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Zur Saison 07/08 wechselte "Kretzsche" beim SC Magdeburg vom Spiefeld ins Management © getty

Im Interview der Woche verteilt SCM-Manager Stefan Kretzschmar ein dickes Lob und äußert sich zum Bestechungsskandal in Kiel.

Von Julian Meißner

München - Die Ikone des deutschen Handballs ist im Bürostuhl angekommen.

Was Stefan Kretzschmar anfangs noch sichtlich schwer fiel, ist mitterweile Gewohnheit geworden: Anstatt selbst auf den Handballfeldern der Nation mitzumischen, tigert er nun an Spieltagen an der Seitenlinie umher und fiebert mit seinem SC Magdeburg.

Unter der Woche fungiert der einstige Handball-Punk und 218-malige Nationalspieler als Geschäftsmann - mit gehörigem Erfolg.

Im Interview der Woche mit Sport1.de spricht "Kretzsche" über den Höhenflug des SCM, ökonomische Zwänge und Bestechung im Handball.

Sport1.de: Herr Kretzschmar, der SCM schwimmt in der Bundesliga auf einer Welle des Erfolges. Welchen Anteil daran hat der selbst ernannte "Sport-Inspektor"?

Stefan Kretzschmar: Ich mag es nicht, mich selbst zu loben. Das hat immer einen komischen Beigeschmack. Kritik fällt mir leichter. Den größeren Anteil am Erfolg hat sicher unser Trainer Michael Biegler.

Sport1.de: Was zeichnet seine Arbeit aus?

Kretzschmar: Zum einen ist er ein sehr erfahrener Trainer, der die Liga in- und auswendig kennt. Zum anderen lebt er 24 Stunden für diesen Job, und das ist keine Floskel. Er gibt in jedem Training 100 Prozent und ist mit voller Konzentration bei der Sache. Er ist außerdem ein guter Psychologe, der immer die richtige Tonlage findet. Mit all seinen Facetten ist es nahe an der Perfektion, was bei uns auf der Trainerposition geleistet wird.

Sport1.de: Ist es auch bezeichnend, dass unter ihm ein Spieler wie Damien Kabengele derart aufblüht?

Kretzschmar: Damien hat unglaubliches Talent und wahnsinnige Dynamik. Es hat mich schon gewundert, dass er vielen Vereinen gar nicht aufgefallen ist. Umso besser, dass er bei uns für drei weitere Jahre verlängert hat. Der Trainer holt momentan das Optimum aus jedem Spieler raus. Alle spielen absolut am Limit, teilweise sogar über ihren Verhältnissen.

Sport1.de: Nicht in die Erfolgsstory passt das deutliche Ausscheiden im EHF-Pokal gegen Gummersbach.

Kretzschmar: Gerade ökonomisch ist das katastrophal für uns. Wir brauchen schließlich jeden Euro. Wir hatten damit, nachdem wir so einen Lauf hatten, auch nicht gerechnet. Wenn so eine Niederlage in der Bundesliga passiert, kann man das verkraften. Aber nach dem Hinspiel hatten wir eine gute Ausgangsposition, das Aus trifft uns deshalb doppelt hart: Sportpsychologisch und ökonomisch.

Sport1.de: Einer, der nach der Pleite laut wurde, ist Silvio Heinevetter. Wie schwer wiegt sein Abgang nach der Saison zu den Füchsen?

Kretzschmar: Das muss man von zwei Seiten zu beleuchten. Qualitativ trifft uns der Verlust und wird auch nicht von einem Torhüter zu kompensieren sein. Da muss ein Gespann in die Bresche springen. Andererseits: Hätten wir Heinevetter gehalten, hätten wir uns wohl von Kabengele und Bartosz Jurecki trennen müssen. Als Manager steckt man in der Zwickmühle. Die Etats entwickeln sich - gerade aufgrund der Wirtschaftskrise - leider nicht proportional zur sportlichen Leistung. Rudi Völler aber sagt beispielsweise: Gedanken muss ich mir machen, wenn die Top-Vereine sich nicht für meine Spieler interessieren.

Sport1.de: Der SCM ist bekannt für seine gute Jugendarbeit. Ist das der Weg der Zukunft?

Kretzschmar: Wir müssen aufgrund ökonomischer Zwänge darauf setzen. Es erhöht natürlich den Identifikationsfaktor. Unsere Fans nehmen uns ab, was wir verkörpern. Spieler aus der Region sind tragende Säulen unseres Konzeptes. Die Zuschauer akzeptieren dann auch mal ein titelfreies Jahr.

Sport1.de: Wie ist die Zielsetzung für die Restsaison?

Kretzschmar: Wir wollen einfach wieder in den internationalen Wettbewerb. Das sind wir dem Verein, der Stadt und den Fans schuldig. Das ist jedes Jahr der Magdeburger Anspruch.

Sport1.de: Von außen wirkt es, als seien Sie noch recht nah an der Mannschaft. Wie würden sie die Moral des Teams beschreiben?

Kretzschmar: Die Mannschaft lebt von ihrem Zusammenhalt. Ansonsten hätten wir gar keine Chance, dort oben mitzuspielen. Von der individuellen Qualität sind uns andere Klubs weit voraus, aber wir funktionieren als Mannschaft sensationell. Nach dem Europapokal-Aus hat die Mannschaft das intern geregelt, auch wenn Heinevetter auf den Putz gehauen hat. Wir haben eine Hierarchie, in der jeder seine Meinung sagt. Diesen offenen, ehrlichen Umgang kannte ich aus meiner Zeit nicht.

Sport1.de: Wie sehen sie die Entwicklung der Füchse in ihrer "alten Liebe" Berlin?

Kretzschmar: Die Füchse haben sich nun mit Heinevetter erstmals richtig gut verstärkt. Ansonsten müssen sie erst noch nachweisen, was sie sich auf die Fahnen geschrieben haben. Uns sind beim Derby in der O2-World viele Sympathien zugeflogen. Die Reinickendorfer Füchse sind in Berlin noch nicht angekommen. Dort herrscht durch ALBA, Hertha und die Eisbären ein großer Konkurrenzkampf.

Pleiten, Skandale und gar Bestechung? Hier geht's zum zweiten Teil des Interviews

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