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BoB Hanning will die Füchse in die deutsche Handball-Spitze führen © getty

Füchse-Manager Bob Hanning äußert sich bei Sport1.de über den Stellenwert der Nationalmannschaft und Gefahren für die Liga.

Von Wolfgang Kleine

Berlin/München - Unter dem Management von Bob Hanning haben sich die Füchse Berlin vom Randverein zu einem Vorzeigeklub in der Bundeshauptstadt entwickelt. Die Premiere in der o2-Arena mit 15.000 Zuschauern gegen den TBV Lemgo gelang zwar sportlich, war aber ein großer Marketingerfolg.

Die Berliner angelten sich jetzt Nationalkeeper Silvio Heinevetter vom SC Magdeburg und planen für die kommende Saison eine weitere Aufrüstung.

Doch dabei vergisst der Bundesligist die Nachwuchsförderung der deutschen Spieler nicht, die jüngst auch Bundestrainer Heiner Brand noch einmal dringend anmahnte.

Füchse-Manager Hanning äußert sich bei Sport1.de im "Interview der Woche" über den Stellenwert der Nationalmannschaft, die damit verbundene Zukunft des deutschen Handballs, die Situation in Berlin und sieht sich gegenüber seinen Kollegen bei den Spitzenklubs auch als "Quertreiber".

Sport1.de: Bundestrainer Heiner Brand hat jüngst noch vor dem gewonnen EM-Qualifikationsspiel in Slowenien von Rücktritt gesprochen, weil er sich erneut über die mangelnde Nachwuchsförderung der deutschen Spieler in den Bundesliga-Klubs geärgert hat. Wie bewerten Sie das?

Bob Hanning: Wir haben da eine ähnliche Ansicht von den Dingen. Da haben wir früher schon mal gesessen und geguckt, welchen deutschen Spieler wir noch nachberufen können. Damals war ja die Thematik, zu sagen: "Was machen wir?". Da haben wir eine Menge gemeinsam mit der Liga bewegt. Ich denke an das Doppelspiel- bzw. Zweitspiel-Recht. Damals haben wir noch gesagt, der 13. und 14. Spieler muss unter 23 sein, das hat die Bundesliga damals leider gekippt.

Sport1.de: Welche Lehren sind daraus zu ziehen?

Hanning: Alle müssen lernen, dass sich die Sportarten über die Nationalmannschaft identifizieren. Ich glaube, das höchste Gut, das wir haben - positiv wie negativ - ist die Nationalmannschaft. Die Füchse Berlin - bei aller Wertschätzung meines eigenen Vereins - interessiert in Frankfurt keinen Menschen mehr außer vielleicht zwei Berlinern, die von Berlin nach Frankfurt gezogen sind. Und so ist das mit der Hertha auch beim Fußball.

Sport1.de: Wie ist die Verbindung zwischen Nationalteam und der Vermarktung des Handballs?

Hanning: In der Thematik muss man sich ganz klar fragen, worüber definiert sich der Handball? Über die Nationalmannschaft. Der Handball hat ein paar Fehler nicht gemacht, die die anderen Sportarten gemacht haben. Zum einen nicht den Fehler, aus dem öffentlich-rechtlichen und frei empfangbaren Fernsehen rauszugehen. Damit waren und sind wir für Sponsoren interessant. Ein Deal z.B. der Füchse mit dem Rechtevermarkter IMG wäre nie zustande gekommen, wenn Deutschland nicht Weltmeister geworden wäre.

Sport1.de: Gibt's auch Kritik an Heiner Brand?

Hanning: Dass man der Bundesliga jetzt ständig vorwirft, dass sie nicht daran arbeitet. Da muss ich dem Bundestrainer auch mal sagen: "Heiner, du hast in vielen Sachen recht, aber du musst auch die Dinge sehen, die mittlerweile gemacht worden sind".

Sport1.de: Was ist gemacht worden?

