Brasilien rettet sich gegen Chile ins WM-Viertelfinale. Das Land feiert, beim angeschlagenen Neymar gibt es Entwarnung.

[kaltura id="0_x0qsy541" class="full_size" title="Brasilien zittert sich ins Viertelfinale"]

Aus Belo Horizonte berichtet Martina Farmbauer

Belo Horizonte - Das Hoffen mündete in ein Meer voller Freudentränen.

Unbändiger Jubel hier, Danksagungen gen Himmel dort. Brasilien tanzte. Das kleine Chile hatte sich im WM-Achtelfinale so groß wie möglich gemacht. Im Elfmeterschießen fehlten gegen den mächtigen Rivalen dann aber doch ein paar Zentimeter.

Der Schuss von Gonzalo Jara war gegen den Pfosten geklatscht. Die knappste aller möglichen Entscheidungen - 4:3 nach Verlängerung und Elfmeterschießen (Bericht). Die Selecao war noch einmal davongekommen. Im Viertelfinale am kommenden Freitag in Fortaleza wartet nun Kolumbien, das sich mit 2:0 gegen Uruguay durchsetzte (Bericht).

Doch es dauerte nicht wirklich lang bis sich in all den Freudentaumel des WM-Gastgebers das genaue Gegenteil des Hoffens mischte: Das Bangen.

Neymar ist verletzt.

Wettlauf gegen die Zeit

"Wir tun unser Bestes, um ihn im nächsten Spiel auf dem Platz zu haben", sagte Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari. Es wird auch bitter nötig sein.

Während sich der nächste Gegner Kolumbien im Verlauf des Turniers zu einem spektakulären Ensemble mit dem neuen Superstar James Rodriguez als Sahnehäubchen mauserte, ist Neymar bei den bisher biederen Brasilianern mehr als eine Verzierung. Er ist alles.

Torschütze, Anführer, Leitfigur. Eine Ein-Mann-Show in der Offensive.

Sein Fehlen in der nächsten Runde wäre kaum zu kompensieren.

Teamarzt: "Kein Problemfall"

Doch am Sonntagabend konnten die Brasilianer etwas aufatmen. Es gab Entwarnung in Sachen Neymar.

Sein Einsatz am Freitag im WM-Viertelfinale gegen Kolumbien soll nicht gefährdet sein.

"Neymar hat einen Pferdekuss bekommen und klagt über Schmerzen. Aber ich denke, dass er kein Problemfall wird", verkündete Selecao-Arzt Jose Luiz Runco.

Neymar soll wie alle anderen angeschlagenen Akteure jedoch am Montag im WM-Quartier Teresopolis genauer untersucht werden.

"Glücklicherweise haben wir keine ernsthafteren medizinischen Probleme", vermeldete Runco.

Trainer Luiz Felipe Scolari hatte seinen Schützlingen nach dem nervenaufreibenden 3:2 im Elfmeterschießen im Achtelfinale gegen Chile einen freien Sonntag geschenkt.

Zu den Sorgenkindern gehören auch Fernandinho, der mit starken Muskelkrämpfen vorzeitig ausgewechselt wurde, sowie Abwehr-Ass David Luiz, der schon mit Rückenproblemen in die Partie gegen die Chilenen gegangen war.

Sicherer Ausfall für das anstehende Südamerika-Duell im Viertelfinale ist dagegen der Wolfsburger Luiz Gustavo nach seiner zweiten Gelben Karte.

[kaltura id="0_v46tad5t" class="full_size" title="Doppelpass: Brasilien zu abhängig von Neymar"]

Cesar hilft dem Helden

Schon nach wenigen Minuten hatte Neymar gegen Chile einen Schlag auf den rechten Oberschenkel bekommen. Danach musste er sich immer wieder kurz behandeln lassen.

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Der Künstler kämpfte. Er hielt durch. Ein verwandelter Elfmeter inklusive. Eine Heldengeschichte. Und doch nur die halbe Wahrheit.

