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Joachim Deckarm absolvierte 104 Länderspiele und gewann 1978 den WM-Titel © getty

Für Nationalspieler Jo Deckarm jährt sich der schlimme Unfall, der sein Leben von einem auf den anderen Tag komplett veränderte.

Saarbrücken - Für Joachim Deckarm macht es keinen Unterschied, welcher Tag nun ist.

"Sieben Uhr Aufstehen, Frühstücken, Therapie, Essen, Mittagsschlaf, Behandlungen und um 22.00 Uhr Nachtruhe."

So schildert der Handball-Weltmeister von 1978 seinen Tagesablauf im Haus der Parität in Saarbrücken.

Auch am 30. März wird er es wieder so halten. Jenes Datum, an dem er vor 30 Jahren mitten aus dem Leben gerissen wurde.

Nie aufgegeben

Seitdem beginnt für den 104-maligen Nationalspieler jeder Tag mit einem Ritual: "Jeden Morgen sage ich zu mir: Ich will, ich kann und ich muss."

Dieses Motto hatte "Jo" auf einem Schild von seinen Eltern übers Krankenbett gehängt bekommen.

Zu einem Zeitpunkt, als sich abzeichnete, dass die Hirnverletzungen, die Deckarm an jenem Tag im Europapokalspiel mit dem VfL Gummersbach im ungarischen Tatanbanya erlitten hatte, sein Leben im Bruchteil einer Sekunde verändert hatten.

Der Unfall

Es war der 30. März 1979 exakt um 17.23 Uhr.

Ein Tempogegenstoß, ein Zusammenprall mit Lajos Panovics, Bewusstlosigkeit schon in der Luft, ein dumpfer Aufprall auf dem Betonboden - schlagartig nahm das Leben des "besten Handballers aller Zeiten" (Vlado Stenzel) eine dramatische Wendung.

131 Tage lag der lebenslustige "Teufelskerl" mit der Rückennummer 11 im Koma, besiegte den Tod und wachte als völlig anderer Mensch, als Pflegefall auf Lebenszeit, wieder auf.

Auf Hilfen angewiesen

Mit ungeheurem Willen kämpfte sich Deckarm ins Leben zurück. Von Montag bis Freitag wird er von Nicole Rosche sowie Jan Finkler und Daniel Schmitt, die ein soziales Jahr absolvieren, betreut.

"Wir machen unsere Arbeit für ein Taschengeld gerne für Jo", sagt Finkler. Am Wochenende wird Deckarm von seiner Mutter Ruth versorgt, Vater Rudolf starb bereits 1983.

Brand geht als Vorbild voran

Die Weltmeister von 1978 helfen, wo sie können, vor allem sein Freund Heiner Brand.

"Ich werde immer für Jo da sein, er war und ist bis heute einer meiner besten Freunde. Ich werde ihn niemals im Stich lassen", sagt der Bundestrainer, der nicht nur privat, sondern auch finanziell mit Beispiel vorangeht.

Finanzielle Hilfe

Als Brand 2007 die Goldene Sportpyramide bekam, überwies er das Preisgeld in Höhe von 25.000 Euro dem 1980 durch die Sporthilfe eingerichteten Deckarm-Fonds.

Vorgänger Franz Beckenbauer, der die Summe seinerzeit noch nicht abgerufen hatte, schloss sich an.

Brand: "Das Geld ist für die Versorgung von Jo existenziell."

Kampf gegen das Vergessen

Es ist auch Brands Kampf abseits aller Titel und Triumphe, ein Kampf gegen das Vergessen.

15 Jahre sitzt das Gummersbacher Idol im Verwaltungsausschuss des Fonds, über den die Pflege und Rehabilitation finanziert wird.

"Meine heutigen Nationalspieler haben Jo ja nicht mehr spielend erlebt. Aber sie kennen sein Schicksal und sind bei den Aktionen sofort dabei", sagt Brand.

Deutsche Handballer engagieren sich

"Weltmeister für Weltmeister" ist eine solche Aktion, mit der sich das WM-Team von 2007 für den Weltmeister von 1978 engagiert.

Exemplare sogenannter Deckarm-Zertifikate zum Stückpreis von 1000 Euro hatten die Handballstars mit ihrem Original-Unterschriften versehen. 150.000 Euro kamen auf diese Weise zusammen.

"Für uns war das eine Kleinigkeit, die Zertifikate zu unterschreiben, aber wir hoffen, damit Großes für Jo bewegen zu können. Jo braucht unsere Hilfe, und wir helfen gerne", sagt Christian Schwarzer.

Schwarzer, Klein und Klühspies als Botschafter

Der frühere Welt- und Europameister, der sich gemeinsam mit dem jungen WM-Kollegen Dominik Klein und 78-er Weltmeister Kurt Klühspies als Deckarm-Botschafter engagiert, will ein Drittel der Einnahmen seines Abschiedsspiels am 7. Juni in Homburg/Saar dem Deckarm-Fonds spenden.

Auch die Erlöse eines im Oktober erscheindenden Buches über die zwei Leben des Joachim Deckarm fließen in den Fonds.

Buch über Deckarm

"Wir brauchen 2500 verkaufte Exemplare, um die Kosten zu decken. Der Rest kommt Jo zugute" sagt Klaus Zöll, einst Trainer und Manager des TV Großwallstadt und Leiter des Buch-Projektes.

Die Weltmeister von 1978 haben bereits 500 Bücher zum Stückpreis von 19,90 Euro bestellt, der TV Großwallstadt ebenfalls 500 und die Präsidiumsmitglieder des DHB 200 Stück.

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