Jo Deckarm gilt als weltbester Handballer - bis zu einem verhängnisvollen Unfall. SPORT1-Redakteur Wolfgang Kleine erinnert sich.

Die Vereine der Handball-Bundesliga unterstützen den Fonds für den 1979 verunglückten Nationalspieler Joachim Deckarm mit der Versteigerung von 328 Autogrammkarten aller Spieler und Trainer.

Die Meldung ist kurz und knapp. Doch bei mir erweckt sie Erinnerungen an den schlimmsten Tag meiner Laufbahn als Sportjournalist. An jenen 30. März 1979 vor 32 Jahren im ungarischen Tatabanya.

Mit dem VfL Gummersbach spielte Jo Deckarm, den Ex-Bundestrainer Vlado Stenzel für den besten Handballer der Welt hielt, im Halbfinal-Hinspiel des Europacups bei Banyasz Tatabanya. Ich saß in der ersten Zuschauer-Reihe, knapp neben der Mittellinie des Spielfeldes.

Die deutschen Kollegen sahen die Partie locker, der VfL hatte das Spiel im Griff. Und es kam die 23. Minute. Der VfL hatte einen Angriff der Ungarn abgefangen, Jo Deckarm sprintete nach vorn, als er einen Pass seines Freundes und jetzigen Bundestrainers Heiner Brand aufnehmen wollte.

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Doch sein Gegenspieler Lajos Panovics sprang mit hoch, die beiden schlugen mit den Köpfen aneinander und Jo prallte bewusstlos mit Gesicht auf den harten Betonboden.

Entsetzen machte sich breit, Jo blieb regungslos auf dem Boden liegen. Die Betreuer eilten herbei. Was war passiert? Das fragten sich alle. Kurz darauf wurde der Weltmeister von 1978 in die Kabine getragen. Die Partie wurde fortgesetzt, interessierte aber niemanden mehr.

Die Teamkollegen um Heiner Brand erfuhren erst später, welch dramatische Dinge sich in der Nebenkabine abspielten. Jo Deckarm kämpfte um sein Leben - mit 25 Jahren. Ein Arzt der Klinik in Tatabanya, der die Partie live im Fernsehen verfolgte, hat Jo Deckarm wohl das Leben gerettet. Der Herzspezialist eilte sofort in die Sporthalle und leitete Notmaßnahmen ein.

Erst wurde Deckarm in die Klinik von Tatabanya gefahren, dann in die Uni-Klinik nach Budapest. Die VfL-Spieler erfuhren nur wenig, sie saßen noch lange in der Kabine, einige weinten. Brand: "Es war ganz schlimm. Wir haben geheult zwischendurch. Denn wir bekamen die Nachricht, dass es eng werden würde."

Die Rückfahrt im Bus nach Budapest zum Hotel "Hilton" wurde zum traurigen Ereignis. Alle stierten nur vor sich hin. Keiner wagte, zu reden. Was ist mit Jo? Im Hotel gab?s lauter Parolen. Ein unverantwortlich agierender Journalist verkündete: "Jo ist gestorben." Stimmte aber nicht. Den Kollegen hätten die anderen am liebsten verprügelt.

Erst im Laufe der Nacht kam aus der Uni-Klinik die endgültige Diagnose.

Jo Deckarm hatte die Hirn-OP überlebt. Er hatte einen doppelten Schädelbasisbruch, Quetschungen des Haupthirns und einen Riss der Hirnhaut erlitten.

Tagelang blieb ich noch in Budapest. Bundestrainer Vlado Stenzel und Vater Deckarm flogen ein. Die Uni-Klinik Frankfurt hatte den Budapester Kollegen angeboten, einen damals noch nicht überall vorhandenen Computertomographen in die ungarische Hauptstadt einzufliegen, um Jo Deckarm zu helfen. Doch das dortige Gerät reichte aus, um Deckarm zu behandeln.

Später wurde der einst beste Handballer der Welt in die Uni-Klinik Köln verlegt. Nach 131 Tagen wachte er aus dem Koma auf.

Doch seit dem schweren Unfall ist Jo Deckarm, der einst mit seinen Sprungwürfen selbst gegnerische Handball-Fans begeisterte, behindert. Sprache und Bewegung haben gelitten. Sein Leben lang wird er auf Hilfe angewiesen sein.

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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