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Jean-Marie Pfaff gewann 1985, 1986, 1987 die Deutsche Meisterschaft © getty

Jean-Marie Pfaff spricht bei SPORT1 über die Mentalität von Trainer Marc Wilmots, Kevin De Bruynes Rolle und Revanchegelüsten.

Von Eric Böhm

München - In den Achtzigerjahren gehörten die Belgier zu den Topteams im Weltfußball. 1980 wurden die "Roten Teufel" Vize-Europameister. Sechs Jahre später schaffte Belgien den Einzug ins WM-Viertelfinale.

Jean-Marie Pfaff gehörte zu dieser erfolgreichen Truppe. Der Torwart, der mit dem FC Bayern drei Meistertitel holte, bestritt für sein Land 61 Länderspiele. Nachdem Pfaff und seine Weggefährten wie Eric Gerets oder Jan Ceulemans sich aus der Nationalmannschaft verabschiedet hatten, ging es mit dem belgischen Fußball abwärts.WM-Tippspiel: Mitmachen und 100.000 Euro gewinnen!

Nun gibt es aber wieder Spieler, die an die Glanzleistungen von einst anknüpfen. Belgien steht im WM-Viertelfinale (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014) und will nun auch die favorisierten Argentinier (Sa., ab 17.30 Uhr im LIVE-TICKER) ärgern.

Jean-Marie Pfaff beobachtet die Partien seiner Landsleute genau. Im SPORT1-Interview spricht der 60-Jährige über die Mentalität von Trainer Marc Wilmots, Kevin De Bruynes Rolle im belgischen Team und Revanchegelüsten.

SPORT1: Herr Pfaff, Belgien hat seinen Ruf als WM-Geheimtipp bestätigt. Hat Sie der Einzug ins Viertelfinale überrascht?

Jean-Marie Pfaff: Nein. Wenn sie in der Vorrunde gescheitert wären, hätten sie sich einen neuen Job suchen müssen. Das Achtelfinale gegen die USA war eigentlich auch Pflicht, obwohl die Amerikaner mit Jürgen Klinsmann im Kommen sind. Belgien ist im Kollektiv sehr stark. Insofern ist das Viertelfinale absolut verdient.

SPORT1: Ist das der Trumpf der "Roten Teufel"?

Pfaff: Da sind viele Jungs dabei, die noch nichts Negatives erlebt haben. Die wollen einfach nur spielen. Wenn sie den Ball bekommen, denken sie nicht an Fehler, sondern nur positiv. Das ist eine Qualität. Außerdem sind sie durch ihre Erfahrungen bei großen Klubs schon sehr reif. Sie sind taktisch sehr gut, durch die Viererkette ist es schwer, durchzukommen.

SPORT1: Belgien ist mit durchschnittlich 26 Jahren das jüngste Team unter den letzten Acht. Ist die Unbekümmertheit ein Vorteil oder wird die fehlende Erfahrung auf so einer Bühne zum Nachteil?

Pfaff: Das ist auf jeden Fall ein Vorteil. Die belgische Mannschaft schwebt auf einer Wolke. Die denken nur an das Spiel. Andere Mannschaften würden Argentinien als schweren Gegner vielleicht fürchten, aber diese Jungs freuen sich drauf.

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SPORT1: Wie groß ist der Anteil von Trainer Marc Wilmots?

Pfaff: Er hat natürlich einen sehr guten Kader zur Verfügung. Da spielt keiner mehr in Belgien. Die sind alle bei großen Klubs wie Manchester United, Chelsea oder Bayern München. Das war früher noch ganz anders. Wilmots lebt einfach die Siegermentalität vor.

SPORT1: Das von Wilmots immer wieder betonte starke Kollektiv wird von Bundesliga-Spieler Kevin De Bruyne angeführt, der gegen die USA auch das wichtige 1:0 schoss. Was halten Sie von ihm?

Pfaff: Ich habe großen Respekt vor ihm. Er ist schon sehr gut und wird in den kommenden Jahren noch viel besser werden. Auch Wolfsburg wird noch viel Freude an ihm haben. Der will immer Fußball spielen. Er bringt dieser Mannschaft eine tolle Mentalität. Er ist ein ganz netter Kerl, ich würde ihm am liebsten von links spielen sehen. Dann kann er gefährlich in die Mitte ziehen, aber da spielt Hazard. Trotzdem ist De Bruyne unglaublich torgefährlich.

SPORT1: Sie haben es schon selbst angesprochen: Der eigentlich als möglicher Superstar der WM angepriesene Eden Hazard ist noch nicht durchgestartet. Woran liegt das?

Pfaff: Wenn Hazard immer vorne spielt, ist er gefährlich. Aber wenn er mit nach hinten arbeiten muss, wird es schwer für ihn. Das macht er nicht gern. Der frühere Nationaltrainer George Leekens hat das von ihm gefordert und war plötzlich der Böse. Wenn Wilmots etwas sagt, klopft er ihm auf die Schulter, Leekens war sehr hart und hat mehr Wert auf Disziplin gelegt. Jetzt sieht man, er hat Recht gehabt. Gegen die USA war Hazard nach 65 Minuten kaputt.

SPORT1: Sie waren Leistungsträger der "Goldenen Generation", die 1980 das EM-Finale erreichte und 1986 im WM-Halbfinale stand. Kann dieses Team Ihnen nachfolgen?

Pfaff: Das kann durchaus sein, aber die Zeiten und Mannschaften kannst du nicht vergleichen. Wir hatten damals zwei, drei Profis. Heute verdienen alle viel Geld - nicht alle zu Recht. Wir haben gearbeitet und mit Verletzungen gespielt. Die heutige Mannschaft hat riesiges Talent, das ist der Wahnsinn. Das macht es auch dem Trainer leichter. Belgien kann den Titel holen und Weltmeister werden.

SPORT1: Sie verloren 1986 gegen Diego Maradona und Argentinien. Gibt es jetzt gegen Lionel Messi und Co. die Revanche?

Pfaff: Argentinien damals und heute ist völlig anders. Diego Maradona hat für sein Land so viel getan, Messi ist ein guter Spieler und hat für Barcelona schon viel geleistet, aber an Maradona kommt er nicht ran. Zudem ist Argentinien heute von Messi extrem abhängig. Das ist schade. Wenn es bei ihm nicht läuft, haben sie Probleme. Er steht immer allein im Mittelpunkt. Jeder erwartet von ihm immer Topleistungen. Das ist nach einer so langen Saison in Spanien nicht drin.

SPORT1: Sie sehen also gute Chancen für Belgien?

Pfaff: Absolut, von den letzten Acht hat jeder die Möglichkeit, Weltmeister zu werden. Das hängt auch von Kleinigkeiten wie Sperren oder Verletzungen ab.

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