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ZUM DURCHKLICKEN: Die Bilder des letzten Vorrunden-Spieltags © getty

Algerien feiert das Remis gegen Russland (Bericht). Vor dem Duell mit Deutschland erinnern sich die Nordafrikaner an die WM 1982.

Aus Curitiba berichtet Frank Hellmann

Curitiba - Islam Slimani sieht auf den ersten Blick wirklich ein bisschen ulkig aus.

Das Haupthaar hat er sich an den Kopfseiten fast vollkommen abrasiert, an Kinn und Wangen setzt er hingegen auf einen ordentlichen Bart.

Aber vielleicht täuscht die furchterregende Erscheinung: Der Stürmer der algerischen Nationalelf scheint ein eher zurückhaltender Typ zu sein, jedenfalls sind ihm die Ehrungen zum "Man of the match" immer etwas unangenehm. Immerhin so viel ließ sich der 26-Jährige entlocken.

"Es ist ein Traum, der wahr wird. Für mich, das Team und das ganze Land", sagte Slimani. Dabei funkelten die Augen des neuen Nationalhelden (912416DIASHOW: Die Bilder des Spieltags).

"Bonus"-Spiel gegen Deutschland

Seinem Kopfballtor zum 1:1 gegen Russland (Bericht) sei Dank, dass Algerien bei der vierten WM-Teilnahme zum ersten Male die Vorrunde überstand.

Und nun quasi als Belohnung am Montag in Porto Alegre das Achtelfinale gegen Deutschland spielen darf (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014).

"Das ist ein Bonus für uns", sagte Slimani noch, dann bat er darum, bitte zu den Kollegen gehen zu dürfen. Den Rest könne doch Nationaltrainer Vahid Halilhodzic erzählen.

Was der Bosnier, der eigentlich mit weiten Teilen der algerischen Presse seit Wochen über Kreuz liegt, bereitwillig tat.

Schande von Gijon nicht vergessen

"Wir haben nicht vergessen, was in der WM-Geschichte passiert ist", sagte der 61-Jährige: "32 Jahre sind eine lange Zeit, aber jeder spricht darüber."

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Halilhodzic meinte natürlich die Vorfälle bei der WM 1982, die zugleich Fluch und Segen des algerischen Fußball beinhalten.

Erst die 2:1-Sensation gegen die Übermacht Deutschland, dann die Schande von Gijon, als sich die Teutonen mit einem widerlichen Nichtangriffspakt gegen den Nachbarn Österreich in die nächste Runde mogelten (BERICHT: Die Schande von Gijon). Die Nordafrikaner blieben auf der Strecke.

Aber niemand von der aktuellen algerischen Generation war damals schon auf der Welt. Nicht einmal ihr Anführer.

Sieg gegen DFB ein TV-Renner

Kapitän Madjid Bougherra entstammt dem Jahrgang 1982, geboren dummerweise erst am 7. Oktober - also nach dem 16. Juni 1982 und dem Sieg gegen das DFB-Team. Damals, als sie in Algier auf den Straßen wahre Kopfstände aufführten.

Bouguerra erläutert glaubhaft, dass es nicht weiter schlimm sei, damals noch nicht gelebt zu haben: "Ich habe schon so oft die Bilder im Fernsehen gesehen. Sie werden immer wieder gezeigt. Erst recht vor einer WM."

Wie erst Rabah Madjer, dann Lakhdar Belloumi eine deutsche Hintermannschaft düpierte, in der damals Manfred Kaltz, Karl-Heinz Förster, Uli Stielike und Hans-Peter Briegel standen.

Der schmächtige Schnauzbartträger Belloumi wurde damals auf einen Schlag berühmt.

Halilhodzic will Denkmal zum Abscheid

Halilhodzic findet, dass all seine Spieler denselben Status bekommen und in ähnliche Sphären erhoben werden sollten. Schon jetzt.

"Algerien hat ein heroisches Match gespielt, es war perfekt und ich fühle mich unendlich stolz", sagte er. nach dem Remis gegen die ausgeschiedenen Russen.

[kaltura id="0_duem2o7s" class="full_size" title="Feuriger Jubel So feiert Algerien das Weiterkommen"]

Trotzdem wird sich der charismatische Coach von seinem Verband trennen. Er sei zu widerspenstig, heißt es.

Aber würde er noch einmal gegen Deutschland siegen, müsste man ihm unbedingt ein großes Denkmal bauen.

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Hoffen auf die "Fantastischen Vier"

In Porto Alegre seien am Montag die Rollen klar verteilt, stellte Halilhodzic klar: "Wir sind ein kleines, kleines Team, das gegen eine große, große Mannschaft spielt."

Was er von Deutschland halte? "Sie spielen technisch versiert, sie rennen nonstop - für uns wird das kompliziert."

Das mag wohl so sein, aber Leidenschaft und Begeisterung bringt dieser Außenseiter auf alle Fälle ein.

Ein Stürmer wie der bislang zweimal erfolgreiche Slimani, eine Dreierreihe mit Sofiane Feghouli (FC Valencia), Yacine Brahimi (Granada CF) und Abdelmoumene Djabou (Club Africain/Tunesien) dahinter - das ist die algerische Version der "Fantastischen Vier".

Algerier genießen Außenseiterrolle

Das Gros dieses Ensembles hat übrigens französische Wurzeln, in Frankreich sind die meisten geboren und einige fühlten sich dort verkannt - das schweißt zusammen.

Zumal sie den Worten ihres Lehrmeister fast blind gehorchen. "Wir folgen einfach den Instruktionen des Trainers", erklärte Slimani das Erfolgsgeheimnis.

Und der drei Jahre ältere Mittelfeldmann Carl Medjani ergänzte: "Gegen Deutschland wird es schwer, aber wir haben nichts zu verlieren."

Das scheint die allgemeine Haltung im algerischen Tross, der in Sorocaba im Großraum von Sao Paulo sein Basiscamp aufgeschlagen hat.

"Repräsentanten der arabischen Welt"

Dort wollen sie übers Wochenende nun wieder Kraft sammeln, um dann am Sonntag ausgeruht nach Porto Alegre, in den "fröhlichen Hafen" zu kommen.

Halilhodzic ist sich sogar sicher, dass nicht die vielen deutschstämmigen Bewohner auf den Tribünen des Estadio Beira-Rio den Ton angeben, sondern die algerischen Anhänger.

Wie sagte er noch nicht ohne Pathos in der Stimme: "Wir bekommen Glückwünsche von überall, denn wir sind Repräsentanten der arabischen Welt, und für uns werden die brasilianischen Zuschauer sein. Wir basteln an einem neuen Image und einer neuer Reputation."

Wittert da einer 32 Jahre später die nächste Sensation?

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