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Michael Roth bestritt als Aktiver 44 Länderspiele für Deutschland © getty

Trainer Michael Roth erklärt im SPORT1-Interview seine Beweggründe für den überraschenden Wechsel von Wetzlar nach Melsungen.

Von Annette Bachert

München - Michael Roth kennt die Toyota Handball Bundesliga in- und auswendig.

Unter anderem arbeitete er viele Jahre bei der SG Kronau-Östringen (Rhein-Neckar Löwen), dem TV Grosswallstadt und bis vor wenigen Tagen bei der HSG Wetzlar. Und nun soll er die MT Melsungen aus der Krise ziehen.

Überraschend kam die Nachricht, dass der 48-Jährige die HSG, trotz Vertragsverlängerung im Sommer, verlässt und ab sofort den Posten des Cheftrainers beim bisher noch punktlosen und Tabellenletzten MT übernimmt (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Er ersetzt dort den erst kürzlich entlassenen Matjaz Tominec.

Im SPORT1-Interview erklärt Roth, warum er die HSG verlassen hat, welche Ziele er mit der MT verfolgt und spricht über seine Nachfolger bei Wetzlar.

SPORT1: Herr Roth, der Wechsel von Wetzlar nach Melsungen kam zumindest für Außenstehende überraschend. Was waren ihre Beweggründe?

Michael Roth: Das mag so ausgesehen haben. Aber eine Nacht- und Nebelaktion war das keine. Ich stehe schon länger mit der MT Melsungen in Kontakt, konkret ist bisher allerdings nie geworden. Nachdem der Trainer dort keinen Erfolg hatte, kamen die Melsunger wieder auf mich zu. Und da ich eine Ausstiegsklausel in meinem Vertrag hatte und es doch sehr unruhig im Wetzlarer Umfeld war, habe ich diese genutzt.

SPORT1: Welche Unruhen meinen Sie konkret?

Roth: Seit ich dort bin, wurden mehrere Geschäftsführer und der ein oder andere Aufsichtsrat zerschlissen. Und als Aufsichtsratschef Hardo Reimann zurückgetreten ist, in dem ich meinen Mentor hatte, habe ich mir überlegt, dass es mir in Wetzlar einfach zu unsicher ist und ich mich sowohl vom Management und irgendwann auch sportlich nicht verbessern kann.

SPORT1: Sie haben gesagt, Melsungen sei ein seriös geführter Verein. Heißt das im Umkehrschluss, dass die HSG das nicht ist?

Roth: Nein, das heißt es nicht. Ich habe dort eine intakte Mannschaft hinterlassen, das ist ganz wichtig. Und ich hoffe, dass in das Umfeld der HSG auch bald Ruhe einkehrt. Denn das habe alle, auch die ganze Region verdient. Aber Unruhe und finanzielle Engpässe gibt es dort schon. Ich denke, dass meine Entscheidung für alle Beteiligten am besten ist.

SPORT1: Wie wollen sie die bisher punktlose MT aus der Krise holen?

Roth: Also zu erstmal gibt es ja immer Gründe, wenn eine Mannschaft so weit unten in der Tabelle steht und die gilt es für mich herauszufinden. Ich werde viele Einzel- und Gruppengespräche führen und das Potential, das in dieser Mannschaft steckt, entdecken. Und dann werde ich versuchen, eine Einheit zu formen, die sich mit voller Kraft gegen den Abstieg stemmt. Mit dem Potenzial, das diese Mannschaft hat, gehört sie da, wo sie sich derzeit befindet, auch nicht hin.

SPORT1: Haben sie schon Schwachpunkte ausgemacht, an denen sie ansetzen wollen?

Roth: Noch nicht. Bisher hatte ich noch nicht das Vergnügen eine Trainingseinheit zu leiten. Grundsätzlich ist es aber so, dass die Mannschaft die zwei Heimspiele gegen DHC Rheinland und Hannover-Burgdorf nicht hätte verlieren dürfen. Alles andere ist eigentlich relativ normal verlaufen. Jetzt gilt es die Ärmel hochzukrempeln und mit aller Gewalt, mit Teamgeist und mit Kampf sich aus dieser Situation zu befreien.

SPORT1: Die Verantwortlichen sprechen bereits von einer langen Zusammenarbeit. Woher kommt dieses Vertrauen?

Roth: Wenn man meine Biografie liest, sieht man, dass ich viele Jahre in der Bundesliga gearbeitet habe und nie entlassen wurde, sondern immer freiwillig gegangen bin. Insofern spricht eine gewisse Kontinuität für mich. Und das ist etwas, wonach man sich hier in Melsungen sehnt, da es in den letzten zwei drei Jahren mit Trainern oder auch in der Mannschaft Unruhen gegeben hat. Und nun hofft man, dass es mit mir besser läuft.

SPORT1: Wie kommen sie mit diesem Druck klar, der jetzt auf Ihnen lastet?

Roth: Wir Trainer haben natürlich immer Druck und jeder geht damit etwas anders um. Ich freue erstmal auf die neue Aufgabe. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass ich es schaffe, die MT aus dem Abstiegskampf heraus zu halten beziehungsweise aus dem Tabellenkeller herauszuholen. Die Mannschaft und das Umfeld geben deutlich mehr her. Wir stehen schließlich erst am Anfang der Saison und mein Ziel ist es, bis Silvester die ersten Punkte zu holen und dann habe ich mit dem Team eine vierwöchige Vorbereitungsphase, in der ich dann noch mehr Inhalte vermitteln kann.

SPORT1: Was können Sie über ihre Nachfolger bei Wetzlar, Jochen Beppler und Gennadij Chalepo, sagen?

Roth: Also Chalepo hat ja bisher die zweite Mannschaft trainiert, den kenne ich sehr gut. Und Jochen Beppler ist ein junger, sehr ehrgeiziger Trainer, der hohen Handlungssachverstand hat. Ich könnte mir vorstellen, dass dies mehr als nur eine Interims-Lösung ist.

SPORT1: Was haben die HSG-Spieler zu ihrem Wechsel gesagt?

Roth: So ein Wechsel ist für alle Beteiligten eine schwere Situation, dennoch befinden wir uns schließlich im Profi-Sport. Aber ich habe den Spielern meine Situation erklärt und dass mich die Unruhen im Umfeld in den letzten Jahren viel Kraft gekostet haben. Und ich denke, dass alle diese Entscheidung nachvollziehen können.

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