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Milan Berka charakterisiert die Lage beim Stralsunder HV © imago

Vereine sind insolvent, anderen droht die Krise. Die Bundesliga schlägt Alarm. Geschäftsführer Bohmann äußert sich bei Sport1.de.

Von Wolfgang Kleine

Dortmund/München - Nach der HSG Nordhorn und dem insolventen TuSEM Essen steht jetzt auch der Stralsunder HV vor dem finanziellen Kollaps. Die Bundesliga schlägt Alarm .

Was wird aus der stärksten Handball-Liga der Welt? Während Meister THW Kiel sportlich und finanziell auf Rosen gebettet ist, droht die internationale und nationale Finanzkrise noch weitere Klubs in den Abgrund zu reißen.

Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga, sieht schon wegen der explodierten Gehälter für die Rückrunde massive Probleme auf einige Vereine zukommen.

Im Sport1.de-Interview äußert sich Bohmann über den möglichen Pleitegeier, die Lizenzvergabe-Praxis, über die Größe der Bundesliga und geplante Struktur-Veränderungen.

Sport1.de: Die Spielergehälter sind nach dem WM-Erfolg vor allem im mittleren Bereich stark nach oben gegangen. Sehen Sie darin auch eine Ursache, warum Vereine wie Essen, Nordhorn und mittlerweile auch Stralsund in solch finanziellen Problemen stecken?

Frank Bohmann: Zu Stralsund kann ich Ihnen im Moment nichts Genaueres sagen. Ich glaube allerdings nicht, dass es dort ein wesentliches Problem ist. Bei den anderen beiden Mannschaften kann ich das bestätigen. Nach der Weltmeisterschaft ist sehr viel Geld in den deutschen Handball geflossen.

Sport1.de: Wie wurden die Etats gesteigert?

Bohmann: Die Etats haben sich in der gesamten Liga von 55 auf 80 Millionen Euro gesteigert. Durch dieses vermehrte Kapital sind die Kosten gleichermaßen gestiegen. Die Klubs, die insbesondere diese Gelder vereinnahmt haben, haben sicherlich so zu einer Preisspirale beigetragen. Die Gelder sind hochgegangen. 70 Prozent der Kosten machen die Gehälter aus. Und da haben einige Klubs ihre Einnahmenstruktur nicht entsprechend anpassen können. Sowohl bei Essen als auch bei Nordhorn ist das der initiale Moment gewesen.

Sport1.de: Das Lizenzverfahren wurde auch als "nicht streng genug" angegriffen.

Bohmann: Das Dilemma wäre entweder früher oder später dagewesen. Im Nachhinein sage ich "Ja". Vielleicht hätten wir auch vorher einen harten Schnitt machen müssen. Das ist ganz klar, wobei die Entwicklungen nicht so absehbar waren, wie sie wirklich eingetroffen sind.

Sport1.de: Wurde alles offengelegt?

Bohmann: Man darf nicht vergessen, dass es sich um ein Verfahren handelt, in dem Pläne plausibel gemacht werden. Da kann immer etwas schiefgehen, wobei ich hier schon zumindest bei TuSEM und Nordhorn vermute, dass nicht alles offen gelegt wurde, was bereits vorher an Risiken bekannt war.

Sport1.de: Fürchten Sie, dass andere Klubs in den finanziellen Strudel hineingeraten?

Bohmann: Aktuell fürchte ich das nicht. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass die Konsequenzen der Kapital-Knappheit an den Märkten noch gar nicht zu uns durchgeschlagen sind. Es ist ein kleines Problem, was im Moment noch nicht akut ist. Die werden im nächsten Jahr kommen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Sport1.de: Für wann vermuten Sie diese Einflüsse?

Bohmann: Ich befürchte schon vor der nächsten Saison, also schon im nächsten Kalenderjahr. Es wird zwar in der laufenden Saison noch nicht so dramatisch sein, weil es laufende Verträge gibt. Zur neuen Saison müssen wir über viele neue Modelle nachdenken. Im Handball ist es leider so, wie in den meisten andern Sportarten auch, dass von der Hand in den Mund gelebt wird. Und dass Ausfälle nicht einfach kompensiert werden können.

Sport1.de: Muss man darüber nachdenken, die Anzahl der Bundesligavereine zu verkleinern und die Liga runter zu fahren?

Bohmann: Ob das die Lösung ist, wage ich zu bezweifeln. Ich sag mal, wenn es gelingen würde, alle Fußkranken herauszunehmen, dann könnte es eventuell ein Modell sein. Aber das verkürzt ja erst einmal wieder die Möglichkeiten, Geld einzunehmen. Das sehe ich nicht als wesentliche Lösung an. Wir müssen sicherlich dahin kommen, dass jeder Klub für sich größere Reserven schafft, um das Risiko ein Stück weiter rauszunehmen.

Sport1.de: Sehen Sie die Schere weiter auseinander laufen? Ist eine Entwicklung, wie sie in der Gesellschaft zu erkennen ist, auch im Handball zu erwarten?

Bohmann: Also darüber wird bereits seit fünf Jahren, seitdem ich beim Handball dabei bin, diskutiert. Es wird immer weiter auseinandergehen. Wir haben große Budget-Unterschiede. Die haben wir aber auch schon immer gehabt. Sportlich sehe ich es eigentlich so, abgesehen vom THW Kiel, der derzeit ein bisschen über allen steht, dass die Liga enger zusammen gerückt ist. Dass zwischen Platz zwei und 15 nicht so ein riesiger Unterschied herrscht.

Sport1.de: Allerdings zwischen Platz eins und dem Rest?

Bohmann: Ja, das ist aber unvermeidlich. Das wird auch in anderen Sportarten nie erreicht werden. Es werden nie 18 Mannschaften gleichzeitig gegen den Abstieg und um die Meisterschaft kämpfen.

Sport1.de: Am Donnerstag wird die Lizenzierungs-Kommission zusammentreffen. Was wird da der entscheidende Punkt und die entscheidende Forderung sein?

Bohmann: Akut werden wir über die Fälle Nordhorn und Essen entscheiden, ob wir hier tatsächlich ein Lizenzvergehen festgestellt haben oder nicht. Daraus werden dann möglicherweise Konsequenzen gezogen. Wir werden aber auch sicherlich über die mittelfristige Entwicklung sprechen und wie wir diese Risiken stärker vermeiden können als das bislang der Fall war.

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