vergrößernverkleinern
Stefan Kretzschmar spielte von 1996 bis 2007 für den SC Magdebrug © getty

Stefan Kretzschmar spricht im Interview über seine Ambitionen mit Lepizig, Herzblut und eine "Managerkrise" der Toyota HBL.

Von Frank Schneller

München - Kurz vor der Weltmeisterschaft in Schweden (13. bis 30. Januar) hagelt es Kritik.

Sie kommt von Stefan Kretzschmar und ist ein Rundumschlag gegenüber dem Verband und den Liga-Verantwortlichen.

"Das Selbstverständnis mancher Manager widerstrebt meiner Berufsethik", sagt der 37-Jährige, der schon immer ein Freund klarer Worte war.

Durch die zahlreichen Positions- und Vereinswechsel bleibe häufig die Glaubwürdigkeit vieler Funktionäre auf der Strecke.

Der frühere Sportdirektor des SC Magdeburg warnte zudem vor Ämterhäufung und Machtansammlung auf Funktionärsebene.

Heute arbeitet er ehrenamtlich im Aufsichtsrat des Regionalligisten SC DHfK Leipzig.

Im ersten Teil des Interviews spricht Stefan Kretzschmar über seine Ambitionen mit Leipzig, seine Beziehung zum SCM und die "Managerkrise" im deutschen Handball.

>>Hier geht's direkt zum zweiten Teil des Interviews!

Frage: Nach Ihrer aktiven Laufbahn und Ihrem Abschied von "Ihrem" SC Magdeburg sind Sie den Handballfans vor allem als SPORT1-Kommentator bei den Übertragungen aus der Toyota HBL geläufig. Sie sind aber auch Mitglied des Aufsichtsrates in Leipzig- der Handballpunk als Funktionär?

Kretzschmar: Ich bin kein Funktionär im klassischen Sinne. Ich bringe mich ein und unterstütze das Vorhaben dieses Traditionsvereins, wieder nach oben zu kommen. Leipzig ist eine Sportstadt - und eine Handballhochburg. Das Gesamtpaket stimmt einfach: Gute Stadt, gute Idee - der Klub hat eine tolle Historie, verfügt über eine super Infrastruktur und ist gerade so richtig in Aufbruchstimmung. Der SC DHfK ist derzeit das ambitionierteste Handballprojekt Deutschlands.

Frage: Lässt sich ein Klub denn so schnell nach oben trimmen. Abgesehen von der personellen Zusammenstellung einer Mannschaft: Kann da das Umfeld überhaupt mitwachsen?

Kretzschmar: Wir erfahren hier in Leipzig große Rückendeckung seitens der regionalen Sponsoren und des gesamten Umfelds. Wir hatten zuletzt zudem auch einige geile Highlights wie das Pokalspiel gegen die Füchse Berlin, oder den Zuschlag für das Allstar Game - alles Plattformen, die wir nutzen können.

Dadurch, dass Red Bull in Leipzig sein Fußball-Projekt so umfassend pusht, wird der Sponsorenmarkt nicht ausgesaugt. (DATENCENTER: Der WM-Spielplan)

Frage: Dennoch: Wieso Leipzig?

Kretzschmar: Ich war und bin mit dem SC Magdeburg immernoch so emotional verbunden - da wäre ein Engagement bei und für einen anderen Erstligisten momentan nur schwer darstellbar. Autenthizität ist immer mein Leitmotiv gewesen. Und mein Herz schlägt nun mal immer noch grün-rot.

Frage: Sie waren nach Ihrer Spielerkarriere ja bereits in Magdeburg als Sportdirektor tätig. Aus dieser Zeit stammt folgendes Zitat von Ihnen über die Manager-Gilde und das Spielerberaterwesen: "Da gibt es jede Menge Parasiten. Und zu denen muss ich auch noch nett sein. Ich habe das Gefühl, dass in diesem Business jeder jeden irgendwann mal verarscht."

Kretzschmar: Ich stehe dazu, das heißt aber ja nicht, dass ich mich da jetzt angepasst habe. Wie gesagt: Ich nehme für mich in Anspruch, authentisch zu sein.

Frage: Sie verfügen angesichts Ihrer diversen unterschiedlichen Tätigkeiten über eine Vielzahl an Perspektiven. Gibt es eine Managerkrise?

