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Giovane Elber wurde mit dem FC Bayern viermal Deutscher Meister © imago

Der frühere Bayern-Stürmer Giovane Elber spricht bei SPORT1 über Brasiliens Sturmprobleme und kritisiert Luiz Felipe Scolari.

Aus Brasilien berichtet Martina Farmbauer

Fortaleza - Giovane Elber hat gute Erinnerungen an Fortaleza.

Hier hat der 42-Jährige, der zehn Jahre in Europa spielte und in der Bundesliga für den FC Bayern München, den VfB Stuttgart und Borussia Mönchengladbach stürmte, schon oft Urlaub an den Stränden des Nordostens gemacht.

Hier hat er einst mit der brasilianischen Nationalmannschaft gegen Russland gewonnen.

Zum 5:1 im Freundschaftsspiel im November 1998 trug Elber zwei Treffer bei, obwohl er damals Konkurrenz von Spielern wie Ronaldo und Rivaldo hatte.

Bei der WM sucht Brasilien noch seinen Angriffszauber. Eine Steigerung der Offensive wäre von Nöten, um gegen die starken Kolumbianer zu bestehen (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014).

Vor dem WM-Viertelfinale (ab 21.30 Uhr im LIVE-TICKER) spricht Elber im SPORT1-Interview über das Sturmproblem der Selecao, die Last auf Neymars Schultern, die Tränen des Kapitäns und Kolumbiens James Rodriguez.

SPORT1: Herr Elber, was ist der Unterschied zwischen dieser brasilianischen Nationalmannschaft und der bei anderen Weltmeisterschaften?

Giovane Elber: Heute ist alles auf Neymar zugeschnitten, denn er ist unser Torjäger, das hat die WM bisher gezeigt. Aber klar, wir erwarten mehr von Fred und von anderen, die vorne spielen. Früher hatten wir nicht nur einen Spieler, sondern wir hatten mehrere, die die Tore geschossen haben.

SPORT1: Wenn einer mal keinen guten Tag hatte, dann gab's einen anderen, der eingesprungen ist.

Elber: Genau. Jetzt muss leider Neymar alles machen. Der Junge muss vorne Tore machen und sich hinten einschalten.

SPORT1: Wie lange im Turnier kann das gut gehen? Als Neymar aus dem Achtelfinale einen geschwollenen Oberschenkel davongetragen hat, war die Aufregung wieder einmal groß...

Elber: Ohne Neymar kommt Brasilien nicht ins Finale. Wir schauen nur auf das nächste Spiel. Wir haben gesehen, wie schwierig es gegen Chile war und jetzt hoffen wir, dass wir die Kolumbianer schlagen können.

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SPORT1: Die Nerven der Brasilianer scheinen angeschlagen zu sein. Die Teampsychologin Regina Brandao war diese Woche wieder sehr gefragt...

Elber: Da ist viel zu viel Druck drin. Das haben der Trainer (Luiz Felipe Scolari, Anm. d. Red.) und der technische Direktor (Carlos Alberto Parreira) selbst in die Köpfe der Spieler gesetzt. Klar, die Spieler sind nicht blöd, sie wussten schon: Bei einer WM in Brasilien sind sie Favorit. Aber der Trainer hat am Anfang der WM immer wieder gesagt: Wir haben schon eine Hand am Pokal, wir müssen nur das Ding durchziehen, dann sind wir Weltmeister. Und da hat er einen Fehler gemacht. Denn man hat gesehen: Man muss alles geben, um Weltmeister zu werden. Das geht nicht nur mit dem Namen. Der Name hat keine Rolle gespielt hier bisher bei der WM.

SPORT1: Parreira hat das Vorgehen der Trainer am ersten Tag der Vorbereitung damit begründet, Optimismus verbreiten zu wollen. Aber ist nicht mehr Druck als Motivation entstanden?

Elber: Ich glaube, im Nachhinein bereuen sie das. Felipe Scolari hat selbst gesagt, wenn er könnte, würde er noch einen anderen Spieler nominieren.

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SPORT1:Nun holt er nach dem Ausfall von Luiz Gustavo wohl wieder Fernandinho in die Startelf.

Elber: Scolari weiß überhaupt nicht, was er machen soll. Er hatte Zeit, die Mannschaft auszuprobieren, mit drei Manndeckern oder mit zwei Sechsern, ohne Neun oder mit einer falschen Neun. Das hat er vor der WM nicht gemacht, und das jetzt während der WM nicht zu machen, ist natürlich ganz schwierig.

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SPORT1: Was für eine brasilianische Mannschaft erwarten Sie gegen Kolumbien?

Elber: Normalerweise ist Brasilien immer Favorit, egal, wer der Gegner ist. Aber so wie wir uns präsentiert haben gegen Chile, hat gezeigt, dass es gut ist, nicht so viele Emotionen zu haben. Wir haben geweint nach dem Spiel, während des Elfmeterschießens, unser Kapitän wollte nicht schießen. Das sind Sachen, die dürfen nicht passieren.

SPORT1: Ist es ein Vorteil für die Kolumbianer, nicht so viel Druck zu haben wie die Brasilianer?

Elber: Gegen Brasilien kann man ausscheiden, das ist nicht so schlimm. Umgekehrt wäre es für Brasilien schlimm. Deswegen der Druck ist weiterhin auf brasilianischer Seite, und die Kolumbianer haben bis jetzt besser gespielt als die Brasilianer.

SPORT1: Jose Pekerman hat sie zur besten kolumbianischen Nationalmannschaft seit 1994 gemacht, James Rodriguez ist die lange ersehnte Zehn. Waren Sie auch beeindruckt von ihm?

Elber: Ja, er hat mich beeindruckt. Und die Mannschaft auch. Das ist schon wahnsinnig positiv. Kolumbien hat wieder eine gute Mannschaft und die Spieler sind erleichtert, dass sie im Achtelfinale weitergekommen sind, dass sie im Viertelfinale gegen den großen Favoriten Brasilien spielen. Die Brasilianer werden ein Problem haben.

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SPORT1: Können sich ihre Fans also auf ein Halbfinale gegen Deutschland freuen?

Elber: Die Chilenen haben auch gesagt: "Wir werden Brasilien schlagen." Und für mich war das die beste chilenische Mannschaft, die ich je gesehen habe. Man muss von brasilianischer Seite sehr auf das Glück hoffen. Spielerisch hat Brasilien nicht das Potential gezeigt, dass es beim Confederations Cup gezeigt hat.

SPORT1: Es ist viel die Rede davon, dass Brasilien die beste Defensive der WM hat. Brasilien, das für seine Fußballkunst berühmt ist. Hat es daran verloren?

Elber: Das ist wie bei Deutschland gegen Algerien: Es geht um das Weiterkommen. Es interessiert keinen, ob die Deutschen gut gespielt haben. Aber klar, Brasilien muss zu seiner Defensive noch einen Tick zulegen, um zu gewinnen und nicht umgekehrt. Früher haben wir immer noch mehr Tore geschossen, als wir kassiert haben. Heute kassieren wir wenige Tore oder gar kein Tor, aber wir schießen auch nicht so viele Tore. Und vielleicht muss man sich mit Neymar, mit Oscar etwas überlegen, dass sie irgendwann zaubern können da vorne.

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