vergrößernverkleinern
Bixente Lizarazu (l.) absolvierte 97 Länderspiele für die französische Nationalelf © getty

Vor dem Duell Frankreich gegen Deutschland warnt Ex-Bayern-Profi Bixente Lizarazu bei SPORT1 die DFB-Elf und lobt Deschamps.

Von Reinhard Franke

München - Über Langeweile kann sich Bixente Lizarazu nicht beschweren.

Im Gegenteil. Der Terminkalender des 44 Jahre alten Franzosen ist randvoll.

Der frühere Linksverteidiger des FC Bayern und Weltmeister von 1998 kommentiert die Spitzenspiele der WM für den TV-Sender "TF1", ist Experte für den Radio-Sender "RTL" und schreibt zudem täglich seine Kolumne in der französischen Sport-Zeitung "L'Equipe".

Nebenbei gibt er noch Interviews.

Vor dem WM-Viertelfinale Frankreich gegen Deutschland (ab 17.30 Uhr im LIVE-TICKER) spricht Lizarazu im SPORT1-Interview über "Les Bleus", die deutsche Elf und die jeweiligen Chancen aufs Weiterkommen. (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014)

SPORT1: Monsieur Lizarazu, zuletzt haben Sie sich etwas abfällig über die deutsche Nationalmannschaft geäußert. Sie sagten, dass man nur dank Manuel Neuer ins Viertelfinale gekommen sei.

Bixente Lizarazu: Das war gar nicht abfällig gemeint. Die Defensive hat alles andere als gut ausgesehen. Wenn man ehrlich ist, dann hat man das doch in Deutschland nicht anders gesehen. Neuer war Torwart und Libero in einer Person. Er ist vier, fünf Mal rausgehechtet wie früher ein Oliver Kahn.

SPORT1: Sie haben auch Frankreichs Trainer Didier Deschamps gereizt, indem Sie sagten, dass die Deutschen nicht unschlagbar sind.

Lizarazu: Ich wollte ihn nicht provozieren. Ich wollte nur Frankreichs Stärken loben. Deschamps ist ein Glücksfall für uns. Er ist der Star der Mannschaft. Unser junges Team hat mit ihm einen großen Trainer, der einen phantastischen Job macht. Er hat eine erstklassige Ansprache und hat die Jungs im Griff. Dank ihm ging es zuletzt aufwärts mit dem französischen Fußball. Ich bin sehr froh, dass er Frankreichs Trainer ist. (WM-Tippspiel: Mitmachen und 100.000 Euro gewinnen!)

SPORT1: Warum muss Deutschland gegen Frankreich aufpassen?

Lizarazu: Weil es kein Spaziergang wird. Man darf sich auf deutscher Seite nicht zu sicher sein. Frankreich kann der DFB-Elf genug Probleme bereiten. Wenn die deutsche Mannschaft in der Verteidigung so spielt wie gegen Algerien, dann sehe ich für die französische Mannschaft gute Chancen. Offensiv war Deutschland in den letzten Jahren immer sehr stark, aber im Abwehrbereich gab es viel Luft nach oben. Und das wurde im letzten Spiel sichtbar. Wenn Karim Benzema zum Beispiel so viel Platz hat wie die Algerier, dann kann das ganz schlimm werden für die Deutschen.

[tweet url="//twitter.com/hashtag/corcovado?src=hash"]

SPORT1: Benzema scheint endlich durchzustarten. Er spricht schon vom Titel. Was trauen Sie ihm zu?

Lizarazu: Dieser Spieler hat unglaubliches Potenzial und das zeigt er bei dieser WM. Er war zwar gegen Nigeria nicht in der Form wie in den anderen Spielen, aber er hat einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht. Wie das gesamte Team. Auch ein Antoine Griezmann gefällt mir bisher sehr gut. Er spielte zwei Mal von Anfang an und zeigt seine Stärken: er ist schnell und liebt das Spiel mit nur einem Ballkontakt.

SPORT1: Auf wen muss das deutsche Team noch achten?

Lizarazu: Auf Blaise Matuidi. Er ist für mich der zentrale Mann im französischen Team. Er rennt unglaublich viel und treibt ordentlich an. Zudem gibt es da noch Mathieu Valbuena, der immer brandgefährlich ist mit seinen Freistößen. Das gesamte Mittelfeld profitiert von Matuidi.

SPORT1: Was sind ansonsten die Stärken und Schwächen von Frankreich?

Lizarazu: Die Abwehr ist stabiler geworden als in der Vergangenheit. Da muss man sich wenig Sorgen machen. Allerdings fehlt dem Angriff die nötige Konstanz. Offensiv haben unsere Stürmer beim 3:0 gegen Honduras und beim 5:2 gegen die Schweiz stark gespielt, gegen Ecuador und Nigeria dagegen sah das nicht gut aus. (BERICHT: Frankreich müht sich)

[image id="de6d1e2b-63a5-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

SPORT1: Die Erwartungshaltung von Frankreich vor der WM ist aber schon erfüllt worden, oder?

Lizarazu: Auf jeden Fall. Das Ziel war das Viertelfinale und das ist gelungen. Ohne Franck Ribery war das vorher nicht unbedingt planbar. Er fehlt schon, aber andere Spieler rückten so in den Vordergrund. Schon in der Vorbereitung hat Frankreich spielerisch überzeugt. Deschamps ist es gelungen, eine kompakte Einheit zu bilden. Die Stimmung innerhalb der Mannschaft scheint hervorragend zu sein.

SPORT1: Was trauen Sie dem Team noch zu?

Lizarazu: Meine Hoffnung ist groß, dass im Viertelfinale noch nicht Schluss sein muss. Die Nationalelf ist nicht mehr zu vergleichen mit der von 2010, wo rein gar nichts zusammen ging. Jetzt will man wieder gemeinsam nach vorne gehen, ist gierig nach Erfolg.

SPORT1: Die Deutschen haben sich vor dem Turnier selbst zum Titelfavoriten ernannt. 2006 und 2010 war man jeweils Dritter. Ist der Titel jetzt also ein Muss?

Lizarazu: Man war in den letzten Jahren immer ganz nah dran und gehörte zu recht zum Favoritenkreis. Es sieht dieses Jahr sehr gut aus für die deutsche Elf, zumal es die letzte Chance für die Generation um Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger ist, Geschichte zu schreiben. Die deutsche Nationalmannschaft hat mit diesen zwei Spielern oft große Spiele hingelegt und dank ihnen ist man in den Jahren zuvor auch immer weit gekommen. Der Titel muss jetzt her, für Lahm und Schweinsteiger wäre es die Krönung einer tollen Karriere im Nationaltrikot.

SPORT1: Letzte Frage: Wer wird Weltmeister?

Lizarazu: Diese Frage hatte ich natürlich befürchtet. Sie ist immer schwer zu beantworten. Auch, wenn viele große Mannschaften schon raus sind, gibt es noch einige gute Kandidaten wie Brasilien, die Niederlande, die Deutschen und Frankreich. Sie alle haben die Chance auf den Titel. Brasilien als Gastgeber muss ja fast gewinnen, sie haben den größten Druck. Dass Spanien so früh ausgeschieden ist, damit war nicht zu rechnen, aber sie haben in den letzten Jahren offenbar zu viel gewonnen (lacht). Ich möchte mich nicht festlegen, hoffe aber natürlich, dass meine Franzosen ins Finale kommen.

[kaltura id="0_nki7mald" class="full_size" title="Didier Deschamps will nichts von Rache wissen"]

SHOP: Jetzt WM-Fanartikel kaufen

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel