Das deutsche Team zeigt sich bei der Handball-WM nicht von seiner besten Seite. SPORT1-Redakteur Wolfgang Kleine erinnert sich.

Versteinerte Gesichter, bissige Kommentare und Ratlosigkeit. Das sind die bisher prägenden Eindrücke bei WM in Schweden im deutschen Lager. Zwei Pleiten gegen Spanien und Frankreich machten die Schwächen der DHB-Auswahl deutlich.

33 Jahre zuvor war das noch ganz anders. Die sogenannte Goldene Generation im deutschen Handball trat in Dänemark im Kampf um die WM-Krone an. Das waren noch Typen.

Der heutige Bundestrainer Heiner Brand, Handball-Genie Joachim Deckarm, der ausgefuchste Kurt Klühspies, der "Hexer" Manfred Hofmann und einer, den man eher in der Rock-Szene vermuten konnte.

Er hatte Haare wie Gitarrist Jimi Hendrix und deshalb nannte man ihn auch "Jimmy". Gemeint ist Dieter Waltke. Mit ihm ging Bundestrainer Vlado Stenzel am 5. Februar 1978 ins Finale gegen die UdSSR.

[image id="1d8b95f9-636c-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Der "Magier" hatte Dieter "Jimmy" Waltke entdeckt, als der mit einer Ostwestfalen-Auswahl gegen die deutsche B-Nationalmannschaft spielte. Und das nicht schlecht: 14 Tore erzielte er gegen das Team. Stenzel reagierte sofort und holte Waltke in sein A-Team.

Doch an diesem Februar-Tag in der Kopenhagener Bröndby-Halle, bei diesem mit Spannung erwarteten Finale gegen die Handball-Roboter, musste Jimmy erst auf der Bank schmoren.

Die deutsche Mannschaft kämpfte fast überirdisch, führte mit 13:12, als Linksaußen Arno Ehret ein dummer Fehler unterlief. Stenzel ärgerte sich maßlos und reagierte. Er nahm Ehret raus und brachte seinen "Joker" Waltke.

Der hatte bisher noch kein Länderspiel bestritten und in der 39. Minute fand nun der Wechsel statt. Keiner wusste richtig, was Waltke konnte, die Sowjets hatten ihn noch nie gesehen.

Und dann begannen diese denkwürdigen 193 Sekunden. Denn just in dieser Zeit wächst der Jimmy über sich hinaus. Er nimmt die Abwehr vor Torwart-Legende Istchenko auseinander.

Er wirft das 14:12, das 15:12 und das 16:12 - die deutsche Mannschaft steht vor dem großen WM-Triumph, der dann mit 20:19 unter Dach und Fach gebracht wurde.

Danach muss Waltke wieder raus. Er war als Nobody gekommen und 193 Sekunden später hatte der "Jimmy" das Feld wie ein König wieder verlassen. Der "Joker" des "Magiers" hatte ein legendäres WM-Finale entschieden.

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel