"Papa Aua": Steiners langer Weg zu Olympia
Köln - Schnell geht bei Matthias Steiner gerade gar nichts.
Ganz langsam und vorsichtig kommt er auf Spezialkrücken, die das 146-Kilo-Schwergewicht aushalten.
Unter der weiten Trainingshose stützt eine Schiene das linke Bein, das der Gewichtheber derzeit nicht beugen und belasten darf.
Auf dem Knie klebt ein dickes Pflaster über der Operationsnarbe, auf dem massigen Oberschenkel ist noch das dicke Kreuz zu sehen, mit dem vor der OP das richtige Bein markiert wurde.
"Nur sitzen und liegen"
"Derzeit darf ich gar nichts machen, nur sitzen und liegen. In drei bis vier Wochen hoffentlich Vollbelastung. Das heißt: gehen", sagt Matthias Steiner in seinem ersten Interview nach der Operation. Sein Bewegungsradius: die Wohnung. Dritter Stock, kein Aufzug.
Vor einer Woche ist der Olympiasieger von Peking operiert worden, nachdem er sich bei einem Trainingswettkampf einen Einriss in der Quadrizeps-Sehne zugezogen hatte. Für einen Gewichtheber eine schwerwiegende Verletzung.
Diese Sehne überträgt die Kraft aus dem Oberschenkel in den Unterschenkel.
Selbst der Sohn ist zu schwer
Ohne diese Sehne kann der stärkste Mann der Welt derzeit nicht einmal seinen Sohn hochheben. Der ist gerade 18 Monate alt und in Steiners Dimensionen leicht wie eine Feder. "Der Kleine klettert trotzdem auf mir rum, ich kann halt nur nicht so schnell hinterherlaufen", erzählt Steiner und lacht:
"Er streckt immer die Hand aus, weil ich mitkommen muss. Dann sage ich: 'Ja, Papa kommt, aber nicht so schnell, weil ich die Krücken nehmen muss.' Das versteht er - Hauptsache, ich komme mit. Wenn er in die Nähe des Beins kommt, sage ich 'Papa Aua!', das versteht er auch und streichelt dann drüber."
Viel Zeit mit der Familie
Die Verletzung hat auch etwas Gutes: Statt Dauer-Trainingslager-Abstinenz ist der 29-Jährige plötzlich ganz viel bei der Familie.
"Mein Alltag ist recht entspannt, weil ich momentan nichts anderes machen kann als abzuwarten. Ich freue mich drauf, wenn es wieder losgeht. Bis dahin kann ich vor dem Fernseher liegen, ohne schlechtes Gewissen, und kann mich dabei ein wenig verwöhnen lassen."
Wieder losgehen soll es im Januar. Drei Monate hätte Steiner dann nicht trainiert. Eine Prognose, wie viel Gewicht er dann verloren haben wird, wagt er nicht.
"Es fehlen 70, 80 Kilo"
"Ich habe Bestleistung im Stoßen 258 Kilo, dann kann ich im Januar auf keinen Fall mit 200 Kilo anfangen. Das geht nicht. In jeder Disziplin (Stoßen und Reißen, Anm. d. Red.) fehlen mir dann mindestens 70, 80 Kilo", fürchtet der gebürtige Österreicher:
"Der Kraftaufbau dauert bei uns einfach wahnsinnig lang. Ich werde den Körper langsam aufbauen und auf die Last vorbereiten müssen."
Eigentlich war Steiners Jahr darauf ausgerichtet gewesen, im November Weltmeister zu werden. Nach der Verletzung ist plötzlich ungewiss, ob und in welcher Form er im August zu den Olympischen Spielen in London fahren kann.
Keine hohen Erwartungen
"Für mich ist London noch immer der absolute Fokus, sonst hätte ich mich nicht operieren lassen", sagt Steiner. Realistisch fügt er aber hinzu:
"Das Ziel Gold habe ich vorerst abgeschrieben, eine Medaille auch. Ich habe meine Erwartungen erst mal heruntergeschraubt. Momentan lautet mein Ziel: mitfahren. Das allein ist eine Herausforderung, die kribbelt."
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