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Im Halbfinal-Rückspiel der CL-Saison 2007 kämpfen Kiels Karabatic (l.) und Kjelling gegeinander © getty

Die möglichen Leidtragenden der Manipulations-Affäre um den THW Kiel und das deutsche Schiedsrichter-Gespann melden sich zu Wort.

München - Nach den Manipulationsvorwürfen gegen den THW Kiel erschütterte am Wochenende der Bestechungsverdacht gegen das deutsche Schiedsrichterpaar Bernd Ullrich und Frank Lemme die Handball-Welt.

In Spanien herrscht deshalb helle Aufregung, denn sollten sich die Anschuldigungen gegen den deutschen Rekordmeister und gegen Deutschlands Top-Referee-Gespann bewahrheiten, wären spanische Vereine die Leidtragenden gewesen.

Nach Berichten des "Spiegel" soll der THW Kiel in mindestens zehn Spielen der Champions League Schiedsrichter bestochen haben.

Kiels damaliger Trainer Noka Serdarusic soll zu Vertretern des Bundesligisten Rhein-Neckar Löwen gesagt haben, auch das Halbfinal-Hinspiel gegen Portland San Antonio sei betroffen gewesen.

Hinspiel gegen Portland verschoben?

"Das war ganz sicher so", sagte nun Francisco Javier Equisoain der "Süddeutschen Zeitung".

Der ehemalige Trainer des spanischen Spitzenklubs erklärte, sein Team sei damals von den ukrainischen Schiedsrichtern Valentin Vakula und Aleksandr Liudovyk massiv benachteiligt worden. "Es war skandalös. Ich bin total überzeugt, dass sie gekauft waren", sagte Equisoain, der heute als Nationaltrainer in Italien arbeitet.

Der damalige slowakische Spielbeobachter sei "regelrecht beschämt" gewesen über die offensichtlichen Fehlentscheidungen.

Protest habe Portland damals nicht eingelegt, da es keine Beweise gab. Doch der Verdacht bleibt ? auch in Bezug auf die Unparteiischen. "Mit Schiedsrichtern aus dem Osten war das mit Sicherheit nicht das erste Mal", behauptet Equisoain in der "SZ".

Ciudad Real überdenkt rechtliche Schritte

Im erwähnten Spiegel-Artikel heißt es auch, Kiel habe versucht, das Final-Rückspiel der Champions League im vergangenen Jahr gegen Ciudad Real zu manipulieren. Die Schiedsrichter hätten das Geld aber nicht genommen, also sei der Gegner schneller gewesen, so Serdarusic' Schlussfolgerung.

Nachdem Kiel das Hinspiel in Spanien gewonnen hatte, verloren die Norddeutschen in eigener Halle und verpassten die Titelverteidigung.

In Ciudad Real reagierten die Vereins-Offiziellen mit "totaler Empörung" auf die Unterstellung. "Wir können und werden nicht hinnehmen, dass unser Name in dieser Affäre beschmutzt wird", sagte Generaldirektor Luis Miguel Lopez der "SZ". Der Verein prüfe rechtliche Schritte.

Valladolid hofft auf den Titel von 2006

Ein anderer spanischer Klub macht sich Hoffnung, einen ursprünglich verlorenen Titel doch noch für sich reklamieren zu können.

Der Präsident von Pevafersa Valladolid, Dionisio Miguel Recio, kündigte an, sein Klub werde den russischen Vertreter Medwedi Moskau aufforden, den Titel im Europapokal der Pokalsieger zurückzugeben.

Am Freitagabend hatte der "Spiegel" in einem vorab veröffentlichten Artikel berichtet, dass am 29. April 2006 nach dem von ihnen geleiteten Final-Rückspiel im Europapokal der Pokalsieger zwischen Medwedi Moskau und Valladolid am Moskauer Flughafen Scheremetjewo 50.000 US-Dollar Bargeld im Gepäck von Ullrich gefunden wurde. (50.000 Dollar im Gepäck )

Schiedsrichter verteidigen sich

"Wir haben kein Spiel verschoben, wir sind reingelegt worden", sagte Ullrich gegenüber der "Hamburger Morgenpost". "Wir sind doch nicht so doof, dass wir mit 50.000 Dollar Bargeld in den Zoll laufen. Unser Fehler war, dass wir es nicht dem europäischen Verband gemeldet haben."

Ullrichs Unschuldsbeteuerung nützte nichts. Dem Schiedsrichterpaar wurde kurzfristig die Leitung des Bundesliga-Spitzenspiels zwischen dem HSV Hamburg und Kiel (33:34) entzogen.

Die EHF stellte das Duo bis zur Klärung des Vorfalls von seinen Aufgaben frei - auch wenn nach EHF-Angaben die Unschuldsvermutung gelte.

Pastor: Keine Hinweise auf Manipulation

"Wenn es stimmen sollte, was im Raum steht, wäre das sehr traurig und ein dramatischer Schlag für das Ansehen des Handballs", sagte Valladolids Trainer Juan Carlos Pastor der "SZ".

Pastor erinnert sich jedoch nicht an irgendwelche eklatanten Fehlentscheidungen der Unpartischen im 2006er Final-Rückspiel. Seine Mannschaft habe vielmehr damals ihre Chancen nicht genutzt und deshalb verloren.

Moskau gewann mit acht Toren Unterschied, nachdem die Russen in Spanien mit sieben Treffern Differnez verloren hatten.

Brief an die Verbände

Noch in dieser Woche wir die Europäische Handball-Federation Post aus Spanien bekommen. Denn Valladolids Präsident kündigte ein Schreiben an EHF, den Weltverband IHF, den spanischen Verband sowie weitere nationale Sportgremien an.

"Darin fordern wir, dass BM Valladolid den 2006 verlorenen Titel zugesprochen bekommt und zudem eine finanzielle Entschädigung erhält", erklärte Recio.

Schenk: "Es gibt ein konzentriertes Wegsehen"

Die Deutschland-Vorsitzende der Antikorruptionsorganisation Transparency International, Sylvia Schenk, hält derweil die Aussagen der beschuldigten Schiedsrichter für nicht plausibel.

"Das macht keinen Sinn. Wenn es keinen Bestechungsversuch gab, hätte der russische Klub nach einem Sieg doch kein Interesse, die Schiedsrichter in Misskredit zu bringen", sagte Schenk der "Welt": "Beunruhigend ist, dass etliche offenbar Bescheid wussten und nichts sagten - das Problem muss im Handball also verbreitet sein."

Generell gebe es im Sport "ein konzentriertes Wegsehen" und "einen gefährlichen Gleichklang der Interessen von Politik, Sportklub, Medien und Wirtschaft."

Die Manipulationsvorwürfe gegen Kiel und die Unparteiischen werden den Handball wohl noch länger beschäftigen. Und das nicht nur in Deutschland.

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