Auch Neymar hatte Chile in der regulären nicht bezwingen können. Sein fünftes WM-Tor blieb ihm verwehrt. Also bedurfte es dieses Mal auch heroischer Taten eines Teamkollegen.

Torhüter Julio Cesar übernahm.

Elfmeterkiller im Tränenmeer

Für den Keeper war der Nachmittag im "Estadio Minerirao" in Belo Horizonte doppelt emotional - wegen des Sieges mit der Selecao und auch wegen seines persönlichen Erfolges. Vor Jaras Fehlschuss hatte er zwei Elfmeter der Chilenen abgewehrt.

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Viel ist über den Druck geredet worden, unter dem die brasilianische Mannschaft bei dieser Heim-WM steht. Die ganze Nation erwartet bei dem Turnier im eigenen Land nicht weniegr als den Titel.

An diesem Samstag hat sich dieser Druck gelöst und ist sichtbar geworden. Vor allem im Gesicht Cesars. (913666DIASHOW: Die Bilder des WM-Spieltages).

Schluchzend und von Tränen überströmt, sprach er in die TV-Kameras.

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Aus der MLS ins Selecao-Tor

"Nur Gott und meine Familie wissen, was ich die letzten vier Jahre durchgemacht habe", sagte Cesar: "Jetzt fehlen noch drei Stufen. Mein großer Traum ist es, Brasilien in einem großen Fest zu sehen."

Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika hatte er gegen die Niederlande daneben gegriffen, was das Aus im Viertelfinale bedeutete. Dieses Mal sollte alles besser werden. Schon im Trainingslager in Teresopolis hatte der Torhüter gesagt: "Ich fühle mich diesmal viel besser vorbereitet als 2010."

Viele zweifelten an seinen Worten. Einst bei Inter Mailand unter Vertrag hatte es Cesar zuletzt nach Kanada verschlagen. Zum FC Toronto in die amerikanische Major League Soccer.

Initialzündung für den Titelgewinn?

Seit Samstag sind die Kritiker verstummt.

"Vor vier Jahren, da war ich sehr traurig. Jetzt weine ich wieder, aber vor Glück. Meine Geschichte in der Selecao ist noch nicht zu Ende", stammelte Cesar.

Gegen Kolumbien könnte das nächste Kapitel geschrieben werden. Nicht das Ende. (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014).

Der Sieg gegen Chile soll nun die Initialzündung auf dem Weg zum Titel gewesen sein. Mittelfeldspieler Willian sah dann auch vor allem das Positive an dem intensiven Gefühlsstrom während und nach dem Spiel: "Im Viertelfinale sind wir schon besser vorbereitet, auch emotional."

Luiz Gustavo vom VfL Wolfsburg ergänzte: "Es ist immer gut, wenn Du ein solches Spiel gewinnst, das macht jede Mannschaft stark. Du glaubst immer mehr, dass wir das erreichen können."

Gustavo fehlt gesperrt

An ein mögliches Halbfinale gegen Deutschland wollte der 26-Jährige im Gespräch mit SPORT1 noch nicht denken - auch wenn er erst in der Vorschlussrunde wieder ins Geschehen eingreifen kann. Nach seiner zweiten Gelben Karte ist er gegen Kolumbien gesperrt.

Kein ganz so harter Schlag wie der mögliche Ausfall Neymars, aber sicher eine Schwächung.

Und wenn sich die Euphorie nach dem Sieg im Achtelfinale wieder ein wenig gelegt hat, beginnt es wieder: Das Hoffen und Bangen.

Von einem Durchmarsch des Teams geht jedenfalls kaum noch ein Beobachter aus. Manche Experten sprachen zuletzt sogar von einer der schlechtesten Selecao aller Zeiten.

Das sei eine Mannschaft, die die Bälle weit nach vorne schlage und hoffe, dass sie bei Neymar ankommen. Das Spiel erinnere folglich eher an Schottland als an Brasilien - nur ohne echte Stürmer.

Nicht auszudenken, wenn nun auch noch Neymar passen müsste.

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