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Matthias Steiner nahm sich Zeit fürs Gespräch mit SPORT1-Redakteur Michael Spandern (l.) © getty

Noch immer ist unklar, ob Steiner weitermacht. Bei SPORT1 spricht er über die Entscheidung, seine Krankheit und sein TV-Projekt.

Von Michael Spandern

Ismaning - Und auch 2012 sorgte er für einen der unvergesslichsten olympischen Momente.

Allerdings hätte Matthias Steiner, der vier Jahre zuvor in Peking nach seinem Olympiasieg das Foto seiner tödlich verunglückten Ehefrau Susann den Kameras entgegenstreckte, diesmal genauso gerne darauf verzichtet wie die Zuschauer:

In London gerät er beim Versuch, erstmals 196 Kilogramm hochzureißen, aus der Balance, mag aber nicht aufgeben. Und da er die Hantel nicht von sich wegstößt, kracht die Stange in seinen Nacken. Untrainierte Menschen wären durch die Wucht des Gewichts gestorben, meinen Mediziner.

Doch der seit 2008 für Deutschland startende gebürtige Wiener kommt relativ glimpflich davon. Bandverletzung an der Halswirbelsäule, Prellung des Brustbeins und Muskelzerrung im Bereich der Brustwirbelsäule lautet die Diagnose.

Am Ende dieses Jahres ist jedoch weiterhin unklar, ob Matthias Steiner je wieder einen Wettkampf bestreitet, wie er im SPORT1-Interview vor seinem Besuch bei Bundesliga aktuell(Mo. - Fr., ab 18.30 Uhr im TV auf SPORT1) erläutert.

Zudem spricht er über seine Diabetes-Erkrankung, den Unfall des Hoffenheimer Fußballprofis Boris Vuckevic und das anhaltende Dopingproblem im Gewichtheben.

SPORT1: Herr Steiner, im August hielt die Welt den Atem an, als ihnen 196 kg in den Nacken polterten. Wie haben Sie sich körperlich und mental von diesem olympischen Drama erholt?

Matthias Steiner: Mental war das kein großes Problem. Ich habe ja einen technischen Fehler gemacht. Das war erklärbar. Natürlich war ich in dem Moment schon überrascht, dass mir so etwas passieren kann. Körperlich habe ich mich immer noch nicht hundertprozentig erholt. Im Alltag merke ich es zwar kaum noch, aber in gewissen Situationen im Training und vor allem danach dann doch. Das macht mir noch Probleme.

SPORT1: Einen Wettkampf haben Sie seither nicht bestritten. Ist die Entscheidung, ob Sie überhaupt weitermachen, inzwischen gefallen?

Steiner: Da mich gerade auf keinen Wettkampf vorbereiten kann, kann ich auch keine Entscheidung treffen. Die EM im Frühjahr wird für mich auf jeden Fall ausfallen, und die WM (ab 16. Oktober in Warschau, Anm. d. Red.) ist noch sehr weit weg. Bis dahin treffe ich die Entscheidung.

SPORT1: Welchen Einfluss hat Ihre Frau Inge, die sich unmittelbar nach dem Unfall ja Ihr Karriereende gewünscht hatte und in Kürze ihr zweites Kind erwartet, auf diese Entscheidung?

Steiner: Wenn sie sagt, ich soll aufhören, aber ich möchte noch nicht - dann hat sie keinen Einfluss. Das würde ich auch bei ihr nicht machen. Dass sie es sich wünscht, ist okay. Aber die Frage ist, wie viel Spaß es mir macht.

SPORT1: Zwischenzeitlich haben Sie sich im TV ausprobiert, als Hauptakteur bei "Steiner gegen alle". Wie fielen die Reaktionen aus?

Steiner: Die Einschaltquoten waren sehr gut. Der "SWR" war damit sehr zufrieden. Es war ein Pilotprojekt, das aus dem Boden gestampft wurde. Dafür lief es sehr, sehr gut. Es wird nach jetzigem Stand der Dinge nächstes Jahr davon eine Staffel geben.

SPORT1: Es scheint, als würden Sie das Rampenlicht zum Leben brauchen...

Steiner: Anscheinend ja, aber ich dränge nicht mit aller Gewalt hinein. Ich habe mit dem Gewichtheben nicht angefangen, um im Mittelpunkt zu stehen. Die Chance ist ja auch sehr gering. Dass mir das gefällt, ist klar. Als erfolgreicher Sportler bin ich ein Vorbild für viele, auch, weil ich trotz Diabetes-Erkrankung erfolgreich bin. Solange die Leute sagen, 'es ist schön, Sie zu sehen, Herr Steiner, es ist toll, was sie machen', solange suche ich die Öffentlichkeit.

SPORT1: Wie beeinflusst die Diabetes-Krankheit Ihr Sportlerleben?

