Hamburg steckt nach der Kiel-Klatsche in der Krise und sieht seine Ziele bedroht. Torwart Bitter bemüht martialische Rhetorik.

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Aus Hamburg berichtet Clemens Gerlach

Hamburg - Dem großen Sieger war nicht nach großer Party zumute.

"Nein, nein", sagte Alfred Gislason, "wir feiern jetzt nicht, schon am Mittwoch müssen wir wieder in der Bundesliga gegen Gummersbach ran."

Dabei hatte der Trainer des THW Kiel doppelt Grund zu ausgelassenem Treiben. Sein Team hatte an diesem Samstag gerade das Spitzenspiel der DKB Handball-Bundesliga in Hamburg mit 32:26 (16:14) gewonnen. Und Gislason wurde an diesem Tag 54 Jahre alt.

Immerhin rang sich der Isländer zu einem Dank an sein Team durch, das ihn mit einem "wichtigen Sieg" beschenkt hatte. "Besser kann es nicht sein, lächelte Gislason, "ich bin sehr glücklich." (STENOGRAMME: Der 3. Spieltag).

Geschenk für Gislason

Drei Spiele, drei Siege lautet die optimale Bilanz.

Obwohl in Daniel Narcisse, Thierry Omeyer und Marcus Ahlm drei absolute Leistungsträger in dieser Saison nicht mehr dabei sind und viele neue Spieler kamen, wirkt der THW schon wieder sehr homogen.

"Das Zusammenspiel wird immer besser", freute sich Rückraumspieler Filip Jicha. Er war mit sieben Treffern zweitbester Kieler Werfer nach Marko Vujin, dem vor 11.569 Zuschauern sogar zehn Tore geglückt waren.

"Man sieht, dass die neuen Spieler angekommen sind", ergänzte Linksaußen Gudjon Valur Sigurdsson.

Schwalb will von Müdigkeit nichts wissen

"Es macht Spaß, ich stehe da mit einem Lächeln", so Jicha, "das hätte ich vor sechs Wochen nicht gedacht, da war ich etwas besorgt."

Beim am Ende deutlich geschlagenen Gegner machte der neue Kieler Kapitän hingegen Mattigkeit aus - und hatte Verständnis dafür. "Wir kennen das Programm, das der HSV hatte, aus eigener Erfahrung. Das ist schon heftig, da muss man durch", sagte Jicha.

HSV-Trainer Martin Schwalb wollte die vielen Spiele in der Champions-League-Qualifikation gegen Berlin und der Club-Weltmeisterschaft am Arabischen Golf jedoch nicht als Grund für den Fehlstart gelten lassen.

"Kein Spieler verspürt Müdigkeit", sagte Schwalb, dessen Mannschaft sich zum Auftakt bei Aufsteiger Bergischer HC mit 27:34 blamiert hatte und nun weiter mit null Saisonpunkten dasteht.

"Ein halber Schritt fehlt"

Stattdessen bemängelte Schwalb die schwache Chancenverwertung: "Am Kreis haben wir viel verworfen, die Tempogegenstöße hätten wir besser laufen müssen."

Gut zwölf Minuten vor dem Ende stand es 23:23, dann brach der HSV ein. "Du musst gegen Kiel jeden Schritt richtig machen", sagte Schwalb, "gegen Jicha und Vujin fehlte ein halber."

Für die Hamburger war es so die sechste Niederlage gegen Kiel in der Bundesliga nacheinander. "Das tut uns sehr weh", sagt Schwalb.

Der einzige Sieg gegen den großen Nordrivalen gelang zuletzt beim Final Four der Champions League im Juni dieses Jahres.

"Das waren zwei Riesentage, da hat alles gepasst", sagt HSV-Routinier Pascal Hens. Wie Torsten Jansen war er vor der Partie für zehn Jahre Zugehörigkeit zum HSV Handball mit einem Präsent bedacht worden war.

Trainer fordert Kampfgeist

Die Erinnerung ist süß, der Alltag hingegen trist. Zwei Niederlagen in zwei Bundesligaspielen zehren am Selbstbewusstsein.

Hens weiß, dass es diese Saison mit der anvisierten Meisterschaft schwer werden dürfte. "Vier verlorene Punkte sind eine Hypothek für uns, keine Frage", so der 33-Jährige.

Coach Schwalb fordert von seiner Mannschaft "sich in solchen Kämpfen weiterzuentwickeln".

Neun neue Spieler hat der HSV geholt. Der Umbruch aber erfordert wohl mehr Zeit als gedacht. "Wir müssen Geduld haben", sagt Hens.

Besser als erträumt

Teamkollege Hans Lindberg, achtfacher Torschütze gegen Kiel, gibt sich keinen Illusionen hin. "Es dauert, die Fehler zu korrigieren", sagt der dänische Rechtsaußen.

Immerhin grämt sich Lindberg nicht: "Wir haben keine Zeit, uns zu ärgern, bald schon wieder steht ein Spiel an." Am Mittwoch gastiert Wetzlar, da muss ein Sieg her. Sonst dürfte es noch ungemütlicher beim Club mit den großen Ambitionen werden.

THW-Coach Gislason kann hingegen ganz locker sein. Die überzeugende Leistung seiner Mannschaft hat ihm etwaige Zweifel genommen. "Das war ein besseres Resultat als erträumt"?, so Gislason und lobte sich selbst: "Entscheidend war, dass wir auf zwei Kreisläufer umgestellt haben."

Martialische Rhetorik

Mit dieser Taktik kam der HSV in der zweiten Halbzeit immer schlechter zurecht. "Das Spiel ist lange offen, dann machen wir wieder Sachen wie beim Bergischen HC und werden hektisch", ächzte HSV-Torwart Johannes Bitter.

Dass die Lage brenzlig ist, sieht er selbst. "Wir müssen da rauskommen", fordert Bitter. Nur wie? Der Keeper hält kurz inne. Der HSV hat offenbar echte Probleme, denn es folgt martialische Rheorik, und das am zweiten Spieltag.

Johannes Bitter sagt: "Wir müssen kratzen und beißen."

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