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Andreas Thiel hat 256 Einsätze fürs deutsche Nationalteam bestritten © getty

Im SPORT1-Interview kritisiert Gummersbachs Legende die kaufmännische Weitsicht des Klubs und stellt seine VfL-Jahrhundertsieben auf.

Von Jakob Gajdzik und Daniel Michel

München - Zwischen 1979 und 1991 hat Andreas Thiel das Tor des VfL Gummersbach gehütet und die wohl erfolgreichste Zeit mit den Rheinländern erlebt:

So holte der für seine Siebenmeter-Paraden bekannte "Hexer" mit dem VfL zwei Europacup-Siege bei den Landesmeistern, fünf nationale Meisterschaften und zwei Pokalsiege.

Am Mittwoch feierte der VfL nun mit der Bundesligapartie gegen den THW Kiel (Spielbericht) in der Dortmunder Westfalenhalle sein 150-jähriges Bestehen - und zugleich die wegen Finanzproblemen erst nachträglich erhaltene Lizenz für die Toyota HBL (Bericht).

"Ich bin guten Mutes, dass sich der VfL neu aufstellen wird und sich am Grundsatz der wirtschaftlichen Vernunft orientiert", sagt Thiel im Interview mit SPORT1.

Thiel kritisiert VfL

Der 51-Jährige kritisiert allerdings auch die kaufmännischen Fähigkeiten seines Ex-Klubs.

Thiel stellt zudem seine Gummersbacher Jahrhundertsieben auf, blickt auf seine schönsten Momente mit dem VfL zurück und lobt den künftigen DHB-Bundestrainer Martin Heuberger.

SPORT1: Am Samstag waren Sie bei der 150-Jahrfeier des VfL Gummersbach zu Gast ? welche Eindrücke haben Sie mitgenommen?

Andreas Thiel: Mich hat es gefreut, viele alte Weggefährten wieder zu treffen. Das war der Hauptgrund meines Kommens. Zudem habe ich den Eindruck gewonnen: Die Region Oberberg, insbesondere der Mittelstand und die Unternehmen, hat erkannt, dass die Marke VfL Gummersbach für die Region nicht ganz unwichtig ist.

SPORT1: Werden Sie auch das Jubiläumsspiel am Mittwoch gegen den THW Kiel in der Westfalenhalle besuchen?

Thiel: Nein. Ich bin als Justiziar der HBL und als selbständiger Rechtsanwalt zeitlich sehr eingespannt. Ich muss mit meinen emotionalen und mit meinen Energie-Reserven haushalten. Rustikal gesagt: Ich habe genug Herrenhandballspiele in meinem Leben gesehen. (Datencenter Toyota HBL)

SPORT1: Pünktlich zum Jubiläum ist der VfL zum vierten Mal dem Lizenzentzug entkommen. Wie ging es Ihnen emotional, als Sie hörten, Gummersbach muss erneut um die Lizenz fürchten?

[kaltura id="0_cwcviwmw" class="full_size" title="Gummersbach zähmt Löwen"]

Thiel: Mir ging es weder gut noch schlecht. Ich sehe Lizenzvergaben mittlerweile neutral und professionell. Emotionen hat es bei mir keine gegeben. Ich bin und war den Menschen verbunden, die früher beim VfL Verantwortung getragen haben und mit denen ich zusammen gespielt habe. Mit den Verantwortlichen und Spielern von heute verbindet mich nichts.

SPORT1: Oft wird die Führungsetage des FC Bayern gelobt, weil dort ehemalige Spieler das Sagen haben. Wünschen Sie sich so ein Modell auch für den VfL?

Thiel: Dieses Modell ist wohl auf einem guten Weg. Der Aufsichtsratsvorsitzende Götz Timmerbeil hat einst als Torhüter mit dem VfL die Deutsche C-Jugendmeisterschaft gewonnen. Später war er mit mir als dritter Torhüter im Bundesligakader. Er bringt als Wirtschaftsprüfer das erforderliche Know-How mit. Ich bin guten Mutes, dass sich der VfL neu aufstellen wird und sich am Grundsatz der wirtschaftlichen Vernunft orientiert.

SPORT1: Wo hat Gummersbach nach seiner erfolgreichen Zeit die Weichen falsch gestellt?

Thiel: Ein Verein, der einer Kleinstadt oder ländlichen Region angehört, muss sich vor Augen halten: was nehme ich ein - was kann ich mit den Einnahmen ausgeben. Wenn der Verein aber versucht, mit allen Großen mitzuhalten, dann kommen irgendwann existenzielle Probleme auf.

SPORT1: Sie haben mit Gummersbach über zehn Titel gewonnen - was waren Ihre persönlich schönsten Momente?

Thiel: Der Gewinn der Deutschen Meisterschaften 1985 und 1991. Beide Male waren es sehr knappe Entscheidungen. Die Teams waren vorher nicht auf der Favoritenliste gestanden. Aber diese Teams haben die Titel geholt, weil sie mannschaftlich sehr geschlossen aufgetreten sind, was sich bis zum heutigen Tag fortsetzt: Wir haben mit dem 1991er-Team am Wochenende 20-jähriges Revival gefeiert.

SPORT1: Geht es nach Ihnen: Wie sähe die Top-Sieben des VfL Gummersbach aller Zeiten aus? Im Tor stehen natürlich Sie...

Thiel: ...auf der halbrechten Position stünde Yoon Kyung-Shin. Rechstaußen Jochen Feldhoff; in der Mitte: Erhard Wunderlich; auf Halblinks Joe Deckarm; auf Linksaußen ? ohne allen anderen wehzutun ? Heiner Brand. Diese Position hat er in seinen ersten Jahren mal gespielt. In der Kreismitte-Position: Klaus Westebbe.

SPORT1: Die Nationalmannschaft wird künftig Martin Heuberger trainieren ? eine gute Entscheidung?

Thiel: Seine Qualitäten können nicht bezweifelt werden. Vor seiner Amtszeit im Juniorenbereich haben die Teams bei internationalen Turnieren eher maue Ergebnisse erzielt. Während seiner Amtszeit kamen die Teams fast immer ins Halbfinale und haben Titel gewonnen.

SPORT1: Welchen Verlust stellt der Abgang von Heiner Brand als Bundestrainer dar?

Thiel: Der DHB verliert seinen ersten Protagonisten in vorderster Öffentlichkeitsfront. Heiner wird nicht zu Unrecht als Beckenbauer des deutschen Handballs behandelt. Aber auch für ihn gelten die Gesetzmäßigkeiten des Spielsports. Da hat er sich mit insgesamt 14 Jahren unglaublich lange gehalten.

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