Massive Preiserhöhungen sind einer der Gründe für die anhaltenden Proteste in Brasilien. Das gilt auch für den Stadionbesuch.

[kaltura id="0_jz7atowj" class="full_size" title=""]

Von Anuscha Loza

Rio de Janeiro - Seine Hände umklammern das Stadiongitter. Ribamar Pereira da Silva, 35, ist aber nicht eingesperrt - er ist ausgesperrt.

Das Maracana in Rio de Janeiro ist das wohl berühmteste Stadion der Welt. Am Sonntag (ab 20.30 Uhr im LIVE-TICKER) ist es der Schauplatz für das große WM-Finale zwischen Deutschland und Argentinien.

Für Ribamar war das Maracana sein zweites Zuhause. Wie viele andere Brasilianer bleibt ihm nach dem Umbau der Kultstätte aber nur noch der Blick von außen.

Dabei ist er doch eigentlich gefangen in seiner Leidenschaft für den Fußball - und Flamengo. Und dabei spielt das Maracana eine große Rolle.

1987 erstmals im Maracana

1987 war Ribamar zum ersten Mal bei einem Spiel der Rot-Schwarzen im Maracana. Mit seinem Vater, auf einem Stehplatz. Um ihn herum Erwachsene, er konnte nicht viel sehen. Aber gefühlt hat er viel.

Die Energie der Fans, ihre Leidenschaft für Flamengo. Drei Jahre später durfte er dann allein ins Stadion, mit seinen Freunden, den Jungs von der Straße.

Seitdem hat er jedes Heimspiel besucht. Die Stehplatztribüne hinter dem Tor war sein Wohnzimmer.

Das legendäre Maracana - DIASHOW zum Durchklicken

[image id="aa14b62f-63a9-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

"Wir waren dort total frei. Wildfremde Leute lagen sich in den Armen und haben zusammen geweint oder gelacht", erinnert er sich.

Ticketpreis um ein Vielfaches gestiegen

Doch nun steht Ribamar vor dem Maracana und wacht aus seinen Tagträumen an vergangene Zeiten auf. Für das WM-Spektakel wurde der Tempel umgebaut.

Der Ticketpreis hat sich nach der Wiedereröffnung um ein Vielfaches erhöht - eine Karte kann sich Ribamar nun nicht mehr leisten.

Erst recht nicht für das WM-Finale.

Ribamar Pereira da Silva, 35, lebt in einer Favela in Rio

[image id="aa2f209a-63a9-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

30 Euro sind zu viel

Und auch die billigste Karte für das größte Stadtderby, Flamengo gegen Fluminense, kostet 100 Reais, umgerechnet gut 30 Euro. Ribamar ist arbeitslos, er hält sich mit Aushilfsarbeiten über Wasser.

An den Mindestlohn, der derzeit bei 220 Euro pro Monat liegt, kommen seine Verdienste bei Weitem nicht heran. Von dem wenigen Geld muss er zudem noch seine Frau und zwei Kinder versorgen.

Massive Preissteigerungen wie diese sind einer der Gründe für die große Frustration in weiten Teilen der Bevölkerung, die zu den Protesten im Lande geführt haben.

Fußball ist mit Abstand der Volkssport Nummer 1 in Brasilien - doch für das ganze Volk ist er nach den teuren WM-Umbauten nicht mehr da. (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014).

Sinnbildlich dafür steht das legendäre Maracana Stadion.

Ein Fußballtempel, der zur Bühne für die großen Geschichten der Fußballhistorie wurde - hier zauberten Größen wie Zico oder Pele.

Die Erinnerungen daran sind es, die die Augen aller Profis leuchten lassen, die sich ihren Kindheitstraum erfüllt haben, und am Sonntag das größte Spiel ihres Lebens im einstmals größten Stadion der Welt absolvieren werden.

Nur der Name ist geblieben - mehr nicht

Geblieben ist vom einstigen Theater der Träume heute nur noch die Form. Und der Name. Zum Leidwesen von Ribamar.

"Ich wünschte, sie würden den Namen ändern. Wer das alte Maracana erlebt hat, der hält es im neuen nicht aus", sagt Ribamar.

