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Die deutsche Mannschaft erreicht den höchsten Sieg in einem WM-Finale. ZUM DURCHKLICKEN: Die Bilder des Halbfinal-Spiels © getty

Das Wunder von Belo Horizonte hat höchst irdische Gründe. SPORT1 erklärt den spektakulären Erfolg der DFB-Elf über Brasilien.

Von Martin Volkmar und Thorsten Mesch

München/Belo Horizonte - Im Erfolg neigt Wolfgang Niersbach manchmal ein wenig zur Euphorie. Doch am Dienstagabend konnte dem DFB-Präsidenten keiner widersprechen.

"Das war Fußball von einem anderen Stern. Das ist historisch für den deutschen Fußball", sagte Niersbach nach dem 7:1-Triumph über Brasilien und hatte Recht. (919143DIASHOW: Die Bilder des Spiels).

Noch nie in der Geschichte des Fußballs wurde ein WM-Halbfinale so hoch gewonnen. Nur einmal überhaupt siegte eine deutsche Nationalmannschaft bei einer WM-Endrunde höher (8:0 gegen Saudi-Arabien 2002) - und noch nie kassierte Brasilien eine derart vernichtende Schlappe. (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014)

Doch das Wunder von Belo Horizonte hatte höchst irdische Gründe. SPORT1 fasst sie zusammen.

Frühes Tor bremst Brasiliens Anfangseuphorie

Die Gastgeber legten unterstützt vom anfangs frenetischen Publikum los wie die Feuerwehr. Wie in den letzten drei Spielen, als die Führungstore in der 17., 18. und 7. Minute fielen, war das erklärte Ziel auch diesmal ein schnelles 1:0.

Doch die von Mats Hummels hervorragend organisierte DFB-Defensive überstand die kurze Drangperiode relativ sicher.

"Es war wichtig, dieser Leidenschaft und diesen Emotionen von Brasilien mit Ruhe und Abgeklärtheit zu begegnen, natürlich auch mit Mut und unserer eigenen Stärke", analysierte Joachim Löw treffend.

"Dann haben uns unsere frühen Tore natürlich in die Karten gespielt", ergänzte der Bundestrainer.

Thomas Müller brachte das Stadion mit seinem Treffer nach elf Minuten zum Verstummen. Bis auf die Niederlande beim 2:1 gegen Mexiko hat es in der K.o.-Runde bislang kein Team geschafft, einen Rückstand in einen Sieg umzumünzen.

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Standards als Schlüssel zum Erfolg

Löws Chefscout Urs Siegenthaler hatte Brasiliens Sieg beim Confed Cup im Vorjahr maßgeblich auf die erfolgreichen Standards zurückgeführt. Daher optimierte die DFB-Elf vor der WM die bis dahin ganz schwache Ausbeute bei ruhenden Bällen.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Das eminent wichtige 1:0 durch Müller nach Eckball von Top-Vorbereiter Toni Kroos war bereits der sechste Treffer nach einer Standardsituation.

"Das ist unsere große Stärke", sagte Miro Klose.

Brasilien gibt Raum - Deutschland nutzt ihn

Die mit erfahrenen Legionären gespickte Selecao zeigte taktisch nach dem Rückstand eine katastrophale Leistung. Immer wieder entstanden riesige Lücken, weil das Team nicht in der Ordnung blieb.

Der übermotivierte Abwehrchef David Luiz etwa hielt fast nie seine Position, rannte stattdessen vogelwild über den Platz.

"Die Brasilianer haben taktisch alles falsch gemacht. Es war unglaublich, wie sie den Deutschen ins offene Messer gelaufen sind. Nach dem 0:1 sind sie komplett auseinandergefallen", erklärte Oliver Kahn im "ZDF".

Vor allem in der Defensive stimmte ohne den gesperrten Kapitän Thiago Silva gar nichts beim WM-Gastgeber.

Fast jeder Spieler stand zu weit vom Gegner entfernt, sodass die DFB-Elf sich beinahe körperlos binnen sechs Minuten zu den Toren zwei bis fünf kombinieren konnte (23. bis 29.).

Das galt besonders für die linke Seite, über die das zweite und dritte Tor fiel. Marcelo und Dante wirkten völlig überfordert. Der Bayern-Profi gewann bei seinem WM-Debüt laut Statistik in der ersten Halbzeit keinen Zweikampf.

"Das war ein einziges Durcheinander und Debakel. Die Abwehr - ein Hühnerhaufen ist geordnet dagegen - stand viel zu weit vom Gegenspieler entfernt", schimpfte Franz Beckenbauer bei "Sky":

"Das war stümper- und anfängerhaft."

Bezeichnend, dass das DFB-Team rund zwölf Kilometer mehr lief als die Gastgeber.

Totaler Einbruch bei Brasilien

Auch mental war die Selecao der selbst ernannten Rolle als WM-Favorit und zugleich der deutschen Dominanz nicht gewachsen. Nach dem zweiten Gegentor stellte das Team bis zur Pause fast die Gegenwehr ein und ließ sich wehrlos überrollen.

"Vielleicht war der Druck einfach zu groß. Die Erwartungen im eigenen Land an die Mannschaft hat sie vielleicht ein wenig gelähmt", meinte Löw. "Brasilien war offenbar nach unserem 2:0 geschockt und hatte keine Lösungen mehr."

Noch heftiger fiel das Urteil von Oliver Kahn aus. "Das war eine kollektive Implosion. Das war das totale Versagen einer ganzen Mannschaft von der ersten bis zur letzten Minute", sagte der Ex-Nationalkeeper.

"Högschde" Konzentration bis zum Schluss

Die DFB-Auswahl ließ sich von der aufgeheizten Atmosphäre im Stadion nicht beeindrucken und zog ihren Matchplan konsequent bis zum Ende durch.

Nach der Pause und der Auswechslung des angeschlagenen Hummels gab es zwar eine kurze Schwächephase, doch dann wären die Gäste wieder Herr über das Spiel.

"Deutschland war für Brasilien vielleicht genau der falsche Gegner. Wir haben das gnadenlos ausgenutzt und einfach nicht aufgehört", sagte Julian Draxler im Interview mit SPORT1.

Da passte es ins Bild, dass von der in der Vergangenheit oft so schlechten Chancenverwertung nichts mehr zu sehen war.

Im Gegenteil: Diesmal war fast jeder Schuss ein Treffer - sieben Tore bei zwölf Versuchen.

"Wir haben die Verunsicherung der Brasilianer eiskalt ausgenutzt", freute sich Löw.

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