Stefan Kretzschmar hält die neue DHB-Spitze für passend, warnt aber vorm Umbruch. Das DHB-Team ist nur noch Mittel zum Zweck.

Hallo Handball-Fans,

der Deutschen Handball-Bunde hat mit Präsident Bernhard Bauer als Präsidenten und Bob Hanning als Vizepräsidenten eine neue Führungsspitze.

Bernhard Bauer kenne ich persönlich überhaupt nicht, er wirkt aber auf mich als ein sehr ruhiger und besonnener Zeitgenosse, der sich einiges auf die Fahne geschrieben hat.

Vom Programm hört es sich sehr gut an, deswegen ist die Handball-Familie auch sehr optimistisch.

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Der Optimismus ist natürlich auch eng mit dem Namen Bob Hanning verbunden: Ich glaube, er ist der richtige Mann am richtigen Fleck. Ich hoffe, dass er ein paar Konzepte und Ideen in der Schublade hat, die unseren Handball wieder nach vorne bringen, denn momentan ist es eine der schwierigsten Situationen in der sich der deutsche Handball jemals befunden hat.

Bauer hat vor kurzem kritisiert, dass der Umbruch zu spät eingeleitet wurde. Ich bin der Meinung, dass die besten deutschen Spieler auch für die Nationalmannschaft spielen müssen - und zwar permanent.

In Deutschland kann man nicht immer langfristig denken, denn bei der Qualität, die wir haben, müssen wir bei jedem Turnier vorne mitspielen.

Deswegen muss man beim Thema Umbruch auch vorsichtig sein, da man auch den Erfolgsdruck hat. Für mich ist es sowieso ein Unding und das Hauptproblem der letzten Jahre, dass die besten deutschen Spieler teilweise einfach nur aus persönlichen Motiven nicht mehr für Deutschland spielen wollen.

Die Nationalmannschaft ist anscheinend nicht mehr die wichtigste Auszeichnung, sondern nur noch Mittel zum Zweck. Das ist der Grund vielen Übels und warum wir in den letzten Jahren nicht mehr so erfolgreich waren.

Eine Deutschen-Quote in den Klubs halte ich aber auch nicht für das Allheilmittel.

Man sagt immer so schnell, dass wenn es eine Quote gibt, die Spieler auch mehr spielen. Man kann eine Quote aber keinem aufzwingen. Es muss generell ein Umdenken stattfinden, dass man auf die Jugend setzt und einem mittelmäßigen ausländischen Spieler vorzieht. Das Problem, welches wir in den ersten beiden Ligen haben, ist, dass wir ausländisches Mittelmaß holen und einem deutschen Talent vorziehen.

Man muss das aber auch von einer anderen Perspektive sehen: Wenn man so eine Quotenregelung macht, will ein deutscher Spieler gleich ein paar tausend Euro mehr, als ein ausländischer Spieler. Deswegen kann ich grundsätzlich auch die Manager verstehen, die aus wirtschaftlichen Gründen den günstigeren ausländischen Spieler vorziehen. Auch dort muss von der Berater-Seite ein Umdenken stattfinden, dass man da nicht immer permanent Wahnsinns-Summen aufruft.

Füchse-Manager Bob Hanning hat bei den Spielern Fabian Wiede und Jonas Thümmler eine Benimmprämie eingeführt. Geld für gutes Benehmen? Halte ich nicht für verwerflich. Es geht grundsätzlich darum, wie man sich verhält, und das bedeutet nicht nur das Wedeln mit dem Strafenkatalog. Es ist wichtig, dass man die einfachsten Regeln des Zusammenlebens beherzigt. Ich glaube, dass wir da in gewissen Bereichen verrohen und verlernt haben, wie man miteinander umgeht.

Es gibt Hierarchieprobleme, Respektprobleme und Probleme mit dem Respekt vor dem Alter. Diese Tugenden sind wichtig, damit aus einem Jugendlichen eine Persönlichkeit wird und wenn finanzielle Anreize dabei helfen, finde ich das nicht verkehrt.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 40, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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