HSV-Pleite ist keine Blamage
Hallo Handball-Fans,
Das große Thema des ersten Spieltags ist Hamburgs Pleite in Wetzlar: ein ungewöhnliches Ergebnis, für mich allerdings keine Blamage.
Wetzlar wird dieses Jahr in der Tabelle den wohl größten Sprung machen. Sie haben sich gut verstärkt und einen starken Kader diese Saison.
Für den HSV muss jetzt ein Sieg her am nächsten Spieltag, aber die Welt bricht da nicht zusammen. Sie haben überragende Spieler in ihren Reihen und der Kader ist sicher wettbewerbsfähig im Kampf um die Champions-League-Plätze.
Ich hoffe für die Hamburger nur, dass sich die finanzielle Situation nicht auf die Spieler auswirkt - vorstellen kann ich es mir nicht.
Flensburg ist für mich der Meisterjäger Nummer eins - vor allem wegen der Philosophie, die Ljubomir Vranjes seinem Team vermittelt hat, und der Art, wie sie als Mannschaftsgefüge funktionieren.
Der Ausfall von Petar Djordjic tut den Flensburgern sehr weh. Für ihn persönlich tut es mir wahnsinnig leid. Das hätte sein Jahr werden müssen, der endgültige Durchbruch in der ersten Liga.
Aber Arnor Atlason ist jemand, der diese Lücke schließen kann. Er ist nicht die Wurf-Maschine wie Djordjic, aber ein erfahrener Kämpfer, der mit seiner Mentalität sehr gut in die Mannschaft passt.
Die Aufsteiger Essen und Neuhausen werden keine große Rolle spielen. Das ist ein Abenteuer, ein einjähriger Betriebsausflug, den sie auch genießen sollen. Um wirklich mitzuhalten, fehlen ihnen die finanziellen Möglichkeiten - zum Glück hat man bei keinem der Aufsteiger Harakiri betrieben und Geld ausgegeben, das man nicht hat.
Bei Minden sieht die Lage anders aus. Sie haben einen Kader, mit dem man sich Chancen ausrechnen darf. Die knappe Niederlage gegen Berlin hat gezeigt, dass sie nicht so weit weg sind.
Auf so eine Leistung der Rhein-Neckar Löwen wie gegen Göppingen habe ich gehofft. Dass sie zu Saisonbeginn in dieser aufgeheizten Atmosphäre so gewinnen, ist ein echtes Ausrufezeichen.
Mir gefallen diese Löwen sehr gut: Die Neuverpflichtungen wurden diesmal nicht nach der Torschützenliste gekauft, sondern man hat geschaut, dass sie auch menschlich ins Team passen.
Dieser sympathischen Mannschaft ist mehr Konstanz zuzutrauen, sie können die Überraschungsmannschaft dieser Saison sein.
Wenn es um Kiel geht, schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Auf der einen Seite traue ich ihnen noch einmal so eine Spielzeit zu, auf der anderen hoffe es nicht. Das soll nicht despektierlich klingen, aber wenn sie wieder zu Null Meister werden, würde das katastrophale Folgen für unsere Liga haben.
Flensburg, Hamburg, Berlin, Mannheim haben das Potenzial, den THW zu schlagen. An einem besonders guten Tag vielleicht auch Göppingen und Magdeburg.
Heiner Brands Kritik sollte an Kiel man übrigens nicht überwerten. Für meine Begriffe war das nur ein beiläufiger Satz. Er wollte den Kielern da auch keinen reindrücken.
Natürlich hat der THW in den letzten Jahren nicht dadurch überzeugt, dass sie die ganz großen Nationalspieler hervorgebracht haben. Aber ich glaube, sie haben ihre Jugendarbeit verbessert.
Ob sie noch mehr Geld in den Nachwuchs investieren, müssen die Kieler selbst entscheiden.
Für den deutschen Handball würde man sich natürlich wünschen, wenn alle Vereine das tun würden.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Kretzsche
Stefan Kretzschmar, 39, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.