Uwe Schwenker hat das Recht auf einen Neuanfang. Und er kann Reiner Witte als Liga-Präsident mehr als ersetzen. Seine Antrittsworte sind vielversprechend. Nun müssen alle mitziehen.

Hallo Handball-Fans,

Uwe Schwenker ist neuer Präsident der DKB Handball-Bundesliga (Bericht). Diese Nachricht lässt im ersten Moment unweigerlich die Vergangenheit wieder lebendig werden.

Rückblende: Schwenker war beim THW Kiel ab 1992 fast 17 Jahre lang der mächtigste Manager im deutschen Handball. Gewaltige Erfolge und patriarchalisches Auftreten brachten ihm den Beinamen "Hoeneß des Handballs" ein, was zu jenen Zeiten noch als uneingeschränktes Kompliment zu verstehen war.

Es folgte ein Absturz ins Bodenlose. Manipulationsvorwürfe rund um das Finale der Champions League 2007 gegen die SG Flensburg-Handewitt und ein medienwirksames, jahrelanges Justizspektakel kosteten Schwenker nicht nur den Job beim THW, sondern auch seine Reputation und ganz viel Lebensqualität.

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Nun kann man zu Schwenker und den Vorkommnissen von damals stehen wie man will, eines ist Fakt: der gebürtige Bremer ist seinerzeit in allen Punkten freigesprochen worden. Und deshalb hat er selbstverständlich auch das uneingeschränkte Recht auf diesen persönlichen Neuanfang. So sollte der Rechtsstaat funktionieren. (SHOP: Jetzt Handball-Artikel kaufen)

Lassen wir also die Vergangenheit im Fall Schwenker ruhen. Blicken wir auf die Zukunft.

Der deutsche Handball steckt vor allen Dingen durch die jüngsten Misserfolge der Nationalmannschaft in einer existenziellen Krise. Jetzt bedarf es Veränderungen und Verbesserungen auf allen Ebenen. Selbstverständlich auch bei der DKB HBL.

Man kann nicht gerade behaupten, dass der Handball in diesen Landen in der jüngeren Vergangenheit von einem Überangebot an fähigen Führungspersönlichkeiten zu berichten wusste.

Deshalb ist für mich die Inthronisierung Schwenkers ein Hoffnungsschimmer. Seine Erfolge als THW-Macher lassen nämlich keinen anderen Schluss zu: der Mann hat was drauf, den kann man gebrauchen.

Vorausgesetzt der 55-jährige betrachtet sein neues Amt als Dienst im Sinne des Handballs und nicht nur als Plattform zur persönlichen 'Re-Profilierung'.

Schwenkers Vorgänger Reiner Witte hat sicher seine Verdienste, aber die Strahlkraft und das Know-how eines Schwenkers hat er nicht. Vor allem in Sachen Zusammenarbeit mit der EHF werden Witte aus der Szene große Versäumnisse nachgesagt.

Schwenker hat zu seiner Wahl etwas gesagt, was Hoffnung macht. Er wolle "keine Grüppchenbildung mehr" im deutschen Handball. "Das Wichtigste sei", so Schwenker weiter, "dass wir ein großes Miteinander haben und dass wir die Gesamtinteressen über die Einzelinteressen stellen." Das wäre mal was!

Viel zu häufig waren sich die entscheidenden Protagonisten im deutschen Handball in der Vergangenheit nämlich nicht grün. Viel zu häufig ging es mehr um persönliche Eitelkeiten als um die richtigen Maßnahmen im Sinne der Sache.

Nur ein Beispiel: Hinter vorgehaltener Hand wird von Insidern immer wieder berichtet, dass sich die beiden Geschäftsführer der DKB HBL im Grunde nicht wirklich miteinander unterhalten. Wie soll so etwas Gutes gedeihen?

Uwe Schwenker, der ehemals polarisierende und knallharte Manager des THW Kiel, jetzt also in der Rolle des Vermittlers in hiesigen Handball-Gefilden? Zugegeben, das klingt noch etwas gewöhnungsbedürftig, aber ich will an dieser Stelle einfach mal naiv an das Gute glauben.

Sollte Schwenker tatsächlich ein echter Schulterschluss der entscheidenden Kräfte gelingen, wäre das ein überragender Erfolg. Darum muss es jetzt nämlich gehen. Kräfte bündeln, in eine gemeinsame Richtung laufen, die Topleute nebeneinander und miteinander - nur so hat der Handball hier die Chance, altes Gewicht wiederzugewinnen.

Das neue Präsidium der DKB HBL allgemein, nicht nur Schwenker allein, gibt übrigens durchaus dezenten Anlass, an Besserung zu glauben. Der unaufgeregte und solide im Hintergrund arbeitende Marc-Hendrik Schmedt vom SC Magdeburg und der Nachwuchstar unter den Bundesliga-Managern, Benjamin Chatton aus Hannover allen voran.

Dazu natürlich die neuen Macher beim DHB. Präsident Bernhard Bauer scheint nach einer Eingewöhnungsphase seinen Stil gefunden zu haben. Und die Wichtigkeit und die Qualitäten von Vize Bob Hanning stehen ohnehin außer Frage.

Aber er kann es nicht alleine reißen, der Bob. Wichtig wäre, dass er noch besser mit anderen Alpha-Tieren und starken Persönlichkeiten kann.

Diese Aufzählung macht zumindest deutlich: da sind jetzt durchaus fähige Leute am Werk. Also: bitte, bitte, im Sinne des Handballs, Schluss mit zu großem Egoismus, alle zusammen, kritisch, aber konstruktiv, dann kann sie gelingen: die Wiederbelebung des deutschen Handballs.

Euer Markus Götz

Markus Götz, 40, kommentiert seit 2003 für SPORT1 Spiele der Handball-Bundesliga, des DHB-Pokals sowie bei Welt- und Europameisterschaften. Als Aktiver spielte er bei der TSG Ehingen. Für SPORT1.de nimmt er regelmäßig Themen im Handballsport unter die Lupe. Mehr zu Markus Götz finden Sie unter http://www.markusgoetz.de

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