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Stefan Kretzschmar hat 218 Länderspiele absolviert © imago

Im zweiten Teil des Interviews spricht Stefan Kretzschmar über den Zwist zwischen Toyota HBL und dem Deutschen Handball-Bund.

Von Frank Schneller

München - Der Zwist zwischen Liga und Verband ist für Kretzschmar "töricht und überflüssig".

Dennoch findet der 37-Jährige, dass der Handball anderen Profiligen "meilenweit voraus" sei.

Das Premium-Produkt Nationalmannschaft müsse aber besser vermarktet werden.

"Das liegt an einem Kompetenzvakuum beim DHB", so der ehemalige Nationalspieler, "das Präsidium ist qualitativ unterbesetzt."

Lobende Worte findet Kretzschmar dagegen für den Bundestrainer: "Ohne Heiner Brand wäre der deutsche Handball schon längst wieder eine graue Maus. Er ist das Gesicht des deutschen Handballs, die Frontfigur."

Im zweiten Teil des Interviews spricht Kretzschmar außerdem über den "starken Mann" der Füchse Berlin, die Vermarktung der Nationalmannschaft und fehlende Typen im Handball.

>>Hier geht's zurück zum ersten Teil des Interviews!

Frage: Sie haben ja einen sehr starken persönlichen Bezug zu Berlin. Wie beurteilen Sie, was der dortige Manager Bob Hanning dort aus einer handballerischen Diaspora gemacht hat?

Kretzschmar: Er hat in Berlin etwas eigentlich Unmögliches geschafft. Die Füchse - das ist Bob Hanning. Ein Beispiel für meine These vom starken Mann an der Spitze. Es ist erstaunlich, wie Bob sich zu einem der größten Strippenzieher der Branche mauserte. Dieser Mensch versteht es wie kaum ein Zweiter, Schaltstellen zu besetzen, von denen aus er Einfluss nehmen kann.

Bob lebt 24 Stunden täglich für Handball, ich bewundere diesen Enthusiasmus, diese Energie, auch wenn seine Art und Weise ja nicht unstrittig ist - das ist genau die Art von Energie, die man braucht, um Handballprojekte nach vorne zu bringen.

Aber andererseits behagt es mir nicht, wenn jemand zu viele Fäden in der Hand hält und in zu vielen Angelegenheiten mitmischt. Was mich stört und wovor ich warne, ist Ämterhäufung. Das birgt schon die Gefahr, dass einige Herren zu viel Macht anhäufen.

Frage: Wie beurteilen Sie die jüngsten Negativ-Schlagzeilen und den öffentlichen Zwist zwischen Liga und Verband sowie die jeweilige Kritik an Toyota HBL- und DHB-Spitze?

Kretzschmar: Ich glaube nicht, dass die beiden Parteien separate Wege suchen sollten. Gemeinsamkeit ist eminent wichtig. Die Liga hat doch beispielsweise den Grundlagenvertrag mit dem DHB nicht aus Boshaftigkeit gekündigt, sondern präventiv, als Grundlage für neue Verhandlungen. Ich habe für das Jeder gegen Jeden nicht viel Verständnis. Diesen Konflikt zuzuspitzen, wäre töricht und überflüssig.

Die Toyota HBL und Frank Bohmann machen einen guten Job. Erst recht im Vergleich zu den anderen Profiligen hierzulande, also Basketball und Eishockey. Denen sind wir meilenweit voraus. Auf der anderen Seite passiert mir beim DHB zu wenig. Vor allem mit dem Premium-Produkt, der Nationalmannschaft. Hier finde ich, ist Kritik angebracht.

Frage: Sie meinen daran, wie die DHB-Auswahl vermarktet wird?

Kretzschmar: Ja, der Marktwert wird aus meiner Sicht nicht ausreichend gepflegt. Das liegt an einem Kompetenzvakuum beim DHB. Das Präsidium ist qualitativ unterbesetzt. Da gehört für mich ein Hauptamtlicher an die Spitze. Präsident Uli Strombach hat unbenommen seine Verdienste um den deutschen Handball. Aber als Frontmann, als Persönlichkeit eines modernen Verbandes kommt er nicht ideal rüber.

Und Horst Bredemeier verfügt zweifellos über einen hohen Kommunikationsfaktor, ist engagiert, umtriebig, hat auch viele Kontakte und sein Netzwerk. Aber reicht das noch für dieses 10-Millionen-Projekt DHB-Auswahl, die wichtigste Nationalmannschaft, die Deutschland nach der DFB-Elf hat?

Vielleicht sollte sich der Verband allmählich jünger aufstellen - und strukturell zeitgemäßer. In Sachen Marketing ist der DHB viel zu schwach, da gehört jemand an die Schnitt- und Schaltstelle zwischen Verband und Vermarkter ("Sportfive", d. Red.).

Frage: Was bedeutet das konkret?

Kretzschmar: Es ist medial viel zu wenig passiert. Die Weltmeisterschaft 2007 und der Titelgewinn sind verpufft. Man hat es verpasst, Trends aktiver mitzugehen. Es herrscht noch immer die Haltung vor: Wenn die was wollen, sollen sie doch zu uns kommen. Das ist ein Mentalitätsproblem.

Wir haben immer noch nicht gelernt, das Große und Ganze zu sehen. Da ist strategisch soviel Luft nach oben. Und: Ich wünsche mir darüber hinaus auch viel mehr Enthusiasmus, weniger Eindimensionalität.

Frage: Gibt es keine Ausnahmen?

Kretzschmar: Doch: Heiner Brand. Ohne ihn wäre der deutsche Handball schon längst wieder eine graue Maus. Er hat sich zu 1000 Prozent geändert im Vergleich zu früher. Er hat medial einen Quantensprung gemacht, einen modernen Umgang mit den Medien, was ja früher nicht seinem Naturell entsprach. Aber er hat verstanden, wie wichtig es ist, dass man, wenn man das eine möchte auch das andere machen muss. Und er lässt sich professionell vermarkten - mit sichtlichem Erfolg.

Man muss sich als öffentliche Person auch seiner öffentlichen Rolle entsprechend klar werden, auf seine Außendarstellung achten. Man kann sich nicht immer nur dann den Medien öffnen, wenn alles wunderbar ist, sondern muss sich eben auch zeigen und den Kopf hinhalten, wenn es scheiße läuft.

Frage: Wir haben seit Ihrem Rücktritt kaum noch überregional bekannte Typen.

Kretzschmar: Heiner Brand ist das Gesicht des deutschen Handballs. Er ist auf seine Art ein Star, in jedem Fall die Frontfigur. Solange er den Job machen will, darf Handball-Deutschland glücklich sein.

Aus dem Kreis der Spieler kommt da lange nichts auch nur annähernd Vergleichbares. Obwohl wir durchaus ein paar Typen mit Star-Potential hätten. Silvio Heinevetter zum Beispiel bringt alles mit. Oliver Roggisch hat auch das Zeug dazu: Er kommt cool rüber, hat ein gutes Auftreten, ist ein echter Typ, den man mehr in Szene setzen könnte und müsste.

Frage: Mimi Kraus war auf dem Weg zum Topstar in der Szene...

Kretzschmar: Richtig. Aber er stagniert, sportlich wie persönlich. Unabdingbar für seine weitere Entwicklung zu einem Star - einem erfolgreichen Sportler noch dazu - ist, dass er zuverlässiger wird. Dass er Verantwortung für sich selbst und und das Team übernimmt. Dass er berechenbarer wird - auf dem Spielfeld und abseits.

Frage: Pascal Hens...

Kretzschmar: ...ist ein lockerer, super Typ. Er macht einen sehr guten Job als Nationalmannschaftskapitän! Mir kommt es nur manchmal so vor, dass er in seinem Irokesenschnitt gefangen und an ihn gebunden ist. Er müsste den nächsten Schritt der Profilentwicklung gehen und das Teil mal loswerden. Das würde zu einem kurzfristigen Popularitätsverlust führen, ihn aber langfristig als Persönlichkeit stärken!

Insgesamt darf man eben nicht nur Autogrammstunden geben und Fanpost beantworten. Am Ende des Tages müssen möglichst viele Auftritte zu Buche stehen, mit denen sich die Öffentlichkeit, die Fangemeinde, aber vor allem man selbst als Typ identifizieren kann.

Frage: Abschließende Frage: Klopft man Ihnen nach wie vor so oft auf die Schulter für den WM-Titel 2007, an dem Sie gar nicht mehr mitgewirkt haben?

Kretzschmar: Allerdings - und das kann und dürfte doch eigentlich nicht sein. Dass der Otto-Normal-Verbraucher mich noch am ehesten damit in Verbindung bringt, und damit identifiziert, während - bis auf ganz wenige Ausnahmen - die Jungs, die das wirklich geschafft und häufiger Titel gewonnen haben, quasi anonym bleiben, nicht erkannt werden. Das ist fast grotesk.

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