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Juan Camilo Zuniga steht in Italien beim SSC Neapel unter Vertrag © getty

Juan Camilo Zuniga wird für Neymars WM-Aus verantwortlich gemacht und wüst beschimpft. Dabei bedauert er sein Foulspiel zutiefst.

Von Florian Bogner

München - Die Erlösung kam in der Nacht zum Sonntag.

Um kurz vor Mitternacht ereilte Juan Camilo Zuniga die Nachricht, dass der Fußball-Weltverband FIFA nicht weiter gegen ihn ermittelt, sein Foul gegen Neymar also zumindest keine Sperre nach sich zieht.

"Eine großartige Nachricht", schrieb Zuniga dazu auf seiner Facebook-Seite. Ein bisschen Frieden. Ein bisschen Schlaf.

Morddrohungen gegen das "Monster"

Ansonsten gab es für Zuniga seit Freitagabend wenig gute Nachrichten.

Seit dem WM-Viertelfinale gegen Brasilien (1:2) ist der 28 Jahre alte Kolumbianer ein Geächteter, Staatsfeind Nummer eins im Land des WM-Gastgebers, Opfer wüster Verwünschungen, angeblich sogar Ziel von Morddrohungen (NACHBERICHT: Die Wut nach dem Neymar-Schock).

"Monster" oder "größter Verbrecher der Fußball-Geschichte", waren noch die harmloseren Nachrichten, die er auf seinen Social-Media-Plattformen zugeschickt bekam.

Weil sein Foul den WM-Traum des brasilianischen Superstars Neymar abrupt beendete (BERICHT: Neymar verlässt die WM), ist Zuniga im Internet zu Freiwild geworden, befeuert durch Schuldzuweisungen prominenter Ankläger.

"Ich weiß nicht, ob es geplant war, aber es war ein sehr aggressives, sehr gewalttätiges Foul", sagte beispielsweise Brasiliens Idol Ronaldo: "Man sieht auf den Fernsehbildern, dass es seine Absicht war, Schaden anzurichten."

"Nichts Böses gedacht"

Eben genau dies bestreitet Zuniga aber vehement. "Als ich da reingegangen bin, habe ich an nichts Böses gedacht. Ich hoffe, dass er sich mit Gottes Hilfe wieder erholt", hatte er schon direkt nach Spielende gesagt.

Das wird leider so schnell nicht passieren, Neymars WM-Auftritt ist mit einem angebrochenen Lendenwirbelquerfortsatz beendet ? worüber neben dem Verletzten wohl niemand unglücklicher ist als Zuniga selbst.

Letztlich war es wohl ein Zusammenspiel unglücklicher Umstände. Kolumbien in Rückstand, nach der letzten Chance suchend. Ein Schiedsrichter, der angesichts von 54 Fouls überfordert war.

Und nicht zuletzt ziemlich schlechtes Timing bei Zuniga, der wegen einer Knieverletzung ? auch das darf man nicht außer Acht lassen ? von Oktober 2013 bis April 2014 kein Spiel absolvierte hatte und von Kolumbiens Coach Jose Pekerman dennoch für die WM nominiert wurde.

Trauriger Zuniga

Wer in etwa nachvollziehen möchte, wie es Zuniga seit dem Foul an Neymar ergangen ist, muss sich nur mal seine Facebook-Seite ansehen. Abgesehen von zahlreichen dümmlichen Beleidigungen zeigt es ganz anschaulich, wie Zuniga versucht, den Freitagabend aufzuarbeiten.

So schrieb er dort noch in den frühen Morgenstunden nach seinem verhängnisvollen Knieeinsatz in Minute 87: "Traurig, dass wir das Spiel verloren haben ? aber noch trauriger über die Verletzung von Neymar."

Und kurz darauf: "Ich hatte nie die Absicht, einem Gegenspieler etwas anzutun. Auf dem Feld müssen wir hart spielen, aber nie mit der Absicht, einen Spieler zu verletzen." (BERICHT: So gefährlich ist ein Wirbelbruch)

Wüste Beschimpfungen

Der Shitstorm war da aber schon nicht mehr aufzuhalten. Wüste Beschimpfungen bis weit unter die Gürtellinie gingen quasi minütlich ein, sogar Zunigas kleine Tochter, von der er zuvor ein Strandfoto veröffentlicht hatte, wurde mit widerwärtigen Aussagen bedacht.

Zunigas Reaktion in der Nacht zum Samstag, 1.20 Uhr Ortszeit: "Lieber Gott, beschütze mich." Und um 3.29 Uhr: "Ich kann nicht schlafen."

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Am Samstag dann veröffentlichte Zuniga über "Instagram" eine 20-zeilige Entschuldigung ("Ich wollte ihn nicht verletzen"), inklusive Huldigung: "Ich möchte dir einen speziellen Gruß schicken, Neymar. Ich bewundere und respektiere dich und sehe dich als einen der besten Spieler der Welt. Ich hoffe, du wirst wieder gesund und kommst schnell wieder zurück."

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Thiago Silva verteidigt Zuniga

Die Bewertungen seines Foulspiels gehen seit Freitagabend indes auseinander. Absicht oder nicht? Man ist sich uneins. (916887DIASHOW: Die Bilder des Spiels)

ZDF-Schiedsrichter-Experte Urs Meier war mit seiner Einschätzung eher bei Ronaldo, sagte: "Da war nicht die Absicht, den Ball zu spielen. Da war nur die Absicht, den Spieler rauszunehmen. Das sind Fouls, die gegen die Gesundheit der Spieler gehen."

In Schutz genommen wurde Zuniga dagegen ausgerechnet von Brasiliens Kapitän Thiago Silva: "Klar war das Foul blöd, weil er in dieser Situation schwer an den Ball kommt", sagte der, aber eben auch: "Er ist kein Bösewicht, ich kenne ihn aus der Serie A."

Erst zwei Platzverweise

In der, das muss man dazu sagen, Zuniga nicht gerade als böser Bube bekannt ist. 18 Gelbe Karten in 151 Serie-A-Spielen für den AC Siena (2008/2009) und den SSC Neapel (seit 2009) sind ein völlig normaler Wert.

Vom Platz flog er in seiner Profi-Karriere erst zweimal: 2011 in einem Champions-League-Spiel gegen den FC Bayern mit Gelb-Rot, 2012 gegen Juventus Turin mit Rot wegen groben Foulspiels.

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Mit vollem Einsatz spielt der Außenverteidiger seit jeher, deswegen gehört der 28-Jährige auch zu den Lieblingen in Napolis San Paolo. Vergangenen Sommer wurde Zuniga mit Juventus Turin in Verbindung gebracht, was den Napoli-Fans ungefähr so gut gefiel wie Fußpilz.

Als Zuniga dann im Testspiel gegen Galatasaray ein Tor erzielte, fingen die Napoli-Fans im San Paolo an, "Wer nicht hüpft, der ist für Juve" zu singen. Und Zuniga begann auf dem Feld rumzuhopsen ? einen größeren, öffentlichen Vertrauensbeweis konnte er seinen Fans nicht geben.

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Zuniga führt eigene Stiftung

Impulsiv, das ist er. Bei Zuniga kickt immer ein wenig die Straße mit. Aufgewachsen ist er in Chigorodo, ein Städtchen in der Bananen-Anbauregion Uraba, Nordwest-Kolumbien, nahe der Grenze zu Panama. Seine ersten Fußballschuhe mussten seine Eltern in Raten abbezahlen, so die Legende.

Die rechte Wettkampfhärte bekam Zuniga bei Atletico Nacional in Medellin eingeimpft, in den 80er und 90er Jahren eine der gefährlichsten Städte Südamerikas.

Heute führt Zuniga eine eigene Stiftung in Chigorodo, die rund 70 Kinder dabei unterstützt, irgendwann vielleicht auch mal Fußballprofi werden zu können. Kerngebiet: Bildung und Essen.WM-Tippspiel: Mitmachen und 100.000 Euro gewinnen!

Um Spenden zu sammeln, ließ er auch schon getauschte Originaltrikots von Francesco Totti, Andrea Pirlo oder Robinho versteigern.

Wahrlich nichts, was böse Buben tun.

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