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Brasiliens Trainer Luiz Felipe "Felipao" Scolari zwischen seinen Nationalspielern (u.a. Neymar, 2.v.l.) während des Trainings in Teresopolis © getty

Brasilien sorgt sich um die Psyche der Selecao und Neymar. Abräumer Gustavo muss Scolari schon ersetzen. Die Chance für Dante?

Von Florian Bogner

München - Eigentlich ist das Trainingszentrum Granja Comary in Teresopolis, einem Ort in den Bergen nahe Rios, gut abgeschottet. Die brasilianische Nationalmannschaft hat sich für Einsamkeit entschieden, weg vom Trubel der Millionenstädte - so gut das eben geht.

Dass sie am Montag Besuch einer besonderen Dame bekam, hat dennoch gleich die ganze Nation mitbekommen: Die Psychologin Regina Brandao schaute auf Wunsch von Trainer Luiz Felipe Scolari vorbei und wühlte ein wenig im Innersten der Selecao.

Psychologischer Beistand scheint vor dem Viertelfinale gegen Kolumbien (Fr., ab 21.30 Uhr im LIVE-TICKER) auch bitter nötig, angesichts der Vorkommnisse rund um das dramatische Achtelfinal-Spiel gegen Chile (Bericht). Zahlreiche in Tränen aufgelöste Spieler zeigten recht anschaulich, wie hoch der Druck ist, der auf den Nationalspielern lastet.

Der Druck, die WM gewinnen zu müssen. "Die Emotionen werden immer stärker. Das Weinen zeugt davon", sagte Fernandinho.

Brandao erklärt Besuch zur Routine

Dem Trainer ist das ein Dorn im Auge. "Weniger Herz und mehr Fußball", fordert Scolari gegen Kolumbien von seinen Männern, die er nicht gerne zu Memmen degradiert sieht.

Angesichts des hohen medialen Interesses an Brandaos unangekündigten Besuch sah sich der Brasilianische Fußball-Verband (CBF) jedenfalls genötigt, eine Presseerklärung Brandaos zu veröffentlichen.

"In Wirklichkeit war mein heutiger Besuch Teil unserer anfänglichen Planung", schrieb Brandao, die sich der Spieler bereits vor dem Turnier angenommen und Persönlichkeitsprofile erstellt hatte. "Außerdem konnte ich gar nicht lange bleiben, weil ich Vorlesungen an der Universität halten muss."

Im Übrigen stehe sie ohnehin permanent mit den Spielern in Kontakt - "übers Internet". Ramires sagte: "Wir hatten schon vor dem WM-Beginn ein Gespräch mit Regina. Was wir gegen Chile durchgemacht haben, wird uns zur Motivation dienen."

[kaltura id="0_mkf9dg3r" class="full_size" title="Neymar meldet sich fit f r Knaller "]

Neymar: "Mir geht es gut"

Mit wem genau sie gesprochen hatte, verriet Brandao indes nicht. Klar ist nur: Superstar Neymar wird dabei gewesen sein; schließlich ruhen auf seinen schmalen Schultern die größten Hoffnungen. Nachdem der 22-Jährige nach dem kräftezehrenden Chile-Spiel eine zweitägige Trainingspause eingelegt hatte, trainierte er am Mittwoch wieder.

"Mir geht es gut. Ich habe mich erholt, keine Schmerzen mehr", sagte er, voller Lust auf das Duell der 22 Jahre alten, prägendsten "Zehner" dieser WM, mit Kolumbiens James Rodriguez, den er in der Torjägerliste (4:5 Treffer) einholen will: "Ich hoffe, sein Zyklus endet jetzt", sagte Neymar, dem Oberschenkel und Knie Probleme gemacht hatten.

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Ohne den "Unsichtbaren"

Doch selbst wenn Neymar gegen Kolumbien auflaufen kann, wird Scolari umbauen müssen. Luiz Gustavo, der Abräumer vor der Abwehr, fehlt gelbgesperrt. Ein herber Verlust, wie der technische Direktor Carlos Alberto Parreira bestätigte. "Er ist der unsichtbare Mann im Team mit den besten Defensivkünsten der Welt", lobte er.

Am wahrscheinlichsten erscheint derzeit die Rückkehr von Paulinho gegen Chile aussortiert - in die Startelf; Fernandinho würde dann den defensiveren Part übernehmen. "Kein Problem, das habe ich in England oft so gespielt", sagte der Spieler von Manchester City.

Paulinho ist zwar meilenweit von seiner Confed-Cup-Form aus dem vergangenen Jahr entfernt, die von Scolari bereits eingesetzten Ramires und Hernanes machten ihre Sache aber auch nicht unbedingt besser.

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Scolari lässt Variante ohne Fred trainieren

Fernandinho/Paulinho hatten zudem schon beim 5:0 im Test gegen Südafrika kurz vor der WM schon Seite an Seite gespielt, das klappte ganz gut.

Scolari ließ am Mittwoch aber auch eine Taktikvariante ohne Stürmer Fred trainieren, brachte dafür mit dem bei dieser WM noch gar nicht eingesetzten Henrique einen weiteren Mittelfeldspieler und ließ vorne wahlweise Hulk oder Neymar zentral auftauchen.

Chance für Dante?

Eine dritte, von Scolari allerdings noch nicht erprobte Variante wäre, sich der Trainerkunst von Jose Mourinho zu bedienen und Innenverteidiger David Luiz, wie vergangene Saison beim FC Chelsea häufig der Fall, als "Sechser" aufzubieten - was die Chance für Bayerns Dante in der Verteidigung wäre.

Wahrscheinlich ist es allerdings nicht, dass Scolari sein Innenverteidiger-Duo David Luiz/Thiago Silva ohne Not auseinanderreißt. (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014)

"Wenn Felipao (Scolaris Spitzname, Anm. d. Red.) jemand anderen aufstellt, ist das für mich auch kein Problem", sagte Fernandinho. "Das wichtigste ist, dass wir die richtige Balance finden, um im Mittelfeld gegen Kolumbien sicher zu stehen."

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"Eine Krankheit"

So richtig davon überzeugt sind sie in Brasilien nicht, man fürchtet das schnelle Umschaltspiel der Kolumbianer. Analog zum deutschen Team bekam auch die Selecao nach dem knappen Achtelfinalsieg von den Experten im Lande ihr Fett weg.

"ESPN"-Kommentators Paulo Vinicius Coelho meinte sogar, das brasilianische Mittelfeld sei "eine Krankheit".

Und Ex-Star Careca sagte in Teresopolis: "Das Mittelfeld kommt nur sehr langsam in Bewegung. Oscar und Paulinho haben bisher nicht ihre beste Form gezeigt, Hulk hat Probleme in der Vorwärtsbewegung und Fred ist vorne isoliert."

Carecas Fazit: "Unglücklicherweise steht die Mannschaft im Viertelfinale, ohne bisher guten Fußball gespielt zu haben."

Scolari will Presse beeinflussen

Dass die labil erscheinende Selecao angesichts solcher Kommentare mehr Selbstvertrauen bekommt, ist nicht zu erwarten. Aber es gibt ja noch Papa Felipao, der nichts unversucht lässt, um sein Team auf Kurs zu halten.

So solll Scolari diese Woche sechs führende Journalisten zu einer Krisensitzung in ein Hinterzimmer des Trainingszentrums in Teresopolis gebeten haben. Scolaris Anliegen: positivere Berichterstattung. Damit nicht wieder Frau Brandao nach Teresopolis kommen muss.

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