Brasilien erreicht gegen Kolumbien das Halbfinale. Das beherrschende Thema ist aber ein WM-Aus. Neymar fehlt gegen Deutschland.

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Aus Fortaleza berichtet Frank Hellmann

Fortaleza - Die Stimmen der Radioreporter überschlugen sich.

Printjournalisten traktierten ihre Laptops, um hektisch ihre Berichte zu überarbeiten. Solch eine Aufregung wie in der Nacht zum Samstag hatte das Mediencenter des Estadio Castelao von Fortaleza wohl noch nie erlebt.

Es galt die, schockierende Nachricht zu verbreiten. Diese Meldung, die selbst Brasiliens 2:1-Kraftakt im Viertelfinale gegen Kolumbien (Bericht) und den Einzug in das Halbfinale gegen Deutschland in den Schatten stellte. (916887DIASHOW: Die Bilder des Spiels)

Denn: Für den Rest der WM-Mission, die bekanntlich mit dem sechsten Titel ("Hexacampeao") gekrönt werden soll, muss die Selecao nun ohne Neymar auskommen.

"Geschrien vor Schmerzen"

Der 22-Jährige erlitt einen Wirbelbruch, als ihn der kolumbianische Verteidiger Juan Zuniga in der 88. Minute mit dem Knie im unteren Rückenbereich traf. Der blondierte Ausnahmekönner wurde sofort mit einer Trage vom Platz gebracht.

"Neymar ist erst im Stadion untersucht worden, dann hat man ihn in die Klinik gefahren", berichtete Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari auf der Pressekonferenz: "Er hat geschrien vor Schmerzen, er wird gegen Deutschland nicht spielen können, aber vielleicht reicht es fürs Finale."

Eine Vermutung, die sich wenig später als Trugschluss erweisen sollte.

Verband erwägt Klage - FIFA leitet Untersuchung ein

Die WM ist für Neymar vorbei, die Wut Gastgeberland riesengroß.

Der brasilianische Fußball-Verband CBF kündigte noch in der Nacht an, die Möglichkeit einer juristischen Klage gegen Zuniga zu prüfen.

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Und der Weltverband FIFA wird Zunigas brutales Einsteigen gegen Neymar unter die Lupe nehmen. Eine Untersuchung soll kären, ob es sich bei dem Vorfall um ein vorsätzliches Foul oder ein Versehen gehandelt hat.

Die Bilder würden nun geprüft, danach werde die Disziplinarkomission eine Entscheidung treffen.

Scolari stocksauer

Diese Hiobsbotschaft ist das Letzte, was Brasilien vor dem Halbfinale am Dienstag gegen Deutschland brauchen konnte.

So zürnte auch Scolari gegenüber Schiedsrichter Carlos Velasco (Spanien), der aus seiner Sicht zu viel durchgehen ließ: "Ich habe schon vor Wochen gesagt, dass Neymar hier gejagt wird."

Neymar als Jagdopfer - das empörte auch Mehmet Scholl. "Wenn die Kleinen vernichtet werden, haben wir ein Problem", schimpfte der "ARD"-Experte und frühere Edeltechniker nach der Partie:

"Dann ist das nicht mehr meine Sportart. Das war ein Gladiatorenkampf, kein Spiel." (NEWS: Scholl tobt nach Neymars Aus)

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Brasilien entsetzt

Neymars Verletzung lässt ein 200-Millionen-Volk kollektiv aufschreien.

Der Dribbelkünstler war schließlich der Hoffnungsträger, an dessen Inspiration sich alle klammerten. Und er gab die (Werbe-)Figur, mit der alle Träume von einer fröhlichen Titelfeier verbunden waren.

Der begnadete Spieler, der gefeierte Zauberer, der die einzige Magie dieser Mannschaft verkörperte.

Niemand anderes aus dem Kader besitzt diese individuellen Fähigkeiten.

"Ich mache mir große Sorgen um 'Ney'. Wir beten für ihn, ganz Brasilien muss jetzt für ihn beten", sagte Verteidiger David Luiz - in diesem Moment wusste er aber auch noch nichts vom WM-Aus des Superhelden.

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Stützkorsett statt WM-Halbfinale

Die Gewissheit kam, als der Teamarzt Rodrigo Lasmar dem brasilianischen Fernsehsender "SporTV" die schwere Verletzung bestätigte.

Neymar muss allerdings nicht operiert werden, sondern soll konservativ behandelt werden, hieß es. Die Fortsetzung der Karriere des viermaligen WM-Torschützen sei nicht in Gefahr, er müsse allerdings voraussichtlich wochenlang ein Stützkorsett tragen. Das ist auch für seinen Arbeitgeber FC Barcelona bedauerlich.

Teamkollegen wie Bayern-Profi Dante twitterten noch in der Nacht Genesungswünsche.

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Nur 39 Minuten reine Spielzeit

Das ganze Spiel gegen Kolumbien war ein Abnutzungskampf, der an die Grenzen ging. Unter dem Strich notierten die Statistiker nur 39 Minuten reine Spielzeit, weil insgesamt 54 Fouls verübt worden waren.

Und eben dieser eine Zweikampf zwischen Zuniga und Neymar, der alles überlagerte.

Dabei war das WM-Aus des Publikumslieblings nicht der einzige Schock für die Brasilianer. Im Halbfinale in Belo Horizonte wird eine weitere Stütze fehlen. Kapitän Thiago Silva handelte sich wegen einer törichten Behinderung von Kolumbiens Keeper David Ospina (64.) eine Gelb-Sperre ein.

Der 29-Jährige hatte zwar das frühe 1:0 gegen Kolumbien erzielt (7.), doch die spätere Aktion war schon arg ungeschickt. Scolari nahm seinen nervlich angeschlagenen Anführer allerdings in Schutz: "Das war keine Gelbe Karte, auch diese Entscheidung war nicht zu verstehen."

Im Halbfinale könnte somit die Stunde für Dante schlagen.

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Luiz mit Respekt vor Deutschland

Doch die Hoffnungen ruhen auch auf der Kämpfernatur David Luiz, der einen Freistoß aus 30 Metern kunstvoll zum 2:0 in die Maschen feuerte (69.) und den Blick nach dem Abpfiff schnell auf den nächsten Gegner richtete.

Was ihm zu Deutschland einfalle, wurde Luiz gefragt. Seine Antwort kam im Stenogramm-Stil auf Englisch: "Great team, great philosophy, great players, great coach, great game!"

So sei das eben eine Weltmeisterschaft. Und er erwarte jetzt ein großartiges Halbfinale. Aber geht das ohne Neymar auch großartig aus?

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