Schade für die gesamte Liga
Hallo Handball-Fans,
für den HSV war die Niederlage gegen Kiel natürlich extrem bitter.
Die Hamburger hatten zuvor schon lange nicht mehr so gut gespielt und den Sieg gegen den THW quasi schon im Sack. Wenn man acht Minuten vor dem Ende mit fünf Toren gegen Kiel führt, ist das eine herausragende Leistung.
Was die Kieler dann in den Schlussminuten gezeigt haben, ist aber mindestens genauso überragend.
In der Abwehr noch mal so an Aggressivität zuzulegen, Ballgewinne zu forcieren und dann solche Gegenstöße zu laufen, ist absolute Weltklasse.
Dennoch haben sich die Hamburger diese Niederlage letztlich selbst zuzuschreiben. 52 Minuten lang waren sie die klar bessere Mannschaft. Doch sobald man den Kielern nur kurz Zeit zum Atmen gibt, schnappen sie zu.
Von einem Moment auf den anderen war bei den Hamburgern von dem selbstbewussten und kraftvollen Spiel nach vorne nichts mehr zu sehen. So haben die unnötigen Fehler und Ballverluste in der Schlussphase dem HSV tatsächlich noch das Genick gebrochen.
Das ist nicht nur schade für die Hamburger, sondern eigentlich für die gesamte Liga.
Die Löwen unterdessen liefern bisher eine sehr, sehr überzeugende Saison ab, nicht nur im spielerischen Bereich. Sie sind auch als Mannschaft gewachsen und kämpfen hervorragend.
An die Dominanz der Kieler aus der Vorsaison kommen sie schon allein wegen der fehlenden Spieler zwar nicht heran, aber sie stehen momentan zu Recht da oben. Und es macht Spaß, ihnen zuzusehen. Sie spielen einen attraktiven Handball und haben auch ein paar richtig gute Typen in ihren Reihen.
Ich halte es auch durchaus für möglich, dass die Löwen den THW in diesem Jahr besiegen.
Generell dürften es die Spitzenmannschaften untereinander sehr schwer haben. Es wird nicht mehr der Fall sein, dass die Kieler derart dominant durch die Liga rennen und jeden Gegner nach Belieben abschlachten werden.
So haben beispielsweise auch die Flensburger gegen Berlin ein optimales Spiel abgeliefert. Eine derart starke Leistung wie die gegen die Füchse habe ich von Flensburg in den letzten Jahren selten gesehen.
Sie haben eine fantastische Abwehr hingezaubert und den Füchsen keine, aber auch wirklich gar keine Chance gelassen. Natürlich kam bei den Berlinern aus dem Rückraum dann auch zu wenig.
Aber an diesem Tag hätte sich gegen die Flensburger wirklich jeder Gegner schwer getan. Das war zweifelsohne eines der besten Spiele von Flensburg, die ich je gesehen habe.
Zum Abschluss möchte ich auch noch kurz auf die tolle Entwicklung von Hannover-Burgdorf eingehen. Dieses Team steht völlig zu Recht so weit oben. Wenn ein Morten Olsen gegen Lemgo 17 Tore schießt, kann man nur den Hut ziehen.
Ich habe die Hannoveraner in den letzten Jahren häufig kritisiert, aber derzeit sind sie wirklich auf einem guten Weg und ich beobachte das mit Freude. Sie scheinen das Image der grauen Maus loszuwerden und entwickeln eine Qualität, die der Liga nur gut tun kann.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Kretzsche
Stefan Kretzschmar, 39, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.