Hans Engel wird im "Handball-Krieg" zwischen BRD und DDR zum tragischen Helden. SPORT1-Redakteur Wolfgang Kleine blickt zurück.

Heinz Seiler saß am Abend des 6. März 1976 wie ein Häufchen Elend im Hotel im damaligen Karl-Marx-Stadt an der Bar. Der sonst erfolgreiche Nationaltrainer der DDR-Handballer war gegenüber bundesdeutschen Journalisten beim Glas Bier ungewohnt redselig.

Seiler musste seinen Frust, seine Enttäuschung herunterspülen und suchte auch irgendwie Trost, den er bei seinen eigenen Leuten nach der größten "sportlichen Enttäuschung meines Lebens" nicht mehr fand.

Für die DDR-Sportführung war der Coach plötzlich ein "Aussätziger". Seine Mannschaft hatte Stunden zuvor zwar mit 11:8 gegen den "Erzfeind" Bundesrepublik gewonnen, aber die Qualifikation für Olympia 1976 in Montreal hauchdünn verpasst.

"Hätte, wäre, wenn", das sagen sich noch heute die damaligen DDR-Spieler, ?wenn Hans Engel doch in der Schlusssekunde den Siebenmeter gegen den BRD-Torwart Manfred Hofmann verwandelt hätte.

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Während heute nach 20 Jahren gemeinsamem deutschen Sport das große Gedenken an die Zeiten der einstigen Gegnerschaft einsetzt, ist dieses Handball-Spiel zwischen der DDR und der BRD für mich als das Symbol der Sport-Eiszeit zwischen den beiden deutschen Staaten immer noch lebendig.

Das bundesdeutsche Team hatte zuvor in München das erste Olympia-Qualifikationsspiel mit 17:14 gewonnen. Heiner Brand, Joachim Deckarm, Horst Spengler, Kurt Klühspies und vor allem auch "Hexer" Manfred Hofmann wurden im Westen danach wie Sport-Helden gefeiert. 100.000 wollten damals das politisch brisante Duell sehen, 10.500 Fans erhielten nur Karten.

Wie aufgeheizt die Stimmung schon damals war, erzählte später der Hexer im DDR-Tor, Wieland Schmidt: "Fans haben mich als Russen-Schwein beschimpft."

Vier Monate später in Karl-Marx-Stadt wurde der Spieß umgedreht. Die DDR-Fans beschimpften Deckarm und Co. Bundestrainer Vlado Stenzel hatte in die DDR das eigene Essen mit eigenen Köchen mitgebracht. Stenzel: "Ich hatte Angst, dass die uns was ins Essen tun."

Dieses Spiel war nicht nur ein Handball-Spiel - hier gingen schon im Vorfeld die Emotionen hoch. Die Medien heizten die Partie an - Kapitalismus gegen Sozialismus. Das BRD-Fernsehen übertrug wie die DDR natürlich live.

Während sich beide Seiten zum "Handball-Krieg" rüsteten, hatte ich wenigstens das Vergnügen, mit meinem VW-Golf auf der Autobahn drei DDR-Fans mit nach Karl-Marx-Stadt zu nehmen. Keine Spur vom kalten Krieg. Sie hatten vielmehr Interesse an dem West-Auto und machten sich über den heimischen Trabi lustig.

"Weißt du", sagte mir einer der Jungs, "der Trabi hat beim Windkanal-Test den zweiten Platz belegt. Nur einer war vor ihm: die Schrankwand."

In der Halle selbst wurde es dann ungemütlicher. Die Stimmung war aufgeheizt. Deckarm und Co. wurden gellend ausgepfiffen, aber sie behielten über weite Strecken der Partie die Nerven. Fast: Es stand 11:8 für die DDR - das würde für das BRD-Team reichen.

Doch was taten die schwedischen Schiedsrichter! Sie wollten partout nicht abpfeifen. Minute um Minute verstrichen auf der offiziellen Uhr. Kollege Gustav Schwenk aus Düsseldorf lief schon vor Wut rot an. Das Spiel ging immer weiter - bis dann Horst Spengler den DDR-Angreifer Hans Engel am Wurfkreis foult. Siebenmeter für die DDR!

Hans Engel nahm sich den Ball. Die bundesdeutschen Spieler warfen sich entsetzt zu Boden. Sie konnten das nicht mir ansehen. Nur einer behielt die Nerven: Torwart Manfred Hofmann. Er hatte Trainer Stenzel signalisiert, dass er im Tor bleiben wolle und das "Ding hält".

Engel täuschte an, aber Hofmann blieb stehen, denn warf Engel, Hofmann zuckte mit dem linken Knie und der Ball sprang vom Knie hoch an die Hallendecke. Eine einzige Sekunde entschied hier über Freud oder Leid. Deckarm und Co. sprangen hoch und feierten Manfred Hofmann, die DDR-Spieler warfen sich enttäuscht und entsetzt zu Boden.

Hans Engel der Unglücksrabe wurde zur "unerwünschten Person", während Manfred Hofmann völlig mit den Nerven fertig in der Kabine eine Beruhigungsspritze erhielt.

Nur Frau Engel redete mit ihrem Mann im Kabinengang. Sie spendete aber keinen Trost, sondern schrie den Hans an: "Warum hast Du den Ball nicht verwandelt?!"

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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