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Schwieriges Verhältnis zur Presse

"Man hat versucht, das Bild einer harten Persönlichkeit zu zeichnen und damit seine Fähigkeiten als Trainer zu negieren", sagte Rennes-Manager Pierre Dreossi einst.

Er schien mit seinem Versuch, das schwierige Verhältnis zwischen Halilhodzic und der Presse zu erklären, richtig zu liegen.

Wegen jener Vorurteile, sagte der Trainer, "haben mich auch schon Vereine in Frankreich nicht als Trainer engagieren wollen".

Vielleicht war auch die öffentliche Wahrnehmung ein Grund für das plötzliche Aus als Trainer der Elfenbeinküste.

Die "Elefanten" hatte Halilhodzic zur WM-Endrunde nach Südafrika geführt, und dennoch wurde er Anfang 2010 nach nur einer Niederlage in zwei Jahren entlassen.

"Sehr schade und sehr enttäuschend" sei das gewesen, sagte Halilhodzic.

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Keine Angst vor Deutschland

So überrascht es wenig, dass er in diesen Tagen trotz aller Reibereien mit den Medien die Erlebnisse in Brasilien aufsaugt, den Erfolg und die Momente im Rampenlicht genießt.

Am Montag trifft er mit seinen "Wüstenfüchsen" nun im WM-Achtelfinale in Porto Alegre auf die DFB-Elf, der er mit Respekt, aber ohne Angst gegenübertritt (BERICHT: Gefährdet der Ramadan Algeriens Traum?).

Angst kennt Halilhodzic, den der "Schweizer Tagesanzeiger" einst als einen "vom Krieg gestählten Mann" bezeichnete, seit jenen Tagen im Jahr 1992 nicht mehr.

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