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Uli Derad beerbte im Juli 2009 den skandal- umwitterten Uwe Schwenker als THW-Manager © imago

Trotz des Umbruchs holte Kiel das große Double. Manager Uli Derad spricht über Gründe, die THW-Philosophie und die Neuzugänge.

Von Michael Spandern

München/Kiel - Champions-League-Sieg und Meisterschaft, es hätte für den THW Kiel kaum besser laufen können.

Einzig das Aus im DHB-Pokal-Viertelfinale gegen den VfL Gummersbach verhinderte das Triple des Rekordmeisters.

Dabei hatten die Experten dem THW eine schwere Saison prognostiziert. Die Abgänge vom einstigen Welthandballer Nikola Karabatic und Vid Kavticnik Richtung Montpellier, der Umbruch in der Führungsetage nach der Trennung von Manager Uwe Schwenker nach der Bestechungsaffäre. Und dann beutelte das Verletzungspech den Meister.

In den entscheidenden Spielen waren die Zebras jedoch zur Stelle.

Gemeinsam zum Erfolg

"Jeder hat sich eingebracht - trotz aller Widrigkeiten", verrät Geschäftsführer Uli Derad, der während der vergangenen Saison vom Ligakonkurrenten Dormagen nach Kiel auf den Managerstuhl gewechselt war, bei SPORT1. "Die Geschlossenheit ist sicher ein Schlüssel zu den Erfolgen."

Im Interview der Woche blickt der 45 Jahre alte ehemalige Nationalspieler auf die Saison zurück, spricht über Trainer Alfred Gislason und geht auf die Planungen für die kommende Saison ein.

SPORT1: Herr Derad, nach dem großen Umbruch im Sommer 2009 steht der THW Kiel nun als großer Double-Sieger da. Sind Sie überrascht?

Uli Derad: So etwas ist nicht planbar. Wir haben natürlich immer das Ziel, um alle Titel mitzuspielen. Dass wir dann diese zwei gewinnen, macht uns sehr glücklich.

SPORT1: Was waren die entscheidenden Faktoren des Erfolgs?

Derad: Die entscheidenden Spiele waren zwar in einem sehr engen Zeitraum, aber der THW hat sich über die Saison weiterentwickelt, handballerisch genauso wie als Mannschaft. Jeder hat sich eingebracht - trotz aller Widrigkeiten. Ich denke vor allem an die Verletzungen von Daniel Narcisse und Kim Andersson. Die Mannschaft hat das kompensiert. Die Geschlossenheit ist sicher ein Schlüssel zu den Erfolgen (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

SPORT1: Auch Igor Anic und Börge Lund haben sich voll reingehangen, auch als ihr Weggang feststand. Wie erklären Sie sich das?

Derad: Das liegt an deren guten Charakteren. Sie spielen Handball, um zu gewinnen und Freude daran zu haben. Es stand immer außer Frage, dass die beiden ihr Bestes geben. Das ist Kieler Philosophie und Mentalität zugleich.

SPORT1: Trainer Noka Serdarusic hat während seiner 15 Jahre in Kiel eine Erfolgsära begründet. Ist mit Alfred Gislason nun eine neue angebrochen?

Derad: Wir hoffen das und glauben auch daran.

SPORT1: Welchen Anteil hat der Geschäftsführer am geräuschlosen Umbruch?

Derad: Das sollten besser andere beurteilen. Was auf dem Platz passiert, das zählt. Und das sollte entsprechend im Mittelpunkt stehen, mein Job braucht es nicht.

SPORT1: Sie sind anders als ihr Vorgänger Uwe Schwenker ein Leisetreter. Ist das Ihr Wesen oder Strategie?

Derad: Das eine bedingt das andere. Ich glaube einfach, dass ich authentisch bin.

SPORT1: Immer wieder heißt es, Schwenker mische hinter den Kulissen noch kräftig mit. Wie viel Wahrheit ist da dran?

Derad: Nein, er hat mit den Geschäften des THW nichts mehr zu tun. Wir begrüßen uns, wenn er in der Halle ist - mehr aber auch nicht.

SPORT1: Schauen wir auf die nächste Saison: Dürfen wir wieder einen Zweikampf mit dem HSV erwarten oder schließen andere Teams auf? (Stenogramme 34. Spieltag).

Derad: Das ist schwer vorauszusagen. Die Rhein-Neckar Löwen hatten in dieser Saison gute Phasen, aber auch wenige gute. Sie waren eng am Pokalsieg und im Viertelfinale der Champions League. Nun haben sie erneut riesig aufgerüstet, mal sehen, was es bringt und wie schnell sie sich finden. Auch die Flensburger haben eine sehr starke Saison gespielt. Keiner hätte gedacht, dass sie Dritter werden. Eine Überraschung ist immer möglich. Aber wir werden uns auf uns selbst konzentrieren, damit sind wir auch in dieser Saison gut gefahren.

SPORT1: Sie haben mit Kreisläufer Milutin Dragicevic und 126233Defensivspezialist Daniel Kubes bisher zwei Neue verpflichtet. Was versprechen Sie sich von den beiden?

Derad: Dragicevic ist ein Spieler, der im Eins gegen Eins im Angriff sehr stark ist. Kubes ist stark in der Defensive und kann dort seine Qualitäten einbringen, um den einen oder anderen zu entlasten.

SPORT1: Mit Dragicevic ist der Kader also noch besser als mit Anic besetzt.

Derad: Ja, ich rechne mit einer Aufwertung. Dragicevic wurde mehrfach zum wertvollsten Spieler in der dänischen Liga gewählt, und es ist für ihn an der Zeit, sich in der Bundesliga zu beweisen.

SPORT1: Kommt noch ein Hochkaräter hinzu?

Derad: Nein, definitiv nicht. Wir haben nicht die Verhältnisse wie Barcelona und Ciudad Real, die einen 22-Mann-Kader stemmen können. Da fehlen uns die finanziellen Möglichkeiten. Ich denke, dass wir mit diesem Kader in die Saison gehen.

SPORT1: Wer bestimmt, welche Spieler der THW nach Kiel holt? Coach Gislason oder Sie?

Derad: Der Trainer trägt die Verantwortung dafür, was auf dem Platz passiert, deswegen ist er derjenige, der Neuverpflichtungen plant. Ich schaue dann, was machbar ist.

SPORT1: Das Beispiel Kubes belegt, dass Gislasons Wünsche erfüllbar sind...

Derad: Er ist definitiv kein Utopist, er ist ein ganz großer Realist und ein erfolgreicher dazu.

SPORT1: Peter Gentzels Vertrag läuft aus. Dafür ist Andreas Palicka nach einem Muskelabriss wieder fit. Bedeutet das mehr Druck für Keeper Thierry Omeyer?

Derad: Omeyer ist der weltbeste Torhüter. Druck macht er sich vor allem selbst. Er will immer spielen, immer gewinnen, jeden Ball halten. Dass auch Palicka spielen will, ist klar. Wenn es nicht so wäre, wäre er nicht der richtige Mann für uns. Der Konkurrenzkampf gehört dazu.

SPORT1: Die Champions League hat rund eine Million Euro in die Kieler Kasse gespült. Geld für die hohe Kante?

Derad: Wir müssen erstmal sehen, was unter dem Strich dabei rauskommt. Die Abrechnung steht noch aus. Siege bringen ja nicht nur Geld, sie kosten auch Geld, zum Beispiel für Prämien. Aber der Erfolg tut uns sicher auch finanziell gut.

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