Das Hamburger Modell erweist sich als erfolgreich, die Kieler Dominanz ist durchbrochen. Doch bis zu einer Wachablösung ist es noch ein weiter Weg.

Die Frage, ob der HSV Hamburg ein würdiger Deutscher Meister ist, ist schnell beantwortet: Er ist es. Wer die stärkste Liga der Welt derart dominiert, dass er drei Spieltage vor Schluss nicht mehr einzuholen ist, hat sich den Titel redlich verdient.

Das muss auch die Konkurrenz, in erster Linie die des Rekordsiegers und früheren Abonnement-Meisters THW Kiel anerkennen.

Mit beeindruckender Konstanz und Konzentrationsfähigkeit eilte Martin Schwalbs Mannschaft von Sieg zu Sieg und ließ sich bis auf minimale Ausnahmen weder von den ärgsten Konkurrenten noch von sensationslüsternen Außenseitern aus der Ruhe bringen.

Dass der Klub in seiner jahrelangen Hatz nach dem Titel enorm von privaten Mitteln des Mäzens Andreas Rudolph profitierte, steht außer Frage. Doch Geld allein bringt nicht zwangsläufig Erfolg, wie am Beispiel der Rhein-Neckar Löwen zu sehen ist.

Das Hamburger Modell hat sich jedoch als erfolgreich erwiesen, dafür sind alle Beteiligten zu beglückwünschen.

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Auch dem neutralen Beobachter sollte es gefallen, dass die einst einsamen Kreise der Kieler empfindlich gestört werden.

Schwierig gestaltet sich die Suche nach der Antwort auf die Frage, ob der HSV den THW nur zwischenzeitlich überflügelt hat, oder auch auf lange Sicht der bestimmende Klub im Land sein kann.

Auf den ersten Blick möchte man meinen, Letzteres sei der Fall. Das Meisterteam, über Jahre hinweg zu einer Spitzenmannschaft geformt, bleibt weitgehend beisammen. Die Abgänge Krzysztof Lijewski und Per Sandström werden durch Oscar Carlen und Dan Beutler allemal adäquat ersetzt.

Die Bevölkerung in Hamburg hat den Sport schon lange angenommen, mit einem Zuschauerschnitt von 10.675 Besuchern pro Spiel wird der HSV einen neuen Liga-Rekord aufstellen. Die Krise der Hamburger Fußball-Klubs könnte den Handballern in die Karten spielen, wenn es darum geht, mit dem Erfolg der Meisterschaft im Rücken neues Fanpotenzial zu erschließen.

Doch eine Unbekannte bleibt: Der Trainer ist in der kommenden Saison ein anderer. Per Carlen steht vor einer Mammut-Aufgabe. Sein Team wird ab August der Gejagte sein. Und der Schwede muss beweisen, dass er mit seinem Team in der Lage ist, das Feld von oben herab zu kontrollieren.

Nur, wenn der HSV trotz der Neuordnung im Klub - Rückzug Rudolph, Schwalb in die Geschäftsführung - dem Dauerdruck über Jahre hinweg stand hält, wird vielleicht einmal von einer Wachablösung die Rede sein dürfen.

Geschmälert werden soll der Hamburger Erfolg der Gegenwart durch den Blick in die ungewisse Zukunft jedoch keinesfalls.

Zur Erinnerung: Erst 2002 erschien der Klub auf der Handball-Landkarte. Der THW Kiel hatte zu diesem Zeitpunkt schon zehn Meistertitel auf dem Konto. Der erste davon gelang 53 Jahre nach der Vereinsgründung.

Gut möglich, dass die Kieler die Schale nur als verliehen betrachten.

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