Steiner: Nicht unbedingt negativ, würde ich sagen. Kein Mensch wünscht sich krank zu sein, aber es hat dazu geführt, dass ich viel mehr auf meinen Körper geachtet habe als vorher. Ich musste mich stark danach richten, was der Körper zulässt, und ihm mehr Zeit geben. Das ist vielleicht auch ein kleiner Vorteil, weil Diabetes den Körper und den Geist entschleunigt. Selbst an einem vollgepackten Tag muss ich dem Körper immer die notwendige Zeit geben, auf meinen Zucker zu achten.

SPORT1: Was waren Ihre Gedanken, als Sie im Oktober vom schweren Autounfall des Fußballers Boris Vukcevic - bedingt durch Unterzuckerung - gehört haben?

Steiner: So ein Unfall ist immer verheerend, vor allem wenn keiner weiß, was wirklich passiert ist. Weil ich den Spieler kenne und auf dem Platz gesehen habe, habe ich mir über längere Zeit Fragen gestellt. Das ist eine Tragödie, auch weil nicht klar ist, wie die Heilung verlaufen wird. Ich hoffe, dass er gesund wird. Das ist das Wichtigste.

SPORT1: Kennen Sie viele diabetes-kranke Leistungsportler persönlich?

Steiner: Ja, natürlich. Es gibt gemeinsame Veranstaltungen, wie zum Beispiel den Welt-Diabetes-Tag oder Diabetes-Messen. Dort läuft man sich über den Weg, und jeder möchte dort was von seiner Geschichte weitergeben. Egal ob es Fußball, Eishockey oder Gewichtheben ist, jeder Sportler muss auf seine Weise mit Diabetes arbeiten und kämpfen.

SPORT1: Sind Sie durch Unterzuckerung selbst einmal in Gefahr geraten?

Steiner: In eine richtige Gefahr nicht, aber einige Male war es gut, dass viele Menschen in meinem Umfeld Bescheid wussten und Symptome erkannten, als ich es selbst vielleicht nicht mehr unter Kontrolle hatte.

SPORT1: Unter Gewichthebern ist der Verdacht des Dopings nie weit weg. Wie viele Konkurrenten misstrauen Ihnen und fragen, was Sie sich da eigentlich spritzen?

Steiner: In Deutschland und Österreich nicht, dort ist das bekannt. Ich muss auch ständig Nachweise erbringen. Anfangs in der Sporthochschule gab es schon Menschen, die das gesehen haben und dann in der Kantine erzählt haben: "Der Steiner spritzt, der hat gar keine Hemmungen mehr." Als ich das mitbekommen habe, habe ich sie natürlich aufgeklärt. Das war ihnen dann natürlich höchstpeinlich. Das war für mich aber auch der Punkt zu sagen "Du musst jetzt nach vorne preschen und den Leuten sagen, dass du Diabetiker bist". Nur so bekommen die Menschen Verständnis dafür.

SPORT1: Umgekehrt haben Sie die Konkurrenten aus Russland und Armenien in ein schiefes Licht gerückt, als Sie die dort äußerst seltenen Kontrollen rügten.

Steiner: Ich habe keine Behauptungen aufgestellt, nur Fakten genannt. Ich habe gesagt, es gab in den letzten acht Jahren 18 positive Fälle in Russland. Seit Olympia sind dort noch mal acht Junioren erwischt worden. So sieht es aus.

SPORT1: Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und Athleten aus diesen Nationen?

Steiner: Es gibt gar keins. Warum sollte ich zu denen Kontakt haben? Leider kann man die Hintergründe nicht aufdecken, weil die Beweise fehlen. Das Problem besteht ja nicht erst seit diesem Jahr. Ich habe es schon vorher gesagt, aber in Deutschland möchte man keine klagenden Helden haben. Nur wenn eine Nation wie Russland unzählige Weltmeister stellt und 2012 nicht mehr kontrolliert wird, dann frage ich warum. Es sind in London auch wieder Dinge vorgefallen, bei denen einem die Kinnlade herunterfällt. Das ist unglaublich: da reisen Athleten direkt vor dem Wettkampf einfach ab. Das sind die Fakten. Daher möchte ich nicht, dass es heißt, ich rücke jemanden in ein schiefes Licht.

SPORT1: Wie groß ist da noch die eigene Motivation, gerade auch in der Rekonvaleszenz, sich zurück zu kämpfen und noch mal alles zu geben?

Steiner: Es war damals ein riesiger Antrieb, diese Nationen zu schlagen. Aber wenn ich immer wieder merke, dass vor und nach Olympischen Spielen weniger Dopingfälle aufgedeckt werden und die Konkurrenten aus diesen Ländern dann stärker sind, liegt die Motivation fast nur bei Olympia, weil es da am fairsten ist. Aber Olympische Spiele sind nur alle vier Jahre. Das ist dann durchaus ein Problem für die Motivation.