"Klare Defizite": Steiner verabschiedet sich vom Gold-Traum
Heidelberg - Für die bittersüße musikalische Untermalung sorgten die Altrocker der Toten Hosen.
"An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit" dröhnte es aus den Lautsprechern der Halle am Gewichtheber-Olympiastützpunkt in Heidelberg.
Matthias Steiner saß auf der Wettkampfbühne, umringt von der nationalen Elite seines Sports, und rang sich noch schwitzend von der soeben beendeten Qualifikation für die Olympischen Spiele in London ein gequält wirkendes Lächeln für ein Gruppenfoto ab.
Dem Goldmedaillengewinner von Peking 2008 war nicht nach Freude, nicht nach Fröhlichkeit zumute.
Olympia-Gold fast unmöglich
An einem Tag wie diesem offenbarte Steiner vor zahlreichen Journalisten, Kameras und rund 1.000 Zuschauern vielmehr jene schmerzliche Erkenntnis, die im Lager des 29-Jährigen wohl jedem bewusst ist:
Ein Tag wie der vor vier Jahren, als sich der gebürtige Österreicher mit der Goldmedaille in China unsterblich machte und die Welt bei der Siegerehrung mit dem Foto seiner verstorbenen Frau rührte, wird sich bei den kommenden Sommerspielen nicht wiederholen.
"Ich habe ganz klare Defizite, das hat sich heute wieder gezeigt", sagte Steiner nach dem Wettkampf.
Olympia im März 2013?
Er lächelte dabei nicht. Auf 410 kg im Zweikampf (185 kg im Reißen/225 im Stoßen) brachte es Steiner beim letzten Test unter Wettkampfbedingungen vor dem Großereignis.
Das sind 14 kg weniger als bei seinem EM-Silber in Antalya vor zwei Monaten, ganze 51 kg fehlen zu seiner Bestleistung von Peking.
"Es waren trotzdem 20 kg mehr, als ich in der vergangenen Woche im Training geleistet habe. Insofern geht das in Ordnung", sagte Steiner, der sich erstmals seinem Teamkollegen Almir Velagic geschlagen geben musste.
"Bis in den Februar 2013", sagte Bundestrainer Frank Mantek, müsste man die Spiele in London verschieben, um Steiner an seine Spitzenwerte heranzuführen.
Viel Pech bei Steiner
Zu lang war die Verletzungspause nach dem Einriss der Quadrizeps-Sehne im September 2011, der Steiner bis zum Jahresbeginn außer Gefecht gesetzt hatte. Auch nach dem Zwischenhoch bei der EM blieb die Vorbereitung holprig.
Kleinere Blessuren an der Schulter oder den Handgelenken störten immer wieder den zeitintensiven Kraftaufbau. Steiner scheint vom Pech verfolgt.
Zusammenbruch im Training
Das verdeutlichte auch ein Vorfall in einem Trainingslager Mitte Mai, der für Steiner mit einem dreitägigen Krankenhausaufenthalt endete. Nach einer Übung war der 145-Kilo-Koloss zusammengebrochen und nicht mehr in der Lage, eigenständig aufzustehen.
Steiner musste daraufhin auf einer Trage durch ein Fenster des im Keller gelegenen Trainingsraumes in einen Krankenwagen gehoben werden.
"Wer das gesehen hat, wundert sich, dass ich überhaupt wieder so weit bin", sagte Steiner.
Der Bronze-Traum lebt
Auch deshalb gelangte Mantek zu der Überzeugung, die für reichlich Ernüchterung sorgt: "Ich gehe nicht davon aus, dass er um die Goldmedaille kämpfen kann. Man muss die Sache realistisch angehen, man kann nicht nur von Träumen leben."
Steiner fehle es an der Leistungsfähigkeit: "Er ist längst nicht dort, wo er 2008 war. Wer von Matthias 460 kg im Zweikampf verlangt, verlangt auch ein 11:0 im Endspiel der Fußball-EM."
Steiner selbst hofft dennoch, zumindest mit Bronze aus der britischen Hauptstadt zurückzukehren: "Der Traum lebt. Aber egal, was kommt, den Olympiasieg kann mir keiner mehr nehmen. Das ist beruhigend."
Schließlich heißt es auch bei den Toten Hosen: "Das hier ist ewig."
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