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Oliver Roggisch spielt seit 2007 bei den Rhein-Neckar Löwen © getty

DHB-Abwehrchef Oliver Roggisch spricht im SPORT1-Interview über das Benefizspiel und erinnert sich an den Menschen Oleg Velyky.

Von Jürgen Blöhs

Hamburg - Unter dem Motto "Wir spielen sein Spiel" trafen zwei Tage nach dem Final-Four-Turnier um den DHB-Pokal an gleicher Stätte die deutsche Nationalmannschaft und Pokalsieger HSV Handball aufeinander.

8193 Zuschauer kamen in die Hamburger Color Line um bei dem Benefizspiel zu Gunsten der Familie des im Alter von 32 Jahren an Krebs verstorbenen Oleg Velyky zu gedenken. Für Velykys Familie wird ein hoher sechsstelliger Betrag zusammenkommen.

Von einem Handball-"Fest" möchte Oliver Roggisch angesichts des traurigen Anlasses nicht reden. Aber das Spiel der DHB-Auswahl gegen einen mit Weltmeistern und Olympiasiegern gespickten HSV Hamburg (38:29) war aus seiner Sicht "ein würdiger Abschied für Oleg".

Im Interview mit SPORT1 erzählt der 134-malige Nationalspieler, der den Verstorbenen aus gemeinsamen Zeiten bei TuSEM Essen, den Rhein-Neckar Löwen und der Nationalmannschaft kennt wie kaum ein anderer, vom Menschen Oleg Velyky, den sportlichen Wert der Partie für die Nationalmannschaft und zieht ein positives Fazit der Veranstaltung.

SPORT1: Herr Roggisch, vor zwei Tagen haben Sie auf diesem Parkett mit den Rhein-Neckar Löwen das Pokalfinale verloren. Haben Sie das schon verdaut?

Oliver Roggisch: Nein, nach Verlängerung mit einem Tor zu verlieren ist bitter. Die Löwen waren das fünfte Mal beim Final Four dabei, aber haben noch nie den Pokal in den Händen gehalten. Wir waren so nah dran. Andererseits ist gerade der Handball sehr schnelllebig. Jetzt geht es mit der Nationalmannschaft nach Norwegen, und mit dem Verein wollen wir auf jeden Fall noch Rang drei erreichen und sind ja auch noch in der Champions League dabei. Da muss man den Schalter schnell umlegen.

SPORT1: Wie würden Sie ihre Gefühle beschreiben? Trotz der hochkarätigen Besetzung beider Teams verbietet es der traurige Anlass wohl, von einem Handballfest zu reden...

Oliver Roggisch: Es war ein komisches Gefühl, hier heute für einen toten Freund aufzulaufen, daher will ich tatsächlich nicht von einem Fest reden. Aber dies Benefizspiel ist wieder mal ein Beweis, dass der Handball bei allen sportlichen Rivalitäten eine große Familie ist, wie ja auch die jahrelange Hilfe für Joachim Deckarm (Ex-Nationalspieler, der 1979 durch einen Unfall auf dem Feld zum Pflegefall wurde, d. Red.) zeigt. Wichtig ist, dass wir Olegs Familie helfen können. Und das Spiel war ein würdiger Abschied für Oleg.

SPORT1: Sie haben mit Oleg Velyky in Essen und bei den Rhein-Neckar Löwen sowie in der Nationalmannschaft zusammengespielt. Kaum einer kennt ihn so gut wie Sie. Was war Oleg für ein Mensch?

Roggisch: Er war ein unglaublich positiver und sehr lustiger Mensch. Kein Kasper, sein Humor war eher hintergründig und sehr trocken. Wir hatten viel Spaß miteinander. Auf dem Feld habe ich bei all seinem Ehrgeiz die Leichtigkeit bewundert, mit der er Handball gespielt hat.

SPORT1: Was war Ihre Reaktion, als Sie von seinem Tod erfuhren?

Roggisch: Ich war geschockt. Wir hatten uns alle gefreut, als er nach einem Jahr Auszeit sein Comeback gefeiert hatte. Der Handball hat ihm so viel Lebensmut gegeben. Aber dann ging alles so schnell. Imponiert hat mir, wie er mit seiner Krankheit umgegangen ist. Er war bis zuletzt optimistisch und positiver Stimmung. Sein Beispiel kann anderen Menschen und Familien, die in so eine Situation kommen, Mut machen.

SPORT1: Welchen sportlichen Wert hat so eine Partie wie heute?

Roggisch: Das war schon eine echte Herausforderung. Immerhin spielten wir gegen eine Mannschaft, die gespickt ist mit Weltmeistern und Olympiasiegern. Und als deutsche Nationalmannschaft will man sich ja nicht vorführen lassen.

SPORT1: Das hat Ihr Nationalmannschaftskollege Torsten Jansen ähnlich gesagt. Der wollt mit dem HSV die DHB-Auswahl "ärgern". Und man hatte ja auch von Beginn an das Gefühl, hier wollen beide Mannschaften unbedingt gewinnen.

Roggisch: Natürlich. Das hätte Oleg sich auch so gewünscht. Wir wollten hier keinen Halli-Galli-Handball abliefern. Das hätte Oleg nicht verdient gehabt - und die vielen Zuschauer, die in seinem Gedenken gekommen sind, auch nicht. Ich bin sicher, Oleg wäre begeistert gewesen.

SPORT1: Andererseits nimmt man sich ja doch ein wenig zurück...

Roggisch: Richtig. Am Kreis wird sicher der ein oder andere Treffer mehr erzielt, weil man nicht ganz so hart zur Sache geht, das zeigt ja auch, dass es im ganzen Spiel nur eine Zeitstrafe gab. Wichtig war, dass wir uns einspielen, die Laufwege verinnerlichen und auch neu lernen, da ja doch der ein oder andere Spieler im Kader nicht bei der EM dabei war. Daher hat Pascal Hens heute auch nicht für den HSV gespielt.

SPORT1: Ist das Vier-Länder-Turnier in Norwegen eine Station für die Nationalmannschaft, um sich für die kommenden Großereignisse einzuspielen?

Roggisch: Nein. Wir sind die deutsche Nationalmannschaft. Da muss der Anspruch schon höher sein, als sich nur einspielen zu wollen. Wir wollen so gut abschneiden wie möglich und am besten alle Spiele gewinnen.

SPORT1: Auch um bei der EM verlorenes Renommee zurückzugewinnen?

Roggisch: Ich glaube nicht, dass wir bei der EM Renommee verloren haben. Die Fans wissen, dass wir immer alles geben. Die Weltspitze ist nun mal sehr eng zusammen, so dass Kleinigkeiten den Unterschied zwischen Platz eins uns acht ausmachen.

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