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Per Carlen bestritt 329 Partien für die schwedische Nationalmannschaft © Freitag

Trainer Per Carlen setzt beim HSV auf Harmonie. Bei SPORT1 spricht er über seine Problemzone und den Einfluss des Vorgängers.

Von Annette Bachert

München - Per Carlen ist der neue Mann beim HSV Hamburg.

Als Nachfolger von Meister-Trainer Martin Schwalb tritt er an der Elbe in große Fußstapfen.

Doch der ehemalige schwedische Nationalspieler sieht in dieser Herausforderung "nur Positives". Zumal er sich mit "Schwalbe" gut versteht und die beiden in der Vergangeheit schon das ein oder andere Bier zusammen getrunken haben.

Auch die Meister-Schale, die die Hamburger in der vergangenen Saison zum ersten Mal in Händen halten durften, sieht er nicht als Belastung, sondern verweist auf die schwedische Handball-Historie.

Im SPORT1-Interview spricht der 50-Jährige über seine Philosphie, seine Problemzone und den Einfluss des Vorgängers.

SPORT1: Herr Carlen, wie sind Ihre ersten Eindrücke vom HSV?

Per Carlen: Alles ist super. Die Vorbereitung ist beim Deutschen Meister nochmal ein wenig anders. Die Spieler und das ganze Umfeld sind sehr professionell. Sich hier wohl zu fühlen ist nicht so schwer.

SPORT1: Sie sind jetzt seit gut einer Woche mit der Mannschaft zusammen. Welchen Eindruck haben Sie vom Team?

Carlen: Alle gehen volle Pulle. Seit dem ersten Training stimmt die Einstellung zu 100 Prozent. Ich versuche immer, die Mannschaft zu motivieren, und das ist bisher super gelaufen.

SPORT1: Wie sind Sie aufgenommen worden?

Carlen: Noch sind alle Spieler dabei, es gibt bisher also keine Klagen (lacht). Nein, im Ernst: Ich habe von Anfang an natürlich sehr viel mit den Spielern gesprochen. Das ist auch meine Leidenschaft. Kommunikation ist sehr wichtig. Ich versuche mit jedem Spieler einmal pro Woche zu sprechen.

SPORT1: Wie geht?s Ihrem Sohn Oscar?

Carlen: Gut. Er hat diese Woche viel Rehabilitationstraining absolviert. Aktiv kann er noch nicht mit der Mannschaft trainieren, nur bei einzelnen Pass-Übungen ist er dabei. Ich denke, es läuft alles nach Plan.

SPORT1: Wann wird man ihn wieder auf dem Feld spielen sehen?

Carlen: Das kann man jetzt noch nicht sagen. Alles braucht seine Zeit. Wir wünschen uns, dass er im Oktober wieder angreifen kann. Aber wir haben sehr viele gute Spieler. Es ist natürlich ein Problem, nur einen rechten Rückraumspieler zu haben. Aber auch Domagoj Duvnjak oder Mimi Kraus können dort spielen. Man muss immer vorsichtig mit den Spielern umgehen, die Belastung darf nicht zu hoch werden. Ich hoffe, Oscar kommt schnell zurück.

SPORT1: Auch der zweite Neuzugang, Dan Beutler, kommt aus Flensburg. War das Ihr Wunschspieler?

Carlen: Ja. Beutler mit seiner Reaktionsschnelligkeit, so einen Spieler würde jeder Verein gerne haben (126233DIASHOW: Die HBL-Wechselbörse).

SPORT1: Inwieweit haben sich die beiden Neuen schon integriert?

Carlen: Das ist bei dieser Mannschaft natürlich überhaupt kein Problem. Die Gruppe passt sehr gut zusammen, in der Mannschaft sind die richtigen Charakter, und der Respekt unter den Spielern ist sehr groß. Es ist ein richtiges Team. Ich arbeite mit Harmonie, das ist meine Philosophie. Das ist besser als Konflikte.

