Trotz Derby-Sieg: Kieler Dominanz bröckelt
Hamburg - Es war spektakulär, hochklassig und dramatisch - und am Ende gewann wieder einmal der THW Kiel.
Der hauchdünne 33:30 (12:15)-Sieg ( Bericht) nach einer beeindruckenden Aufholjagd im Derby beim HSV Hamburg offenbarte vor allem eines: Die Souveränität des deutschen Rekordmeisters ist dahin.
Obwohl die Mannschaft von Alfred Gislason seit nunmehr 46 Spielen in der DKB Handball-Bundesliga ungeschlagen ist, dürfte es mit der Langeweile an der Ligaspitze vorbei sein.
"Die Saison wird eine ganz enge Kiste. Von den Top-Teams kann jeder jeden schlagen. Für den weiteren Verlauf der Meisterschaft hat dieser Sieg keinerlei Bedeutung", sagte Gislason.
THW wackelt bedenklich
Mit dem letzten Teil seines Fazits stapelte der Isländer freilich ein bisschen tief, im Kern lag er aber goldrichtig.
Kiel, das seit anderthalb Jahren in der Liga nicht mehr verloren hat, ist die fast schon unheimliche Dominanz des Vorjahres abhanden gekommen.
Gegen den stark ersatzgeschwächten HSV wackelte der Meister angesichts eines Fünf-Tore-Rückstands zehn Minuten vor dem Ende bedenklich.
Gislason ratlos
Vor den Augen von HSV-Fußballer Rafael van der Vaart präsentierte sich der Triple-Sieger in der mit 13.296 Zuschauern ausverkauften Hamburger Arena lange Zeit ungewohnt lethargisch und uninspiriert.
Nach gutem Beginn und einer schnellen 7:4-Führung ließ der THW, seit der Niederlage am 4. Mai 2011 in Magdeburg auf nationaler Ebene ungeschlagen, den Gastgeber gewähren und laut Gislason "aus unerklärlichen Gründen" bis auf 28:23 davonziehen.
Schwalb sieht Fehlerfestival - Jicha dreht auf
Was dann folgte, bezeichnete HSV-Trainer Martin Schwalb aus Hamburger Sicht als eine "Teufelsbrühe aus fehlender Dynamik, blöden Ballverlusten und einfachen Fehlwürfen".
Mit einer erst in der Schlussviertelstunde aggressiven Abwehr kämpfte sich Kiel Tor um Tor heran und kam vor allem dank eines am Ende überragenden Filip Jicha (8 Tore) doch noch zum Sieg ( STENOGRAMME: Der 10. Spieltag).
"Es wurde Zeit, mal wieder auf diese Art und Weise zu gewinnen", sagte Nationalspieler Dominik Klein: "Wir haben immer an uns geglaubt. Nur mit dieser Einstellung gewinnt man solche Spiele."
Beutler: "In die Hose geschissen"
HSV-Torhüter Dan Beutler gab sich in seiner Spielanalyse weit weniger diplomatisch: "Als Kiel herankam, haben wir uns plötzlich in die Hose geschissen und angefangen zu überlegen, was gerade passiert."
Auch HSV-Spielmacher Michael Kraus, der mit fünf Treffern mal wieder zu den besten Hamburgern gehörte, machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl. "Bis acht Minuten vor Schluss hätte ich keinen Cent auf Kiel gewettet", sagte Kraus.
Ende der Hamburger Titelträume
Die Niederlage bedeutet für die Hanseaten bei inzwischen 12:6-Punkten wohl das Ende aller zaghaften Titelträume.
Doch selbst für den THW, der in der vergangenen Saison mit der historischen Bestmarke von 68:0 Punkten durch die Bundesliga marschiert war, dürfte der 18. Meistertitel kein Selbstläufer werden.
Nach dem 26:26-Remis im September bei den Füchsen Berlin war der Zittersieg von Hamburg ein weiterer Beleg dafür: Kiel ist in diesem Jahr keinesfalls unschlagbar.