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Der Handballsport ist mehr als nur ins Zwielicht geraten © imago

Die EHF gerät wie auch der deutsche Handball angesichts der massiven Manipulationsvorwürfe immer mehr in Erklärungsnot.

Von Julian Meißner

München - Ein Ende der Krise ist nicht einmal ansatzweise in Sicht.

Angesichts der massiven Manipulationsvorwürfe geraten die Europäische Handball-Föderation und auch der deutsche Handball mehr und mehr in Erklärungsnot.

Immer neue Stimmen melden sich zu Wort, die der EHF zumindest mangelndes Interesse an Aufklärung wenn nicht gar Vertuschung vorwerfen (EHF-Analyse: Keine Anzeichen für Manipulation) .

Der Tenor: Ehrlichkeit zahlt sich nicht aus.

EHF am Pranger

Die EHF würde bei gemeldeten Bestechungsversuchen eher die Schiedsrichter als die betroffenen Vereine oder Verbände bestrafen oder die Sache im Sande verlaufen lassen.

"Die Schiedsrichter wurden aus dem Verkehr gezogen, die betroffenen Vereine kamen ungeschoren davon", sagte der deutsche Referee Bernd Ullrich der "Magdeburger Volksstimme" über seine Erfahrungen: "Da überlegt man sich dann schon, ob man überhaupt etwas erzählt."

"Das ist absolut unrichtig", wehrte sich der österreichische EHF-Generalsekretär Michael Wiederer (EHF stellt Lemme/Ullrich frei).

"Wir sind reingelegt worden"

Ullrich war in die Schlagzeilen geraten, weil russische Zollbeamte beim Europacupfinale zwischen Medwedi Moskau und BM Valladolid im April 2006 am Moskauer Flughafen 50.000 US-Dollar Bargeld in seinem Gepäck gefunden hatten.

"Wir haben kein Spiel verschoben, wir sind reingelegt worden", hatte Ullrich auch stellvertretend für seinen Partner Frank Lemme erklärt.

Das Gespann pfiff über Jahre auf höchstem Niveau, leitete unter anderem das WM-Endspiel 2005 und das olympische Finale 2008 in Peking.

Lübker spricht Klartext

In die gleiche Kerbe wie Ullrich schlägt Wilfried Lübker, der zusammen mit seinem Kollegen Manfred Bülow ebenfalls lange Zeit zu den Top-Referees der EHF gehörte.

Nach seinem Karriereende im Jahr 2000 prangerte der Lübecker das System an: "Bei manchen Spielen stellt sich hinterher die Frage, wer hat wann oder wie mit welchen Koffern die Halle verlassen", sagte Lübker damals und löste damit heftige Reaktionen aus.

"Für meine ehrlichen Äußerungen habe ich 2000 viele Schläge bekommen", so Lübker nun gegenüber der "Welt": "Es will doch keiner Ehrlichkeit, es hat überhaupt keinen Zweck."

Fünf Fragen für "präzise Aufklärung"

Immerhin hat die EHF am Dienstag Fragebögen an Unparteiische und Delegierte verschickt, um sich über besondere Vorkommnisse der letzten Jahre Bericht erstatten zu lassen. Auf diesem Wege sollen 4000 Spiele beleuchtet werden.

"Das sind fünf Fragen, in denen wir um präzise Aufklärung bitten, was den Einzelnen wiederfahren ist", so EHF-Mann Wiederer.

Nächster Fall in Dänemark

Unterdessen wurden in Dänemark neue Vorwürfe laut. Erik Veje Rasmussen, ehemaliger Trainer der SG Flensburg-Handewitt, sagte der dänischen Tageszeitung "Politiken", dass er bei einem internationalen Turnier von einem Mittelsmann kontaktiert worden sei.

Dieser habe ihn gefragt, ob sein Klub die beiden Schiedsrichter kaufen wolle. Rasmussen habe dies abgelehnt.

Der Däne sieht in der Bestechungsaffäre "nur die Spitze des Eisbergs". Rasmussen weiter: "Es ist Zeit aufzuräumen. Ich bin froh, dass die Angelegenheit ins Rollen kommt, denn das macht Hoffnung, dass etwas getan wird."

"Keine ernsthafte Sache"

Ein weiterer Fall zumindest versuchter Bestechung war schon am Dienstag, ebenfalls in Dänemark, aufgetaucht: Den international renommierten Schiedsrichter Martin Gjeding und Mads Hansen waren einem Medienbericht zufolge Anfang Juni 2008 vor dem WM-Quali-Spiel Rumäniens gegen Montenegro Geldkoffer gezeigt worden.

"Ich habe das nicht als ernsthafte Sache betrachtet, und es gab keinen Grund, das weiterzuleiten, da Martin und Mads nein gesagt haben", sagte Ole Petersen, der Schiedsrichter-Betreuer des dänischen Verbandes DHF, der Zeitung "Jyllands Posten".

Die Schiedsrichter meldeten den Vorfall nach eigener Aussage auch der EHF - passiert sei nichts.

DHB verzichtet auf externe Hilfe

Die Verantwortlichen im deutschen Handball haben unterdessen angekündigt, Schulungen anzubieten, wie Schiedsrichter sich in solchen Fällen verhalten sollen. Das erklärte HBL-Präsident Reiner Witte nach einer gemeinsamen Sitzung mit dem DHB-Präsidium am Montag (DHB suspendiert Skandal-Schiris) .

Eine Befragung aller Bundesliga-Schiedsrichter der vergangenen drei Jahre soll innerhalb der nächsten 14 Tage über die Bühne gehen. Witte kündigte an: "Wenn wir dabei nicht weiterkommen, wird auf alle Fälle ein Ombudsmann eingesetzt."

Zunächst wolle man auf externe Hilfe aber verzichten.

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