SPORT1: Ihr Wechsel ist ja schon seit einigen Monaten bekannt. Das heißt, Sie konnten die Mannschaft schon länger beobachten. Was muss verändert werden? Was wollen Sie verändern?

Carlen: Ich denke, man muss nicht viel verändern. Hamburg ist Deutscher Meister und Dritter in Europa. Da kann ich nicht kommen, und sagen, ich mach jetzt alles anders. Ich nehme nur kleine Veränderungen vor, beispielsweise Kleinigkeiten bei einzelnen Spielzügen und dem Tempogegenstoß. Das haben die Spieler auch schon am Training gemerkt. Aber dabei handelt es sich um einen Prozess, der länger dauert als eine Woche, vielleicht ein bis drei Jahre.

SPORT1: Abgesehen von den beiden Neuen und dem Abgang von Krysztof Lijewski hat sich der Kader nicht verändert. Ein Vorteil für Sie?

Carlen: Das ist ein ganz klarer Vorteil. Und der Trainer ist ja auch neu, das ist dann genug. So ein Trainerwechsel ist vielleicht auch schon eine entscheidende Veränderung.

SPORT1: Als Deutscher Meister sind Sie in der Rolle des Gejagten. Ist das ein Vor- oder Nachteil?

Carlen: Ich sehe darin nur Positives. Man kann damit die Spieler motivieren wenn sie müde sind oder schlecht spielen: "Jungs, wir sind Deutscher Meister". Aber ich muss aufpassen, Kiel kommt wie ein Wolf.

SPORT1: Welche Ziele haben Sie sich mit der Mannschaft gesteckt?

Carlen: Auch da habe ich viel mit den Spielern gesprochen. Gemeinsam haben wir beschlossen, dass wir in allen drei Wettbewerben vorne mitspielen wollen. Ich denke, das ist ein gutes Ziel. Man sagt oft, ein Titel muss her. Aber wir haben wieder die Chance in allen drei Wettbewerben mitzuspielen und die wollen wir nutzen.

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SPORT1: Ihr Vorgänger Martin Schwalb hat zuletzt gesagt: "Einmal kann jeder. Wir wollen uns da oben behaupten." Wie gehen Sie mit dem Druck, der daraus resultiert, um?

Carlen: Das ist eine Kopfsache. Wenn man einmal gewonnen hat, egal ob WM, EM oder Bundesliga, da hat man das Gefühl, dass man noch einmal gewinnen kann. Dass das nicht einfach ist, keine Frage. Aber da muss man nur einmal in die Historie schauen. Ich war Spieler in der schwedischen Nationalmannschaft. Wir waren immer so die achte oder neunte Mannschaft in der Welt und 1990 haben wir dann gewonnen. Und danach haben wir in zwölf Jahren elf Medaillen geholt. So wie Frankreich jetzt. Ich glaube so ein Titel ist gut, da bekommt man das richtige Gefühl.

SPORT1: Schwalb hat auch gesagt, dass er mit dem neuen Trainer viel kommunizieren wird. Wie ist ihr Verhältnis bisher?

Carlen: Wir kennen uns seit 25 Jahren. Ich habe im rechten Rückraum gespielt und er in der Abwehr. Wir haben auch nach den Spielen oft ein Bier zusammen getrunken. Ich kenne Martin nicht super super gut, aber ganz gut.

SPORT1: Befürchten Sie, dass er sich zu viel einmischen könnte?

Carlen: Natürlich kann ich nicht zu hundert Prozent sagen, dass das nicht passieren wird. Aber mein Gefühl sagt ganz klar nein, das ist auch nicht sein Charakter. Er war viele Jahre mit dem Team zusammen und kennt die Spieler einhundert Prozent besser als ich. Insofern kann und soll er mir auch Tipps geben.

SPORT1: Die Trennung von Flensburg kam damals etwas plötzlich. Wenn Sie mit Abstand zurückblicken, ist das alles fair abgelaufen?

Carlen: Das Thema ist für mich vorbei.

SPORT1: Haben Sie noch Kontakt zu den Leuten dort?

Carlen: Ja, aber nur zu den Spielern.

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