Kretzschmar: Das ist eine berechtigte Frage. Ich finde, dass in diesem Bereich oft der Bock zum Gärtner gemacht wird, bemisst man das nur mal an der Personalpolitik in manchen Klubs. Man muss sich doch nur ansehen, wer wo immer wieder auftaucht, nachdem er am vorherigen Standort nun nicht gerade ein bestelltes Feld hinterlassen hat. Das kann es doch nicht sein!

Außerdem widerstrebt es meiner Berufsethik, welches Selbstverständnis manche Manager haben. Bei aller Professionalität gehört für mich auch Herzblut zu solch einem Job. Ohne Emotionen geht es nicht. Aber die Fluktuation, wie wir sie in dieser Branche erleben, ist mir suspekt.

Irgendwelche Lippenbekenntnisse abzugeben für einen Klub, und dann ein halbes Jahr später woanders aufzutauchen und zu erzählen, das sei nun der Traumverein - diese Austauschbarkeit missfällt mir.

Frage: Viele Vereine legen bei der Besetzung von Manager- und Sportdirektorposten Wert auf Stallgeruch.

Kretzschmar: Handballvereine werden immer professioneller - das erfordert eine gewisse Aufgabenteilung. Es macht Sinn, auf ehemalige Spieler als Sportdirektor zu setzen. Wenn da ein Ex-Spieler viel auf dem Kasten hat, ist das schon so etwas wie eine Ideal-Lösung. Aber nicht immer ist der vermeintlich kurze Weg innerhalb des eigenen Vereins auch der richtige - insbesondere für den Managerbereich.

Hier besteht die Gefahr, dass man es sich zu einfach macht, wenn man "nur" einen ehemaligen Spieler ohne das nötige Knowhow installiert. Billig-Lösungen bringen doch keinen Erfolg. Ein fachlich starker und daher zurecht gut bezahlter Manager holt doch ein Vielfaches wieder rein.

Wenn jemand ein mutiges, innovatives Konzept vorstellt, muss er auch mal die Chance erhalten, es umzusetzen - das aber wird leider zu oft geblockt von den Alteingesessenen, den Traditionalisten eines Vereins.

Frage: Viele Management-Bewerber überzeugen angeblich mit der Langfristigkeit eines Konzepts. Funktioniert das?

Kretzschmar: Mit Drei- oder Vier-Jahresplänen erkauft man sich doch nur Zeit bei den Fans. Entsprechend plakative Parolen stören mich total. Beispiel Rhein-Neckar Löwen: Man wolle oben mitspielen, Kiel und Hamburg angreifen und in so und so viel Jahren Titel gewinnen. Das ist für mich unglaubwürdig. Mit dem Kader müssen sie im Hier und Jetzt etwas gewinnen.

Frage: Wie bewerten Sie die Rolle von Aufsichtsräten?

Kretzschmar: In einem solchen Gremium geht es darum, Netzwerke zu gestrickt und Kontakte in die Politik oder die Wirtschaft zu generieren. Das kann einer allein doch gar nicht schaffen, wenn er Manager ist. Das dann umzusetzen, das Gesicht des Vereins zu sein und derjenige, bei dem die gerade geschilderte Lobbyarbeit zusammenläuft - das ist für mich ein Manager.

Man braucht eine starke Persönlichkeit auf Management- und/oder Trainerebene. Ein operativ starker Aufsichtsrat wird nicht funktionieren. Meine Formel für Aufsichtsräte würde lauten: Kontrollfunktion ja, sportliche Einmischung nein!

Frage: Klingt nicht besonders modern, sondern eher nach den "guten alten Zeiten" der Monarchen, der Schorns, Ströhmanns, Hildebrandts...

Kretzschmar: Es geht mir nicht darum, Partei für Bernd-Uwe Hildebrandt in Magdeburg zu ergreifen. Aber er war ein Macher, der den SCM mit allen Mitteln nach vorne bringen wollte. Als er weg war und im Verein aus den unterschiedlichsten Gründen ein Machtvakuum entstand, traten plötzlich viele Leute hervor und erhoben plötzlich den Anspruch, mitzumischen - das war der Beginn des Chaos', wenngleich der Verein wieder auf einem guten Weg zu sein scheint.

>>Hier geht's zum zweiten Teil des Interviews mit Stefan Kretzschmar!

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel