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Marcel Siem gewann 2006 mit Bernhard Langer den World Cup für Deutschland © getty

Marcel Siem spricht bei SPORT1 über seinen Masters-Frust, elitäres Gehabe auf den Golfplätzen und Anrufe bei Bernhard Langer.

Von Thorsten Langenbahn

Köln - Marcel Siem outet sich erstmal als eifriger User der SPORT1-App.

Der deutsche Spitzengolfer findet sie "perfekt, gerade um im Ausland in Sachen Fußball up to date zu bleiben".

Über seine eigene Sportart hat er am Rande des Mercedes-Benz After Work Golf Cup aber auch gerade einiges zu erzählen.

Der 32-Jährige - eben zum Spieler des Monats auf der European Tour gewählt - ist Europas Golfer der Stunde.

Von Platz 270 ist er in der Weltrangliste 2013 Anfang April auf den 48. Rang geschossen, nach dem US Masters - für das er die Qualifikation knapp verpasst hat - liegt er aktuell auf Platz 50 (DATENCENTER: Turniere und Ergebnisse)

Im SPORT1-Interview der Woche spricht Marcel Siem über den Masters-Frust, elitäres Gehabe auf deutschen Golfplätzen, Anrufe bei Bernhard Langer, das Comeback von Tiger Woods und Undercover-Besuche bei Fortuna Düsseldorf (NEWS: Alles zum Golf) .

SPORT1: Herr Siem, wie tief sitzt noch der Frust, die Teilnahme am US Masters um Haaresbreite verpasst zu haben?

Siem: Inzwischen bin ich darüber hinweg. Aber es hat im ersten Moment schon wehgetan, weil es ein Kindheitstraum ist. Das Schöne ist im Golf ist aber, es gibt immer wieder eine neue Chance. Irgendwann werde ich die Masters noch spielen, hundertprozentig.

SPORT1: Ansonsten waren Sie zuletzt top drauf. Wie wichtig war Ihr Turniersieg bei der Trophee Hassan II?

Siem: Es war schön, weil zwischen meinem ersten und zweiten Turniersieg acht Jahre lagen (2004 bei den Dunhill Championships in Johannesburg und 2012 bei den Open de France, Anm. d. Red.). Deswegen haben mich viele als Eintagsfliege wahrgenommen, das war immer ein bisschen schade. Daher war es super, innerhalb von acht Monaten meinen dritten Sieg einzufahren. Das harte Training in Florida mit Fitnesstrainer und meinem Coach Günter Kessler hat sich ausgezahlt.

SPORT1: Wie sahen die telefonischen Tipps von Bernhard Langer aus, die er Ihnen in Marokko gegeben hat?

Siem: Da kann ich nicht viel drüber sagen, das soll schon ein Geheimnis bleiben zwischen uns. Eine Sache kann ich erzählen: Er hat mir geraten, weiter meinen Stiefel runterzuspielen und jetzt nicht anzufangen, offensiver oder defensiver zu spielen oder auf die anderen Leute zu reagieren. Das hat mir sehr geholfen. Allein, dass Bernhard in dem Moment in Amerika am anderen Ende der Welt ans Telefon gegangen ist und zehn Minuten mit mir geredet hat, ist eine große Ehre. Es hat mich motiviert und auch ein bisschen beruhigt, weil Bernhard einfach ein sehr ruhiger Typ ist.

SPORT1: Sie sind 50. der Weltrangliste. Wohin führt Ihre Entwicklung?

Siem: Ich hoffe, dass es so weitergeht. Mein großes Ziel war immer, in die Top Ten der Welt zu kommen. Ich habe dieses Jahr ein Turnier gewonnen, das war eins der Ziele, außerdem unter die Top 50 zu kommen. Jetzt muss ich mir ein neues Ziel setzen. Direkt Top Ten zu sagen, wäre ein bisschen zu extrem, weil die Luft da oben sehr, sehr dünn wird. Das muss man Schritt für Schritt sehen. Zusammen mit meinem Trainer und meinem Vater muss ich jetzt gucken, was das nächste Zwischenziel sein wird.

