Wetzlars Understatement? "Schwachsinn"
Hallo Handball-Fans,
Erhard Wunderlichs Tod hat mich sehr geschockt. Es ist unglaublich traurig, wenn ein Mensch in solch einem Alter von uns geht.
Leider habe ich nicht mehr gegen ihn gespielt, und kenne ihn daher als Athlet nur von Video-Bildern. Aber natürlich haben mir die Älteren von ihm erzählt, und mir ist bewusst, warum er Jahrhunderthandballer geworden ist.
Er war der erste deutsche Superstar, den diese Sportart hervorgebracht hat und ein großartiger Spieler - ohne Wenn und Aber. So viele Idole hat unser Sport nicht, aber er war sicher eines der größten.
Die wenigen Male, die ich ihn persönlich getroffen habe, reichen nicht aus, um sich ein Bild davon zu machen, was er für ein Mensch war. Aber er war immer sehr freundlich zu mir.
Nun zum Sportlichen: Dass die HSG Wetzlar nach wie vor vom vorzeitigen Klassenerhalt spricht, ist normales Understatement aufgrund der letzten Jahre.
Aber das ist natürlich Schwachsinn. Man kann dort die Messlatte deutlich höher legen und vom gesicherten Mittelfeld sprechen - wenn nicht sogar noch höher. Die Mannschaft hat das Potential.
Sie haben mit Kai Wandschneider einen sehr guten Trainer, der nicht nur eine große Spiel- , sondern allgemein eine sehr hohe Intelligenz mitbringt. Deswegen macht es dieses Projekt HSG Wetzlar auch so sympathisch. Mit Müller, Reichmann und Tiedtke haben sie sich zudem sehr gut verstärkt (DIASHOW: DKB HBL-Transfermarkt).
Wetzlar hat eine sehr solide Abwehr, auf die sich die HSG mittlerweile auch verlassen kann. Das ist eine Mannschaft, die rein gar nichts mit dem Abstieg zu tun haben wird, davon bin ich 100-prozentig überzeugt.
Die Vertragsverlängerung mit Wandschneider ist eine Super-Entscheidung. Ich mag diesen Trainer wirklich sehr gerne. Und ich finde, dass er einer der kompetentesten und sympathischsten Fachleute ist, die unser Sport zu bieten hat.
Ich hatte vor der Saison gesagt, dass Wetzlar und auch die Löwen die Überraschungsmannschaften der Saison sein werden - und das bestätigen beide auf eindrucksvolle Weise. Die Löwen haben gegen Lemgo erneut stark gespielt und damit ihren Aufwärtstrend bestätigt.
Lemgo hat es dagegen richtig schwer. Zu den vielen Verletzten kommen nun auch Kehrmann und Schneider dazu. Durch diese Phase müssen sie sich jetzt aber durchkämpfen. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich nicht unten reinziehen lassen.
Das Derby Minden gegen Lübbecke hat es in sich gehabt. Dank Bilbija, der für mich einer der Überraschungsspieler der Saison ist, und seinem Treffer in letzter Sekunde haben sich die Mindener nach einem kuriosen Spielverlauf den Sieg gesichert. Ein wenig überraschend, aber verdient.
Ich finde diesen Sieg gut. Denn das zeigt, wie ausgeglichen die Liga ist - zumindest, was den allergrößten Teil der 18 Teams angeht.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Kretzsche
Stefan Kretzschmar, 39, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.