Hanning: Wenn man daran denkt, dass in den Vereinen immer mehr Zentren entstehen, auch durch das HBL-Zertifikat, das die Handball-Bundesliga selbst eingeführt hat, ist das ja ein Zeichen, dass man Nachwuchsarbeit will und fördert. Und dass man sich da sehr wohl Gedanken über diese Aufgabenstellung macht.

Sport1.de: Wie sieht's mit den Sichtungssystemen aus?

Hanning: Auch der DHB darf sich mit seinen Sichtungssystemen - auch wenn wir erfolgreich im Junioren- und Jugendbereich sein - durchaus selbst hinterfragen, ob dass, so wie sie es tun, immer das Richtige ist. Da habe ich nämlich auch meine Zweifel.

Sport1.de: Worin sind die begründet?

Hanning: Es gibt Trainer beim DHB, die auch bei Vereinen arbeiten, die dann die Spieler noch in ihre Vereine ziehen. Aber die guten Spieler werden zum Teil nicht gesichtet, weil der Trainer nicht aus der Region kommt. Da gibt es also massive Defizite auch beim DHB und darüber muss gesprochen werden.

Sport1.de: Wie sieht's nun mit den Spitzenvereinen aus?

Hanning: Heiner Brand hat natürlich Recht, dass er von den Spitzenvereinen keine Spieler bekommt. Der HSV hat sich ein paar Nationalspieler gekauft, aber ist z.B. in der Ausbildung weit hinterher. THW Kiel auch. Während man zur SG Flensburg-Handewitt sagen muss, dass sie es zwar nicht geschafft haben, Spieler zu integrieren, aber zumindest viel Geld in die Nachwuchsförderung stecken und eine entsprechend gute Nachwuchsarbeit haben.

Sport1.de: Müssen DHB und die Bundesliga enger zusammenarbeiten?

Hanning: Da sind wir wieder beim System: Auch da müssen DHB und HBL mal zusammenrücken und überlegen, wie schaffen wir das, einen Spieler in der Nationalmannschaft zu integrieren. Wir müssen alles dafür tun, dass die Nationalmannschaft erfolgreich ist. Darüber brauchen wir nicht zu reden. Und dass die Kritik von Heiner auch viele Dinge trifft, bin ich völlig bei ihm.

Sport1.de: Sie sind als Vereinsmanager aber nicht unbedingt einig mit einigen Managern anderer Klubs, wie z. B. des THW Kiel.

Hanning: Ich habe nun mal einen eigenen Kopf. Außerdem meine ich, dass die Liga höllisch aufpassen muss, dass sie keinen Frontalschaden erleidet. Ich glaube, dass wir irre Chancen haben. Wenn man sich nur die Beispiele anschaut: Lufthansa Final Four, Toyota Handball-Bundesliga, IMG steigt bei den Füchsen und bei Gummersbach ein. Das sind doch alles Zeichen. Ein Weltkonzern wie IMG entscheidet, sich in der Handball-Bundesliga zu engagieren.

Sport1.de: Warum tun sie das?

Hanning: Das tun die ja nicht, weil das Samariter sind oder weil die finden, dass ich ein netter Typ bin. Sondern weil sie in dem Produkt Handball die Möglichkeit eines gewinnbringenden Unternehmens sehen. Das heißt, wir haben alles richtig gemacht: Wir haben eine gute Nationalmannschaft, sind frei empfangbaren Fernsehen zu sehen und wir haben eine richtig gute Handball-Bundesliga. All das haben wir.

Sport1.de: Wo ist jetzt das Problem?

Hanning: Wenn wir jetzt anfangen, wett zu rüsten, ist das ein großes Problem. Wir bei den Füchsen haben Silvio Heinevetter geholt und sind dafür auch an unsere wirtschaftliche Schmerzgrenze gegangen, weil wir einen Jungen aus der Region und einen Nationalspieler für unser Projekt in Berlin brauchen. Wenn man daraus jetzt schließen will, die drehen durch und geben Geld aus, das wir nicht haben, muss ich dies ganz klar zurückweisen.

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