Strafverfahren! Karabatic durchlebt "Albtraum"
Montpellier/Hamburg - Dicke Tränen kullerten über die Wangen von Nikola Karabatic.
Mit gesenktem Haupt und leerem Blick stand der zweimalige Olympiasieger und frühere Welthandballer vor dem Justizgebäude in Montpellier und konnte es noch immer nicht fassen.
Die Einleitung des Strafverfahrens wegen Betrugs und die Auflage, zunächst nicht mehr spielen zu dürfen, könnten das Ende seiner glanzvollen Sportler-Karriere bedeuten.
"Die Anschuldigungen tun mir sehr weh. Mir vorzuwerfen, ich wäre ein Betrüger, mir vorzuwerfen, ich hätte ein Spiel verschoben, uns einfach so vor der Presse bloßzustellen, ist nicht hinnehmbar", ließ Karabatic via Facebook wissen.
"Ich habe dem Handball seit meiner Geburt mein Leben gewidmet. Die jetzige Situation ist ein Albtraum."
Berufung angekündigt
Zwar kam Karabatic in der "schwarzen Nacht von Montpellier" gegen eine Kaution von 4500 Euro vorerst wieder auf freien Fuß, er darf aber bis auf weiteres keine Mitarbeiter seines Teams oder in den Fall involvierte Personen treffen.
Durch diese Entscheidung sei der 28-Jährige quasi arbeitslos, sagte die Verteidigung des Ex-Kielers, die bereits Berufung gegen die strengen Auflagen ankündigte.
Schon das Meisterschaftsspiel des französischen Seriensiegers und Champions-League-Teilnehmers Montpellier gegen Toulouse fand am Mittwochabend ohne Karabatic statt.
Wann und ob der je zweimalige Welt- und Europameister auf das Spielfeld zurückkehren wird, ist völlig offen.
Volksheld vor dem Zerfall
Keine zwei Monate ist es her, da lag die Grande Nation ihrem Handball-Idol noch zu Füßen. Nach dem Olympiasieg von London huldigten die Fans ihrem Sportler des Jahres und feierten ihn als Besten seiner Zunft.
Karabatic war auf einer Stufe mit Weltfußballer Zinedine Zidane und Tennis-Legende Yannick Noah angekommen.
Doch Volksheld war gestern, die Ikone des französischen Sports steht nach den neuesten Entwicklungen kurz vor ihrem Zerfall.
Verfahren gegen elf Spieler
Insgesamt erschienen am Dienstag 15 Personen vor dem Untersuchungsrichter in Montpellier.
Gegen elf von ihnen, darunter auch Nikolas Bruder Luka Karabatic und der mittlerweile für Paris St. Germain spielenden Olympiasieger Samuel Honrubia, wurde ein Verfahren eingeleitet.
Den polizeilichen Vernehmungen waren gezielte Abhöraktionen der Telefonate der Spieler vorausgegangen.
Die Spieler seien "sicher gewesen, das Spiel zu verlieren". Auch von "dickem Geld" war die Rede.
Gewinne von 250.000 Euro?
Die Beschuldigten sollen am 12. Mai im Auswärtsspiel beim abstiegsgefährdeten Klub Cesson Rennes mit Wetten auf einen Halbzeitrückstand viel Geld kassiert haben.
Statt eines durchschnittlichen Einsatzes von 5000 Euro waren an jenem Tag über 80.000 Euro auf das Spiel gesetzt und damit Gewinne von rund 250..000 Euro gemacht worden.
Karabatic, der in besagtem Spiel wie einige seiner Mitspieler verletzungsbedingt gefehlt hatte, soll über seine Freundin 1500 Euro gegen sein Team gesetzt haben.
Freundin analysiert und wettet
Er selbst habe nicht gewettet, ließ der millionenschwere Superstar nun bei Facebook wissen, lediglich seine Freundin.
"Sie kannte unsere Ausgangsposition, wir waren schon Meister, und die fünf Top-Spieler waren verletzt", sagte Karabatic: "Cesson spielte ums Überleben, um in der ersten Liga zu bleiben, und das in einer heißen Halle. Unter diesen Bedigungen war unser Team geschwächt."
Sogar Gefängnis droht
Sollte es am Ende des Ermittlungsverfahrens zur Anklage kommen, drohen Karabatic und Co. wegen "sportlichen Betrugs und Korruption" bis zu fünf Jahre Gefängnis und 75.000 Euro Geldstrafe.
Andernfalls könnten die Beschuldigten mit sechs Spielen Sperre und einer Geldstrafe von 15.000 Euro davonkommen.
Schwalb schockiert, Lindberg sauer
Auch in Deutschland schlägt der Fall Karabatic inzwischen hohe Wellen. "Ich wehre mich auch noch ein bisschen, das alles zu glauben", sagte HSV-Trainer Martin Schwalb bei SPORT1.
Schwalb ergänzte: "Ich hoffe, dass möglichst wenig dran ist, weil unser Sport hat solche Skandale nicht verdient. Wir wollen ein sauberer, ehrlicher Sport sein, und durch solche Sachen geraten wir natürlich in Misskredit."
Deutlichere Worte fand sein dänischer Rechtsaußen Hans Lindberg: "Das ist ein Skandal. Das geht einfach nicht."
Imageschaden kaum zu reparieren
Selbst wenn sich die Affäre am Ende "nur" als Verstoß gegen die sportliche Ethik herausstellen und Karabatic vom Vorwurf der Korruption freigesprochen werden sollte, wird der Imageschaden kaum mehr reparabel sein.
Die Nacht zu Mittwoch dürfte so oder so als Fanal für den tiefen Fall eines ganz Großen in die Geschichte des französischen Sports eingehen.