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Einer der besten deutschen Keeper: Andreas Thiel bestritt 256 Länderspiele © getty

Andreas Thiel wird ein halbes Jahrhundert alt: Ex-Weggefährten huldigen dem Kult-Keeper noch immer, der über Umwege zum Handball kam

Dormagen - Für Weltmeister Heiner Brand war er einer der herausragenden Torhüter seiner Zeit, für Ex-Bundestrainer Petre Ivanescu "der intelligenteste Goalie, den ich jemals unter meinen Fittichen hatte".

Und für Torjäger Jochen Fraatz einer, der "die Bude oft genug zugemacht hat".

Mit Respekt verneigt sich die Handball-Szene vor "Hexer" Andreas Thiel, der am heutigen Mittwoch 50 Jahre alt wird.

Als sympathischer Sportler und Vollprofi vom Scheitel bis zur Sohle hat Thiel Geschichte geschrieben. 21 Jahre lang "hexte" der Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft im Handball-Tor.

Eine echte Legende

Thiel bestritt 256 Länderspiele, war Teilnehmer an drei Olympischen Spielen (1984, 1992, 1996) und vier A-Weltmeisterschaften (1982, 1986, 1993, 1995).

Er absolvierte 528 Bundesligaspiele, parierte 430 Siebenmeter und war sieben Mal "Handballer des Jahres" - das sind Zahlen, die sich sehen lassen können.

Erst mit 41 Jahren hat Thiel das sechs Quadratmeter große Gehäuse endgültig verlassen. Auf nationaler Ebene erlebte der Vater dreier Töchter, von denen keine Handball spielt, große sportliche Momente.

"Ich habe das gemacht, worin ich gut war"

International sieht die Bilanz mit der sogenannten "Glücksgeneration" eher durchwachsen aus.

Doch im Rückblick ist der ehemalige DHB-Vizepräsident dankbar für alles, was er in seiner Karriere erreicht hat: "Ich habe das gemacht, worin ich gut war. Ich würde es jederzeit wieder tun. Es hat Spaß gemacht, ich habe die Zeit genossen. Unvergesslich sind die Reisen durch die Welt."

Dabei startete Andreas Thiel seine sportliche Laufbahn als Fußball-Torhüter bei Alemannia Aachen.

Vier Jahre später wechselte er ins Handball-Gehäuse - mit der Begründung: "Im Handball gibt es mehr zu tun, da stehe ich häufiger unter Beschuss. Und das reizt mich."

Über die Alemannia (1974 bis 1977) und den TV Hochdorf (1977 bis 1979) kam der "Hexer" zum VfL Gummersbach. Eugen Haas, damals die graue Eminenz im Oberbergischen, nahm das Talent unter Vertrag.

Sensation bei ZSKA Moskau

Mit dem VfL holte Thiel von 1979 bis 1991 Titel um Titel: Fünfmal deutscher Meister, dreimal DHB-Pokalsieger, dreimal Europapokalgewinner.

Thiel meint: "Der schönste Erfolg war der Gewinn der gesamtdeutschen Meisterschaft 1991 mit einer ganz jungen Mannschaft gegen den SC Magdeburg."

Eines seiner spektakulärsten Spiele bestritt der mitunter brummig wirkende Ausnahmetorhüter 1983 im Europapokalfinale der Landesmeister bei der 19:15-Sensation bei ZSKA Moskau.

Damals nagelte Thiel sein Tor förmlich zu und entschärfte fünf Siebenmeter. Der russische Nationaltrainer und ZSKA-Coach Anatoli Jewtuschenko erkor den Matchwinner "zum besten Torhüter der Welt".

"Er war nicht kaputt zu kriegen"

1983 holte Thiel mit dem VfL Gummersbach und seinem Erfolgstrainer Petre Ivanescu den "Grand mit Vieren" (Meisterschaft, DHB-Pokal, Europapokal, Supercup).

Ivanescu sagt über die Eigenschaften seines ehemaligen Schützlings: "Der Instinkt war ihm angeboren, er ahnte, wo die Angreifer hinwerfen. Er war schlau, intelligent und ehrgeizig."

Und Weltmeister Rudi Rauer, den Thiel als Nummer eins in Gummersbach ablöste, charakterisierte seinen Nachfolger so: "Er trägt den Namen Hexer zurecht. Er war ein Goalie, der immer hundert Prozent gab und nicht kaputt zu kriegen war."

Nach seiner Glanzzeit beim VfL wechselte Andreas Thiel für neun Jahre zum TSV Bayer Dormagen. Am Ende seiner Laufbahn gab er noch ein kurzes Intermezzo bei der SG Flensburg-Handewitt.

Glücklos in der DHB-Auswahl

Mit der DHB-Auswahl gab es für Thiel von 1980 bis 1996 wenig Lorbeeren zu ernten, was am wenigsten an ihm lag.

1984 bei den Boykott-Spielen in Los Angeles holte er Silber. Die größte Schmach erlitt Thiel 1989 bei der B-WM in Frankreich mit dem Absturz in die C-Gruppe.

Thiel erinnert sich: "Das war die bitterste Pille, die ich in meiner Handball-Karriere schlucken musste."

Am 3. August 1996 bestritt Thiel sein letztes Länderspiel beim olympischen Turnier in Atlanta gegen die Schweiz (23:16). Deutschland wurde enttäuschender Siebter, Bundestrainer Arno Ehret musste gehen, die Ära Heiner Brand begann.

Zeuge der Ära Brand

Bei ihm ist Thiel mittlerweile Bundestorwarttrainer, außerdem coacht er die Torhüterinnen des deutschen Vizemeisters Bayer Leverkusen.

Hauptberuflich dagegen arbeitet Andreas Thiel seit 16 Jahren in seiner Kanzlei in Köln als Fachanwalt für Familienrecht, bei der Handball-Bundesliga (DBL) ist er angestellter Justiziar.

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