"Wir müssen das abschütteln"
Von Florian Pertsch
München - Eine Anzeige gegen den ehemaligen Geschäftsführer, Entlassungen, die Gefahr einer Insolvenz und einige Verletzte.
Für den TBV Lemgo und Chefcoach Dirk Beuchler waren die vergangenen Wochen alles andere als einfach.
Doch die DKB Handball-Bundesliga geht weiter und für Beuchler und Co. steht bereits die nächste Partie auf dem Programm.
Am Samstag treten die Ostwestfalen bei den bisher ungeschlagenen Rhein-Neckar Löwen (ab 15 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVESTREAM) an.
Dazu kommt, dass neben Patrick Johansson und Gunnar Dietrich nun auch noch Torhüter Carsten Lichtlein und Rechtsaußen Arjan Haenen für die Partie in Mannheim nicht zur Verfügung stehen. Doch Beuchler hat bereits für Ersatz gesorgt.
"Wir haben das Team mit den Youngstern Dennis Doden und Nils Prüßner aufgestockt. Wir werden das Spiel also mit zwölf Spielern beginnen", erklärt der 41-Jährige bei SPORT1.
Im SPORT1-Interview spricht Dirk Beuchler über die Chancen gegen die Löwen, den holprigen Saisonstart, die Finanzprobleme und falsche Versprechungen von Volker Zerbe.
SPORT1: Mit gerade mal zwei Siegen aus den ersten sechs Spielen verlief der Saisonstart enttäuschend. Nun geht es zu Rhein-Neckar Löwen, die ihrerseits noch ohne Punktverlust sind. Mit welchen Erwartungen fahren Sie nach Mannheim?
Beuchler: Aufgrund unserer personellen Situation mit vier Verletzten wird das natürlich eine sehr schwere Aufgabe. Wir sind aber gut vorbereitet und wir werden alles geben. Balingen hat es gegen Berlin vorgemacht, warum sollten wir das nicht gegen die Löwen hinbekommen ( DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).
SPORT1: Wo liegen Ihrer Meinung nach die Gründe für den Aufschwung der Löwen?
Beuchler: Was heißt schon Aufschwung, wenn eine Mannschaft einen Etat von sieben bis acht Millionen hat, ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, dass dieses Team unter den ersten fünf Teams der Liga landet. Die Löwen haben mit Kim Ekdahl Du Rietz und Alexander Petersson auf den beiden Halbpositionen zwei sehr starke Leute verpflichtet. Zum ohnehin schon starken Keeper Goran Stojanovic kommt jetzt auch noch Niklas Landin Jacobsen. Das ist dann wohl eines der besten Torhüter-Gespanne der Liga.
SPORT1: Stefan Kretzschmar sagte gegenüber SPORT1, dass in diesem Spiel nichts für eine Niederlage der Löwen spräche. Mit welchen Argumenten entgegnen Sie ihm?
Beuchler: Nach der Geschichte mit Fynn Holpert und Volker Zerbe, den Finanzproblemen und jetzt den Verletzten war der Saisonbeginn alles andere als optimal. Die Löwen hatten jetzt drei Wochen spielfrei, treten in eigener Halle an, und damit sind wir natürlich klarer Außenseiter. Dennoch wollen wir versuchen, unsere kleine Chance zu nutzen.
SPORT1: Was ist in den bisherigen Spielen schief gelaufen? Wo liegen die größten Problemzonen?
Beuchler: Am meisten schmerzt mich das erste Heimspiel gegen TuS N-Lübbecke. Die anderen Spiele waren eigentlich Ok. Hauptsächlich fehlt es uns an Erfahrung. Auch die mangelnden Wechselmöglichkeiten machen es manchmal etwas schwer. Wenn in den kommenden Wochen der Kader wieder vollständig ist, bin ich mir sicher, dass wir wieder in die Spur finden und ein paar Überraschungen möglich sind.
SPORT1: Inwieweit haben die Turbulenzen um die Anklage des ehemaligen Lemgoer Geschäftsführers Volker Zerbe den sportlichen Bereich bislang beeinflusst?
Beuchler: Es ging ja nicht nur um Zerbe. Das Team und auch die Trainer haben wegen der Finanzprobleme auf Gehalt verzichtet, auch wenn das Thema Holpert/Zerbe zumeist im Fokus stand. Es hat am Anfang natürlich etwas gestört, aber jetzt rede ich mit der Mannschaft nicht mehr darüber. Wir müssen das abschütteln, das muss ich von meinen Spielern verlangen können.
SPORT1: Haben Sie angesichts der prekären Lage auch um Ihren eigenen Job gefürchtet?
Beuchler: Vier Tage nach dem Saisonstart kam der Vorstand zu uns und teilte uns mit, dass es eine erhebliche Finanzlücke gibt. Mit der drohenden Insolvenz und dem Gehaltsverzicht macht man sich schon Gedanken. Jeder hängt hier an seinem Job. Als ich letzten März meine Zusage bei Lemgo gab, wurden von Holpert und Zerbe andere Sachen versprochen. Davon ist letztlich nicht sehr viel übrig geblieben. Immerhin ist jetzt die Saison gesichert, und wir können wieder in Ruhe arbeiten.
SPORT1: Die abgelaufene Saison beendete der TBV auf Rang sieben. Ist eine ähnliche Platzierung auch in dieser Saison realistisch?
Beuchler: Letztlich muss man sehen, dass wir fast 40 Prozent des Kaders neu geholt haben. Das sind alles junge frische Leute, und denen muss man eben etwas Zeit geben. Das Mittelfeld mit Wetzlar oder Melsungen ist noch ausgeglichener. Mit den Verletzten zum Start wird es schwer, den Erfolg der Vorsaison zu wiederholen. Wir können keine Wunderdinge erwarten, aber ich denke, der Verein hat Geduld, ich habe Geduld, und dann werden wir auch noch die ein oder andere Überraschung landen.