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Scolari (r.) mit Oscar (l.), dem einzigen brasilianischen Torschützen im Halbfinale
Deutschland schafft gegen Brasilien den höchsten Halbfinalsieg der WM-Geschichte. ZUM DURCHKLICKEN: Die Bilder des Halbfinal-Spiels © getty

Der Gastgeber wird von Deutschland vorgeführt und ausgebuht. Scolari lässt das Aus von Neymar nicht gelten - und tritt wohl ab.

Aus Brasilien berichtet Frank Hellmann

Belo Horizonte - Vielleicht muss man schon mal Weltmeister gewesen sein, um die Dinge ziemlich schnell so pragmatisch zu betrachten wie Luiz Felipe Scolari.

"Die Geschichte geht weiter, die meisten Spieler machen weiter - mit dieser Niederlage endet nicht das Leben. Auch mein Leben geht weiter."

Was der brasilianische Nationaltrainer in diesem Moment sagen wollte, war eindeutig: Liebe Landsleute, überhöht den Fußball nicht noch weiter.

Scolari: "Mein schlimmster Tag"

Doch damit ließ sich kaum erklären, was er selbst ja so eingestuft hatte: "Wenn ich zurückblicke auf meine Karriere als Spieler, Trainer oder Sportlehrer, dann war es mein schlimmster Tag."

Und: "In der Umkleide war es furchtbar. Vielleicht wird es in die Geschichte eingehen, dass ich die schlimmste Niederlage aller Zeiten zu verantworten habe."

Ein 1:7 gegen Deutschland. Im Halbfinale einer WM. Als Gastgeber. Schlimmer geht es für eine Fußball-Nation wie den fünfmaligen Weltmeister Brasilien wahrlich nicht (919143DIASHOW: Die Bilder des Spiels).

Dante als Thiago-Ersatz überfordert

Das wusste auch Luiz Gustavo, der sich in der bröckelnden Mannschaft vergeblich um den Zusammenhalt bemühte.

"Ich bin unendlich traurig", sagte der 26 Jahre alte Profi des VfL Wolfsburg: "Es war ein ganz schlechter Tag, und so darf man nicht verlieren. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte."

Auch sein Bundesliga-Kollege Dante, ein schlechter Vertreter des gesperrten Kapitäns Thiago Silva, rang um Fassung: "Es war schrecklich. Nach dem ersten Gegentor haben wir jede Seriosität verloren."

Die Nummer 13 hatte im 13. Länderspiel ebenfalls einen rabenschwarzen Tag erwischt. Wie paralysiert sah der Abwehrmann des FC Bayern bei den Gegentreffern zu.

Brasiliens Abwehr wie ein Hühnerhaufen

Scolari sprach von "Panik", die nach dem 0:1 um sich gegriffen hätte.

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Seine Elf wirkte verzagt und verunsichert - "von der ersten Minute an", wie der deutsche Mittelfeldspieler Toni Kroos feststellte.

Der Trupp in den gelben Trikots wirkte tatsächlich wie jener "Karnevalsverein", von dem nach einer Stunde die deutschen Anhänger sangen.

Die Selecao agierte wie ein Haufen Hühner, der nach Belieben vom spielfreudigen Gegner aufgescheucht wurde.

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Scolari nimmt Schuld auf sich

Die desolate Vorstellung sorgte zum Teil für hässliche Reaktionen: für Pfiffe, fokussiert auf den unglücklichen Stürmer Fred, für Krawalle, die hinterher an verschiedenen Orten im Land ausbrachen (News).

Trainer Scolari versuchte, die Wut in Bahnen zu lenken - indem er die Schuld umgehend auf seine starken Schultern lud.

"Ich habe die taktische Linie gewählt. Ich bin der Verantwortliche, also fällt das Ergebnis auf mich zurück", räumte der 65-Jährige ein.

"Dem brasilianischen Volk möchte ich sagen: Bitte entschuldigt diese Niederlage!", rief Übervater "Felipao" mit traurigen Augen aus: "Ich kann aber versprechen, dass wir für die Ehre weiterarbeiten und das Spiel um den dritten Platz bestreiten."

Trainer nimmt wohl seinen Hut

Am Samstag in der Hauptstadt Brasilia steht noch das "kleine Finale" an (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014). Aber wer braucht dieses Spiel noch?

Der Fußballlehrer aus Passo Funde wird danach ziemlich sicher aufhören - sein Kontrakt mit dem brasilianischen Fußball-Verband endet mit dem Turnier. Und auf dem Tiefpunkt.

Die Ausmaße schienen im ersten Moment gar nicht alle Beteiligten zu überblicken.

Linksverteidiger Marcelo wusste immerhin: "Das war der schlechteste Tag des brasilianischen Fußballs und der beste der Deutschen."

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Aus Titeltraum wird Albtraum

Wenn sich am 16. Juli 1950 bei der WM im eigenen Land ein bis heute nicht überwundenes "Maracanazo" im berühmten Maracana von Rio de Janeiro ereignet hat, ist jetzt in Belo Horizonte mindestens ähnliches geschehen.

Die Hauptstadt des Bundesstaates Minas Geiras hatte den 8. Juli 2014 kurzerhand zum Feiertag ausgerufen - nun wird das Datum und "BH", wie die City für die Einheimischen heißt, mit dem Tiefpunkt der brasilianischen Fußballgeschichte verbunden sein.

"Preparem-se! o hexa esta chegando!" steht an dem Mannschaftsbus der brasilianischen Delegation - "bereitet euch vor, die Hexa kommt näher."

Doch jetzt ist der sechste WM-Titel ganz, ganz weit weg. Aus dem Traum ist ein Albtraum geworden. Die Tränen, sie flossen früh in Sturzbächen.

David Luiz dürfte den höchsten Flüssigkeitsverlust verzeichnet haben. "Ich wollte dem brasilianischen Volk Freude bereiten, das haben wir nicht geschafft. Wir müssen uns alle entschuldigen", stammelte der Ersatzkapitän im ZDF.

Scolari: Neymars Fehlen keine Ausrede

Am Ende half es auch nichts, den verletzten Volkshelden Neymar beim Singen der Nationalhymne imaginär auf dem Platz zu belassen - Luiz zeigte voller Pathos ein Trikot mit der Nummer zehn.

Scolari wollte die Ausrede der Abwesenheit seines Superhelden nicht zulassen: "Es gibt kein Grund, anzunehmen, dass es mit Neymar besser gelaufen wäre. Er ist ein Angreifer."

Sein deutscher Kollege Joachim Löw glaubt übrigens: "Für so ein fantastisches Land mit so vielen freundlichen Menschen wird so eine Niederlage nicht so leicht wegzustecken sein."

Womit er wohl Recht hat.

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