Stefan Kretzschmar ist geschockt von Carlens Aus. Der HSV habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Wetzlar räumt er Zeit ein.

Hallo Handball-Fans,

besonders hat mich in dieser Woche der HSV bewegt. Die Geschichte von Oscar Carlen (News) ist einfach wahnsinnig traurig.

Er ist der talentierteste Linkshänder der letzten vier, fünf Jahre und wollte eigentlich nur Handball spielen... Er hat darauf sein ganzes Leben ausgerichtet. Nun muss er sich mit 25 Jahren damit auseinandersetzen, dass das vorbei ist - und eine Alternative in seinem Leben suchen.

Es ist unfassbar und brutal schwer, Worte dafür zu finden. Unabhängig von der Liga, die ein großes Aushängeschild verliert, ist es wichtig, dass ein toller Junge einen Weg findet damit umzugehen.

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Zu seinem Verein: Hamburgs Jammern über den Kräfteverschleiß lasse ich nicht gelten. Sie haben den Pakt mit dem Teufel geschlossen und gesagt, dass sie die Klub-WM des Geldes wegen spielen.

Solch ein Posten in der Bilanz ist mit einem Hauptsponsor zu vergleichen - das lässt sich niemand entgehen! Sollten die Hamburger Katar als Ausrede für einen möglichen verpatzten Saisonauftakt nehmen, würde ich mich kaputt lachen. Das würde ich nicht respektieren.

Aber aus physischer Sicht ist es natürlich eine Katastrophe, fünf Spiele in sieben Tagen zu machen. Sicher sind einige Spieler kaputt oder angeschlagen - jetzt müssen sie schauen, schnellstmöglich wieder fit zu werden. Die Vorbereitung auf die Liga und auf den Knaller gegen Kiel am Samstag ist alles andere als optimal.

Wetzlars Niederlage bei den Löwen war nicht außergewöhnlich, trotz des neuen Superstars Ivano Balic.

Es ist normal, dass es dort noch nicht so rund läuft. Sie haben einen großen Umbruch zu verzeichnen. Einige wichtige Spieler, wie die Müller-Brüder, die für mich echte Schlüsselspieler im letzten Jahr waren, haben den Verein verlassen. Die HSG geht auch von der Mentalität her andere Wege ohne die beiden.

So etwas braucht Zeit. Zumal man die zwei Partien gegen Gegner wie Lemgo und Löwen durchaus verlieren kann. Da darf man sich nicht verrückt machen lassen.

Und was meinen Topfavoriten Flensburg angeht: Die Leistungen der SG sind bislang schwer zu erklären.

Sie haben nicht den großen Umbruch, aber eine gewisse Anfangsunsicherheit. Sie finden sich noch, müssen sich immer wieder neu orientieren und motivieren. Sie tragen eine große Bürde als Meisterschafts-Kandidat Nummer eins, als eingespielteste Mannschaft.

Aber darauf dürfen sie sich nicht ausruhen. Natürlich haben sie eine gewisse Spielphilosophie - aber vorher kommt immer die Arbeit. Und mit einer fast brachialen, kompromisslosen Abwehr und mit einem Top-Torhüter haben sie diese immer super praktiziert.

Die Grundlagen müssen sie weiterhin dort legen. Sie werden nicht spielerisch Deutscher Meister, indem sie alle kämpferischen Tugenden hintenanstellen. Aber das werden sie einsehen. Sie sind und bleiben mein großer Favorit.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 40, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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