Seine Gedanken sind romantisch verklärt: "Ich würde auch Geld sammeln. Und selbst spenden. Zehn Centavos, vielleicht sogar einen Real, für den Wiederaufbau des alten Stadions."

Ribamar weiß, dass das unmöglich ist. Er hat aber noch eine realistischere Idee, eigentlich ist es sogar eine Forderung.

"Sie sollten das Stadion nach einem Spieler benennen. Vielleicht Neymar, einem dieser Spieler der neuen Generation".

Eine Generation, die für Glitzer und Glamour steht, Fußball als Statuts und Show zugleich.

Unterhaltung statt Stimmung

Wo früher Ribamars Stehplatzblock war, sind heute Stuhlreihen, in zitronengelb und himmelblau gehaltene Sitze. So sieht es bunt und fröhlich aus - auch wenn der Großteil der Plätze leer bleibt.

Es wird Popcorn verkauft und in Plastiktüten eingeschweißte Hot Dogs.

[kaltura id="0_emi8iyai" class="full_size" title=""]

Ordner eilen herbei, wenn man die Füße auf die Lehne des Vordersitzes stellt.

Unterhalten werden, statt Stimmung machen, das ist die Devise. Die negativen Schlagzeilen über Gewalt sollen verschwinden: Fußball - ein sicherer Event für die ganze Familie.

Leben in der Favela

Ribamars Welt ist eine andere. Er lebt in der Favela Santa Marta.

Sicherheit hat für ihn eine existenzielle Bedeutung, die Probleme sind selbst in dieser befriedeten Favela andere.

Sein Umfeld ist nicht immer das Beste gewesen, darüber spricht Ribamar ganz offen. Jahrelang gehörte er zur Jovem Fla, einer für ihre Gewaltbereitschaft bekannte Ultragruppierung.

"Ich hatte deswegen niemals Probleme, bin nie ernsthaft mit irgendjemandem aneinander geraten. Mich interessiert nur der Fußball. Und um in Ruhe Fußball zu gucken, war es einfacher, für diese Jungs zu sein, als gegen sie", erklärt er beim Spaziergang durch die engen Gassen seiner Favela.

Besuch zu Hause

Es stinkt, es ist klamm und eng. Eine steile, wackelige Treppe führt zu seinem Zuhause.

Hier wohnt Ribamar mit seiner Familie. Neben der Küche mit angeschlossenem Bad hat Ribamar noch ein weiteres Zimmer.

Zielstrebig geht er hinein und macht die Kleiderschranktür auf: Trikot um Trikot holt er heraus.

Und Fahnen und Schals und Wimpel. Und alte Stadionhefte aus guten Zeiten.

SPORT1-Reporterin Anuscha Loza und Ribamar in dessen Wohnung

[image id="aa4ae482-63a9-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Einnerungen an ein Traumtor

Ribamar erinner sich an ein Tor. An das Tor schlechthin. Er klickt einen Link bei Yotube an, er hat ihn unter seinen Favoriten gespeichert.

2001 war es, im Finale des Campeonato Carioca, der stets umkämpften Stadtmeisterschaft. Das Hinspiel hatte Flamengo mit 1:2 gegen Vasco da Gama verloren, im Rückspiel führten die Rot-Schwarzen mit 2:1. Alles sah nach Verlängerung aus.

Plötzlich hält Ribamar mit seinen Schilderungen kurz inne und zeigt seinen Arm. Gänsehaut. Dejan Petkovic war es, der für Flamengo traf.

Das Traumtor von Petkovic für Flamengo

[youtube url="//www.youtube.com/embed/G9R_wcAr1JM"]

Es bricht aus Ribamar heraus, er jubelt, reißt die Arme hoch, so als sei er zurück im Jahr 2001, zurück auf der Tribüne des Maracana.

Das Tor hat er sich seitdem unzählige Male angeguckt, er fühlt es immer wieder aufs Neue.

Wie eine Spielfigur wurde Ribamar herausgeschnippst aus dem großen Spiel, in dem Geld unersetzlich geworden ist.

Es ist wohl der Preis des modernen Fußballs - von Leidenschaft allein lässt sich eine der modernsten Arenen der Welt eben nicht betreiben.

[kaltura id="0_uce8qfxj" class="full_size" title=""]

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel