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Holger Kaiser ist seit Juli Nachfolger von Fynn Holpert als SG-Geschäftsführer © imago

Flensburgs Manager Holger Kaiser warnt davor, "Geld an die Spieler durchzureichen". Die SG-Spieler hätten zu hoch gepokert.

Von Michael Spandern

Flensburg/München - Holger Kaiser hat die Baustelle gewechselt: Nachdem er den mit Millionen verschuldeten SC Magdeburg saniert hat, lösten die Gladiators den Vertrag mit ihrem Geschäftsführer auf - angeblich, um die "Treibjagd" auf Kaiser zu beenden.

Der 43-Jährige ging nach Schleswig-Holstein und übernahm am 1. Juli den Geschäftsführer-Stuhl von Fynn Holpert bei der SG Flensburg-Handewitt.

Doch auch der Bundesliga-Fünfte durchläuft wirtschaftlich schwere Zeiten. Vor wenigen Tagen machten Meldungen die Runde, ein Konkurs sei nur abgewendet worden, weil die Spieler auf 15 Prozent ihres Gehalts verzichteten. (Gehaltsverzicht! Flensburger umschiffen Konkurs)

Im Sport1.de-Interview relativiert Kaiser das Ausmaß der Flensburger Probleme, warnt aber alle Vereine, einen Großteils des Etats für Spieler zu verplanen. Zudem äußert er sich zu den Vorwürfen des Magdeburger Ex-Managers Hildebrandt und zu einer "Erblast".

Sport1.de: Die SG Flensburg-Handewitt soll nur aufgrund eines Gehaltsverzichts der Spieler die Insolvenz abgewendet haben. Spielt der Verein nun eine Saison am Abgrund? (Alle Handball-News)

Holger Kaiser: Sportlich schon mal gar nicht, da die Leistungsträger geblieben sind. Es gab einen kleinen Beitrag der Spieler, um die voraussichtlichen Mindereinnahmen wegen des Verpassens der Champions League zu kompensieren. Der EHF-Pokal ist nicht annähernd so lukrativ, und die Spieler haben Gehälter auf Champions-League-Niveau aushandelt. Auch angesichts der Wirtschaftskrise muss den Spielern irgendwann sagen: Ihr müsst einen Solidarbeitrag zahlen. Aber eine Insolvenz müssen wir nicht befürchten.

Sport1.de: Also hat die SG Verträge abgenickt, obwohl frühzeitig abzusehen war, dass die Champions League nicht mehr zu erreichen ist?

Kaiser: Spieler wollen natürlich über zwei oder drei Jahre Planungssicherheit haben. Wir hatten ein Team das problemlos die Champions League hätte erreichen können. Da sind viel zu viele Spiele ohne Leistungsbereitschaft abgegeben worden. Wenn das passiert, muss es finanziell ausgeglichen werden. Die Spielergehälter sind eindeutig zu hoch, aber nicht nur bei der SG, und nicht nur im Handball sondern auch im Basketball, Volleyball, Eishockey. Die Vereine müssen kapieren, dass sie Wirtschaftunternehmen sind und keine Institute, die einfach nur das Geld an die Spieler durchreichen.

Sport1.de: Heißt das, dass die SG auf 2010/2011 noch mal Einschnitte vornehmen muss?

Kaiser: Das hängt von der Marktsituation ab. Natürlich wollen wir alle Spieler behalten, aber die Zeiten der überhöhten Gehälter sind vorbei. Die Vereine, die jetzt noch so viel zahlen, werden langfristig die Verlierer sein. Flensburg wird da sicher einer Korrektur vornehmen. Von jedem Euro, den wir einnehmen, gehen 70 Cent an die Spieler. Es gibt kein Wirtschaftsunternehmen, das unter diesen Voraussetzungen existieren kann.

Sport1.de: Trotzdem rufen der THW Kiel und der HSV derzeit angeblich Summen von über einer halben Million für Domagoj Duvnjak auf? 126233(DIASHOW: Die Transfers der Top-Klubs)

Kaiser: Das interessiert mich nicht. Die SG Flensburg-Handewitt ist ein stolzer Verein mit Tradition. Wir brauchen nicht auf unsere Konkurrenten zu achten und müssen unseren Weg gehen.

Sport1.de: Sie haben bei Amtsantritt gesagt, die SG sie ein intakter Verein. Würden Sie das heute noch mal so sagen?

Kaiser: Auf jeden Fall. Beim Etat haben wir ein paar Probleme. Denen stellen wir uns, die werden wir auch lösen. Aber das strukturelle Problem, dass 70 Prozent des Etats in Spielergehälter fließen, haben ja alle anderen auch. Wir sind sicher Branchenführer, weil wir das Verhältnis auf 60 oder 55 Prozent reduzieren, um wieder handlungsfähig zu werden. Aber ansonsten ist die SG zutiefst intakt. Wir haben eine Mannschaft, die unglaubliches Potential und eine unglaubliche Aufbruchsstimmung hat.

Sport1.de: Hatten Sie nach der Amtsübergabe durch Fynn Holpert erwartet, der Verein stünde finanziell anders da?

Kaiser: Es ist üblich, dass der neue Geschäftsführer gewisse Dinge anders bewertet. Ich muss aber deutlich sagen, dass Fynn Holpert die Geschäfte transparent und sehr fair übergeben hat. Das Verhältnis zwischen ihm und mir hat sich sehr angenähert. Wenn ich Fragen habe, rufe ich ihn einfach an, anstatt lange Akten durchzublättern.

Sport1.de: Braucht die SG 2010/11 wieder Champions-League-Einnahmen?

Kaiser: Für die Existenz sicherlich nicht. Sportlich muss es allerdings unser Ziel sein. Wohlwissend, dass es mit dem TBV Lemgo, dem HSV und den Löwen drei Vereine gibt, wo augenscheinlich Geld nicht die Rolle spielt.

Sport1.de: In Magdeburg waren sie anscheinend ein Bauernopfer. Wie ist nun Ihr Verhältnis zum SC Magdeburg? (SCM fehlen 600.000 Euro)

Kaiser: Das Verhältnis war immer gut und wird auch gut bleiben. Ich sehe mich nicht als Bauernopfer. Ich habe den Klub 2,5 Jahre lang durchsaniert. In der Summe hatten wir 3,8 Millionen Schulden, 2,5 Millionen Steuerforderungen, und diese fast in Gänze abgebaut. Mein Vorgänger Bernd-Uwe Hildebrandt muss sich demnächst vor Gericht verantworten, da geht es um 540.000 Euro. Wenn man wie ich knallhart sanieren und diese Spieler verkaufen muss, die sich der SCM mit legalen Mitteln nie hätte leisten können, macht man sich nicht nur Freunde. Dennoch habe ich habe viele tolle Menschen, auch Freunde in Magdeburg kennengelernt.

Sport1.de: Hildebrandt hat angesichts der Verkäufe von Tkaczyk, Bielecki, Heinevetter und Sprenger jüngst gesagt, sein ganzes Tafelsilber sei verschleudert worden? (Hildebrandt tritt nach: "Tafelsilber verschleudert")

Kaiser: Ich habe mich in der Vergangenheit nicht mit Herrn Hildebrandt beschäftigt und werde das in der Zukunft auch nicht tun. Ich habe eine unglaubliche Erblast übernommen und fast in Gänze abgearbeitet. Ich habe dem Verein Solidarität und Ehrlichkeit wiedergegeben.

Sport1.de: Hildebrandt sagt weiterhin "heute regieren nur noch Selbstprofilierung und Selbstsucht". Wohl ein Vorwurf gegen Stefan Kretschmar?

Kaiser: Mit Herrn Hildebrandt habe ich mich nie persönlich beschäftigt. Ich habe beim SCM nur seine Erblast übernommen. Wie seine Äußerungen gemeint sind, müssen Sie ihn schon selber fragen.

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