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FAZIT: Joachim Löw misst den Ausfällen von Neymar und Thiago Silva keine große Bedeutung bei. Doch weil den Brasilianern der jeweils beste Mann in der Offensive und Defensive fehlt, geht Deutschland leicht favorisiert in die Partie. Rufen die DFB-Spieler allesamt ihr Potenzial ab, sollte es mit dem achten Einzug in ein WM-Finale klappen
Die Bilder des WM-Viertelfinales gegen Frankreich zum Durchklicken © getty

Deutschland überzeugt gegen Frankreich mit mannschaftlicher Geschlossenheit. Löw rotiert, Hummels jubelt, Mertesacker zeigt Größe.

Vom DFB-Team berichten Thorsten Mesch, Jochen Stutzky und Markus Höhner

Rio de Janeiro - Selbst für ein Siegerbier reichte die Kraft zunächst nicht mehr.

Ausgepumpt, müde und erschöpft taumelten die deutschen Nationalspieler über den Rasen des legendären Maracana-Stadions. Fast schien es so, als müssten sie für den Jubel über das 1:0 (1:0) gegen Frankreich (Bericht) erst einmal wieder zu Kräften kommen.

Als die Energie langsam wieder in die Körper kroch, wurde das Traumhafte real: WM-Halbfinale. Zum vierten Mal nacheinander. Rekord. Der heldenhafte Kampf hatte zu einem historischen Ergebnis geführt.

Am Dienstag in Belo Horizonte wartet nun der extrem ersatzgeschwächte Gastgeber Brasilien. Es scheint sehr vieles möglich. (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014)

Hummels als Matchwinner

"Es ist der nächste Traum, der in Erfüllung gegangen ist", sagte Mats Hummels, der mit seinem Kopfballtor (13.) für die Entscheidung gegen die starken Franzosen gesorgt hatte:

"Ich war früh platt heute und musste nach dem Spiel Wasser ohne Ende nachschütten. Aber es ging noch anderen so wie mir."

Der Dortmunder war der Matchwinner, aber der Sieg war ein Erfolg des Kollektivs. Geschlossen und als verschworene Einheit trat die DFB-Elf auf. Ganz so wie die Helden von Bern, die auf den Tag genau 60 Jahre zuvor den ersten deutschen WM-Triumph perfekt gemacht hatten. (916804DIASHOW: Das DFB-Team in der Einzelkritik).

Neuer hält den Sieg fest

"Wir haben von der ersten bis zur letzten Minute einer für den anderen gekämpft", sagte Torhüter Manuel Neuer, der das 1:0 mit einigen starken Paraden festgehalten hatte. (916815DIASHOW: Die Bilder des Spiels)

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Mehr als 30 Grad im Schatten zeigte das Thermometer am Freitagmittag in Rio de Janeiro. In der ersten Hälfte lag der Rasen im Maracana in der prallen Sonne . Die hohe Luftfeuchtigkeit drückte.

Thomas Müller witzelte anschließend: "Es war wie in einer Grillbude. Da merkt man erst mal, was für ein faszinierendes Gebilde ein Kaktus ist, da nicht einzugehen."

Und Philipp Lahm gab ebenfalls zu, dass es "nicht leicht gewesen" sei. "Aber", fuhr der Kapitän fort: "Insgesamt war das eine gute Leistung von uns. Wir standen heute als Mannschaft auf dem Feld."

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Lahm wieder in der Abwehr

Lahm selbst hatte nach vier Partien im Mittelfeld erstmals von Beginn an als Rechtsverteidiger gespielt. Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira übernahmen die defensive Zentrale. Miroslav Klose rückte für Mario Götze ins Team gab seine Startelf-Premiere im laufenden Turnier.

In der Innenverteidigung setzte Bundestrainer Joachim Löw an Hummels Seite auf Jerome Boateng.

"In der Analyse von Frankreich haben wir gesehen, dass durch das Zentrum kaum etwas möglich ist. Deshalb gab es die Überlegung mit Philipp auf rechts", erklärte Löw: "Wir wollten über die Außenpositionen mehr bewirken. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich einen Reiz setzen muss, dann tue ich das."

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Mertesacker nur auf der Bank

Leidtragender dieser Rochade war Per Mertesacker. Der Innenverteidiger saß nach vier fehlerlosen Partien nur auf der Bank.

"Es war für mich nicht so einfach und eine Überraschung, denn ich hatte ja alle Spiele gemacht", sagte Mertesacker. Den Routinier schmerzte seine Reservistenrolle ohne Frage, aber er trug sie mit Fassung.

"Ich habe schon oft gesagt, dass alle eine Berechtigung haben zu spielen, dass alle gebraucht werden. Der Trainer hat sich so entschieden und das ist auch völlig okay so", meinte der Arsenal-Profi.

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"Per hat super reagiert"

Löw begründete seine Entscheidung mit einer taktischen Überlegung. Mit Boateng und Hummels wollte er den schnellen Franzosen um Stürmerstar Karim Benzema schnelle und starke Verteidiger entgegenstellen.

Er habe Mertesacker am Abend vor dem Viertelfinale darüber informiert. "Und er hat super reagiert", lobte Löw die Einstellung des langen Abwehrmannes.

"Per ist unabhängig von diesem Spiel enorm wichtig für diese Mannschaft. Er ist und wird auch immer ein wichtiger Bestandteil dieses Teams bleiben", betonte der Coach.

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Kontrolle dank Schweinsteiger und Khedira

Die Defensive stand aber auch ohne Mertesacker sicher. Und wenn die Franzosen, zumeist in Person von Benzema, einmal zum Abschluss kamen, war Neuer zur Stelle. Das letzte Mal mit einer Heldentat in der Nachspielzeit.

Im Mittelfeld hatte das DFB-Team dank Schweinsteiger, Khedira und Toni Kroos alles unter Kontrolle. Wegen der schwierigen Bedingungen versuchte die deutsche Elf aber immer wieder, das Tempo aus der Partie zu nehmen.

"Wir wollten sie ein bisschen kommen lassen, weil wir wussten, dass sie auf Konter auswahren", sagte Kroos zu SPORT1: "Wir wollten über Ballgewinne die freien Räume nutzen. Das hat in der zweiten Halbzeit ganz gut geklappt. Wir hätten das 2:0 machen können."

Der eingewechselte Andre Schürrle ließ zwei große Torchancen ungenutzt, und so musste bis zum Schluss gezittert und gekämpft werden.

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Akkus aufladen für Brasilien

"Einige Spieler mussten absolut ans Limit", berichtete Löw. Man müsse das anstrengende Spiel nun "aus den Knochen schütteln."

Die Halbfinal-Aufgabe ist schwierig, aber lösbar. Und das nicht nur wegen des verletzungsbedingten Ausfalls von Brasiliens Superstar Neymar. Und der Gelbsperre von Abwehrchef Thiago Silva.

"Wir haben von 31 Pflichtspielen 28 gewonnen. Das ist schon eine besondere Leistung, auch, dass wir permanent unter den letzten Vier sind", sagte Löw.

Vor zwölf Jahren erreichte das DFB-Team das Finale gegen Brasilien, 2006 und 2010 war jedoch im Halbfinale Schluss.

"Ich hoffe, dass unser Weg noch nicht zu Ende ist", sagte Hummels, "und dass wir in zwölf Tagen noch einmal hier spielen dürfen."

Das Kollektiv ist bereit für mehr.

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