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MATTHIAS GINTER (ab 90.): Kommt für seinen verletzten Dortmunder Teamkollegen noch zu einem Kurzeinsatz. Ohne Bewertung
Der THW Kiel gewann 2007 die Champions League gegen Flensburg © getty

Die doppelte Aufholjagd des THW beim Final Four in Köln beschert Kiel den zweiten Champions-League-Triumph der Vereinsgeschichte.

Aus Köln berichtet Julian Meißner

Köln - Daniel Narcisse strahlte bis über beide Ohren, als er sich mit der neu gestalteten Champions League-Trophäe in den Armen auf den Weg in die Kabine machte.

Der Franzose, der sich Weltmeister, Europameister und Olympiasieger nennen darf, hatte soeben mit seinem THW Kiel auch noch den wichtigsten Titel im Vereinshandball eingefahren.

"Wir haben ein unglaubliches Turnier gespielt", sagte der 30-Jährige nach dem dramatischen Endspielsieg über den FC Barcelona im Gespräch mit SPORT1: "Ich bin sehr, sehr stolz."

Kiel dreht zwei Partien

Unglaublich war tatsächlich, dass der deutsche Rekordmeister bei der Premiere des Final Four in Köln gleich zweimal gegen die Konkurrenz aus Spanien deutlich zurücklag und die Spiele dank unbändigen Willens jeweils noch drehte.

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Am Ende steht der zweite Triumph in der Champions League nach 2007 bei der fünften Kieler Finalteilnahme.

"Man muss immer an sich glauben, immer alles geben, bevor es zu spät ist", sagte Narcisse: "Für solche Spiele arbeitet man das ganze Jahr. Wenn sie da sind, muss man die Gelegenheit nutzen."

Im Endspiel zog Rekordsieger Barcelona den Kürzeren, im Halbfinale tags zuvor hatte Titelverteidiger Ciudad Real den Kieler Kampfgeist zu spüren bekommen.

"Wir haben Charakter gezeigt"

Mit 36:34 (17:20) triumphierten die "Zebras" am Sonntag im Tollhaus Lanxess-Arena vor der Europacup-Rekordkulisse von 19.374 Zuschauern, nachdem die stark aufspielenden Katalanen schon wie der sichere Sieger ausgesehen hatten.

"Ich habe keine Worte. Ich kann nicht verstehen, dass wir das Spiel noch gedreht haben", meinte THW-Linksaußen Dominik Klein, der an gleicher Stelle vor gut drei Jahren noch den Weltmeister-Pokal in die Höhe gestemmt hatte.

Und Kiels Trainer Alfred Gislason sagte: "Wir haben einen unglaublichen Charakter gezeigt. Wir sahen in der 45. Minute wie der Verlierer aus, haben uns wieder reingekämpft und verdient gewonnen."

Pascual ein fairer Verlierer

Der Isländer war aber in seinen Gedanken auch beim unterlegenen Gegner: "Bei der Siegerehrung konnte ich mich kaum freuen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie bitter das ist und hoffe, wir sehen uns im nächsten Jahr wieder. Barcelona ist eine große Mannschaft."

Barca-Trainer Xavi Pascual zeigte sich als fairer Verlierer: "Glückwunsch an den THW Kiel zum Sieg und an die EHF für dieses tolle Event. In der ersten Halbzeit haben wir sehr gut gespielt, am Ende hatte Kiel die besseren Schützen."

Der Schlüssel zum Sieg

Die Spanier hatten in der Tat die Partie über weite Strecken mit bärenstarker Abwehr und variablem Angriffspiel dominiert, ehe der THW-Express auch dank der lautstarken Unterstützung der Fans ins Rollen kam.

"Wir waren eigentlich platt Anfang der zweiten Halbzeit", analysierte THW-Kapitän Marcus Ahlm im Gespräch mit SPORT1: "Aber dann haben wir mehr zwischen Angriff und Abwehr gewechselt. Es war der Schlüssel zum Sieg, dass wir frische Kräfte hatten."

Gislason setzt auf die richtigen Spieler

Zuviel lief in dieser Phase über Filip Jicha, der im Finale elf Treffer erzielte, sein Team lange überhaupt im Spiel hielt, und sich mit insgesamt 119 Toren die Torjäger-Krone der Königsklasse sicherte. Doch am Ende ging dem Tschechen einfach die Luft aus.

Gislason brachte Börge Lund für den Rückraum, schickte Igor Anic an den Kreis und Henrik Lundström auf Linksaußen. Alle drei fügten sich prächtig ein und halfen, den zwischenzeitlichen Sechs-Tore-Rückstand (19:25/41.) noch zu drehen.

"Es war eine überragende Leistung aller Spieler", sagte Ahlm, der bei seinem Lob auch die Zuschauer nicht vergaß: "Die Stimmung war fantastisch, wir müssen uns bei den Fans bedanken. So etwas erlebt man nicht alle Tage."

Psychospielchen von Omeyer

Zum Matchwinner wurde in der Schlussphase wie schon gegen Ciudad Real Torhüter Thierry Omeyer, der die Barca-Stars immer wieder zur Verzweiflung brachte - darunter auch Linksaußen Juanin Garcia (13/9), der eine wahre Galavorstellung ablieferte.

"Das ist sein Ding", meinte Ahlm über den französischen Ausnahmekeeper: "Oft dreht er auf, wenn es wirklich um etwas geht. Er kann über die Psychologie ein Spiel drehen und hat die Stärke, sich unheimlich zu steigern."

Dass "Titi" es bisweilen mit seinen Psycho-Spielchen übertreibt, war unmittelbar nach Abpfiff zu sehen, es kam zu einem handfesten Streit mit den Spielern der Blaugranas.

Jetzt soll die Meisterschaft her

Als die ersten Siegesgesänge aus dem Kieler Kabinentrakt ertönten, richtete Narcisse den Blick schon wieder nach vorne - auf den nächsten Titel, der seine ohnehin schon illustre Sammlung komplettieren soll.

"Wir haben noch zwei Spiele", sagte das Rückraum-Ass des Bundesliga-Tabellenführers: "Das wird sehr schwer, denn wir sind alle ziemlich kaputt. Jetzt müssen wir das letzte bisschen Energie aus uns herausholen."

Dennoch zog "Air France", der vor der Saison aus Chambery an die Förde gewechselt war, ein erstes kleines Fazit: "Es war vielleicht das schwierigste Jahr in meiner Karriere, weil ich so viele Verletzungen hatte. Aber ich habe immer gekämpft. Und für das erste Jahr nach so einem Umbruch ist es schon jetzt unglaublich, was wir erreicht haben."

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