SPORT1: Was ist spielerisch noch Ihre größte Herausforderung?

Siem: Mein Chippen und mein Eisenspiel sind meine Stärke. Wenn ich meinen Drive und mein Putten noch optimieren kann, dann kann's gefährlich werden! (lacht)

SPORT1: 2013 hat sich auch Tiger Woods eindrucksvoll zurückgemeldet. Kann er zu alter Dominanz zurückfinden?

Siem: Ich glaube schon. Es wird nicht so extrem ausfallen, wie es damals war, weil einfach alle Spieler besser geworden sind und sich viel von ihm abgeguckt haben. Das Fitnesslevel ist insgesamt viel höher. Und die anderen haben gesehen, dass man Tiger schlagen kann. Ich glaube, er wird die Nummer eins bleiben, aber die Lücke zum Rest wird nicht mehr so riesengroß sein.

SPORT1: Wie haben Sie Tiger Woods erlebt?

Siem: Ich finde ihn sehr nett. Er ist zu seinen Kollegen sehr freundlich, kein bisschen arrogant. Er ist für mich ein Topathlet. Es macht superviel Freude, ihm zuzugucken. Bei ihm ist irgendwas, das richtig Bock macht zuzusehen.

SPORT1: Vielleicht wird man ihn auch bald hier zu Lande sehen, Deutschland erwägt nach 2008 eine weitere Ryder-Cup-Bewerbung. Was muss passen, damit sie diesmal erfolgreich ist?

Siem: Deutschland muss geschlossen dahinter stehen. Alle Topspieler müssen an einem Strang ziehen und es muss ein Konzept ausgearbeitet werden, damit sich nicht irgendwelche Sponsoren blockieren. Das war beim letzen Mal das Problem. Ein Land wie Deutschland ohne Ryder Cup, das ist ein Witz. Dann muss ein anständiger Golfplatz her, da haben wir meiner Meinung nach ein oder zwei. Es muss also nicht noch einer gebaut werden. Berlin-Scharmützelsee ist zum Beispiel ein unglaublich guter Golfplatz, wo auch die Zuschauermassen Platz haben.

SPORT1: Wohin steuert der Golfsport in Deutschland generell?

Siem: Es wird immer besser. Aktionen wie der Golf Cup tun dem Sport gut. Das ist easy going, nach der Arbeit unter Turnierbedingungen noch eine 9-Loch-Runde Golf spielen zu können. Es muss insgesamt ein bisschen cooler und legerer werden.

SPORT1: Wie zum Beispiel?

Siem: Etwa kürzlich diese Jeans-Geschichte, die Martin angesprochen hat. (Martin Kaymer bezeichnete es in einem "Spiegel"-Interview als Schwachsinn, dass viele deutsche Plätze nicht in Jeans betreten werden dürfen, Anm. d. Red.) Das ist alles ein bisschen krass. Es wird schon besser, aber es muss noch lockerer werden. Das ist Sport. Es geht nicht um Selbstdarstellung - wer ist der Tollste, wer hat die coolste Uhr und wer hat das geilste Auto.

SPORT1: Ist Golf zu elitär?

Siem: Teilweise schon. Selbst mir passiert es noch, dass die Leute einem blöde Sprüche drücken, wenn man als jüngerer Mensch auf den Golfplatz kommt, von wegen: "Was haben Sie denn da für 'nen Mist gespielt." Man wird wirklich frech angemotzt, weil sich viele Leute auf den Golfplätzen in Deutschland als was Besseres vorkommen.

SPORT1: Auf den Golfplätzen tummeln sich auch viele ehemalige Fußballer. Haben Sie auch was mit Fußball am Hut, oder besser gesagt an der Kappe?

Marcel Siem: Ich bin FC-Fan, mein Vater ist Gladbach-Fan. Hoffentlich steigt der FC wieder auf. Manchmal bin ich auch bei Fortuna im Stadion, als Köln-Fan dann undercover. (lacht) Aber meine Kumpels sind alle Fortuna-Fans. Und wenn ich ein bisschen Spaß haben will, dann muss ich mit zur Fortuna gehen.

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